Bergsteiger im Sonnenaufgang auf Skitour am Berg

Auf ins Leben – der Blick zweier Generationen auf die Berge

Urgestein Alexander Huber und Youngster Philipp Reiter stehen für zwei Generationen und eine Passion: Die beiden nehmen uns mit hinaus und zeigen uns ihre Perspektive auf die Faszination der Berge.

 

Alexander Huber wurde im Duo mit seinem Bruder Thomas als die »Huberbuam« weltberühmt. Heute ist Alexander 55 Jahre alt und blickt auf ein Bergsteigerleben zurück, das Millionen von Menschen inspiriert hat. Philipp Reiter ist mit seinen 32 Jahren ein beachteter Newcomer, mehrfacher Deutscher Meister im Skibergsteigen und erfolgreicher Trailläufer. Hoch hinaus ging’s für die beiden schon früh.

 

Philipp, wie bist du zum Bergliebhaber geworden?

Als Kinder haben wir mit meinen Eltern im Freien übernachtet, am Lagerfeuer gesessen, waren mit dem Mountainbike oder auf Klettersteigen unterwegs. Die Liebe zum Abenteuer wurde früh in mir geweckt. Heute sehe ich von der Terrasse auf meinen Hausberg, den Hochstaufen. Ich war da schon an die 300 Mal oben. Die Weite der Berge zieht mich einfach an.

Was suchst du da oben?

Ich will raus aus der Komfortzone und rein ins Unbekannte. In der Natur komme ich mir selbst viel näher, fühle mich authentischer als in einer künstlichen Umgebung.

Skibergsteiger, Trailrunner, Kletterer … wie bezeichnest du dich selbst?

Begonnen hat es mit dem Skibergsteigen. Wir hatten eine super Trainingsgruppe, waren immer aktiv. Mit Anton Palzer, der heute als Radprofi für BORA-hansgrohe fährt, bin ich meine ersten 100 Kilometer geradelt, habe meine erste Watzmann-Überschreitung gemacht. Wettkämpfe bestritt ich vor allem, um die Welt zu entdecken. Ich bin ein 6-Tage-Rennen durch den Dschungel von Costa Rica gelaufen, in Südafrika über Stacheldrahtzäune gesprungen, in Tibet bis auf 4000 Meter hochgerannt. Der Sport hat mir diese Reisen ermöglicht. Deshalb hatte ich immer genug Motivation zu trainieren. Und heute würde ich mich wohl als einen Outdoor-Enthusiasten bezeichnen.

Alexander, warum hast du dein Leben den Bergen gewidmet?

Mein Vater war in der Welt der Berge zuhause, und so war es auch ich. Die 4000er der Westalpen waren die ersten Berge, die mich fasziniert haben. Es war immer die Suche nach dem Abenteuer, das ich in den großen Bergen und der senkrechten Welt des Kletterns gesehen habe.

Hast du gefunden, was du gesucht hast?

Ja, sonst hätte ich es nicht weiterverfolgt. Bei mir war es wirklich ganz einfach: Ich liebe es, dort draußen zu sein. Gerne auch dort, wo es nicht die Massen hinzieht, sondern dort, wo ich mich alleine mit dem Berg auseinandersetzen kann.

Ist Bergsteigen dein Sport oder deine Lebensphilosophie?

Beides. Sport, weil wir uns fordern und an unsere physischen Grenzen gehen. Lebensphilosophie, weil beim Bergsteigen das Abenteuer essentiell ist. Wir setzen uns bewusst der wilden Natur aus, um uns in den damit verbundenen Gefahren zu bewähren.

Alexander Huber war der erste Mensch, der eine Route mit dem Schwierigkeitsgrad 11+ kletterte, er realisierte einige der schwersten Free Solos (ohne Sicherung) und machte auch im Extremalpinismus auf sich aufmerksam, z. B. mit der Erstbegehung der Westwand am Latok II (7108 Meter) in Pakistan. Philipp Reiter überquerte die Alpen per Skitour von Wien nach Nizza in 36 Tagen. Für das Projekt „5 Tage, 7 Summits“ bestieg er die höchsten Gipfel der sieben Alpenländer, eine Tour mit knapp 17 000 Höhenmeter. Worum geht’s dabei? Um Rekorde? Oder „nur“ ums pure Leben?

 

Philipp, sind Rekordtouren für einen selbst? Oder für die Aufmerksamkeit?

Ich habe schon solche Sachen gemacht, da gab es noch nicht einmal Facebook. Und ich mache es heute nicht anders, als früher. Nur kann ich es größer spielen. Ein Smartphone ist ja ein Broadcast-Studio. Im Kern der Sache hat sich aber nichts verändert. Und das ist mir wichtig: Wir hatten immer unseren eigenen Antrieb. Als Teenies sind wir barfuß den Grünstein hochgelaufen. Keine Ahnung, warum! Dann wollten wir wissen, wie oft wir aufs Hocheck laufen können. Wir legten ein Lebensmitteldepot an und sind da an einem Tag dreimal hochmarschiert, mehr als 6000 Höhenmeter. Meine Eltern haben uns abends abgeholt, beim Essengehen bin ich mit dem Gesicht in der Pizza eingeschlafen, weil ich so fertig war.

»Es gefällt mir, wenn eine Aktivität eine Botschaft hat.«

Philipp Reiter

700 Kilometer durch die Pyrenäen

 

Wie wählst du deine Projekte heute aus?

Auch bei mir gibt es eine Art Evolution. Den Watzmann hochrennen, das müsste ich derzeit nicht. In Rennen orientiert man sich häufig an gesteckten Fahnen und schaltet das Hirn aus. Inzwischen gefällt es mir, wenn eine Aktivität eine Botschaft hat. 2020 liefen wir entlang der historischen Linien des Ersten Weltkriegs in den Alpen, in einer Staffel mit Italienern, Österreichern und Deutschen. Es gab Zeiten, zu denen wir nicht gemeinsam im Camper gelegen und Bier getrunken hätten. Das war ein schönes Erlebnis. Und blieb mir stärker in Erinnerung als ein rein sportlicher Wettkampf.

Ihr habt mehrfach versucht, auf Ski die Pyrenäen vom Mittelmeer zum Atlantik zu überqueren. Leider war zu wenig Schnee. Wie erlebst du den Klimawandel?

Extrem. Wir haben die 700 Kilometer durch die Pyrenäen am Ende mit dem Bike absolviert, nur einige ausgewählte Gipfel mit Ski bestiegen. Vielleicht ist diese Tour nie wieder komplett mit Ski zu laufen, so wie es schon vor 60 Jahren gemacht wurde. Es war eine faszinierende Reise, von der auch gerade ein Film geschnitten wird. Wir haben Menschen getroffen, die sehr besorgt waren. Sie erzählten uns, dass in den Pyrenäen inzwischen Bedingungen herrschen, wie sie für das marokkanische Atlasgebirge typisch sind.

 

Von Großer Zinne bis Karakorum

 

Alexander, welches Projekt steht gerade an?

Das ist glücklicherweise gar nicht mehr so wichtig. Wichtig ist, dass ich dort draußen Freude habe. In meinem Alter brauchst du nicht glauben, dass du noch irgendetwas sportlich Relevantes reißen kannst. Ich habe früher viele Highlights erlebt. Das Niveau habe ich heute nicht mehr.

Kommen dir die Leistungen von damals surreal vor?

Nein, das ist alles noch sehr nah, sehr real und absolut nachvollziehbar. Bei einigen Sachen hätte ich auch noch nachtarocken können. Aber ich habe die Entscheidung getroffen, das nicht zu tun. Ich konnte schöne Projekte für mich realisieren und dafür bin ich dankbar.

Welche Touren waren die einprägsamsten?

Für mich ist es die Summe der Begehungen, ein Ranking möchte ich gar nicht abgeben. Aber es gibt eine Sammlung von Eckpfeilern. Beim Sportklettern sind das die Routen Weiße Rose und Open Air, das Erobern eines neuen Horizonts, des oberen elften Grads. Die Free Solos am Grand Capucin oder an der Direttissima der Großen Zinne. Der obere zehnte Grad Free Solo mit der Route Kommunist. Expeditionsmäßig wohl der Latok II, die gewaltige Westwand bis auf über 7000 Meter rauf, das war eine neue Dimension. Auch die Begehung Eternal Flame im Karakorum mit Kletterpassagen bis in den zehnten Grad auf 6000 Meter Höhe war einmalig. Und nicht zu vergessen: Die Huberbuam halten nach wie vor den Speedrekord an der Zodiac am El Capitan.

»Es war in der Zeit richtig, es zu machen. Heute würde ich es nicht mehr tun.«

Alexander Huber

 

Rekorde und Risiko

 

Sind Rekorde in der heutigen Welt wichtiger als früher?

Ich denke, man hat immer versucht, das Maximum herauszuholen. Der Sport lebt von der Jagd nach Rekorden. Du musst der Schnellste oder der Erste sein. Nachdem Reinhold Messner und Peter Habeler ohne Flaschensauerstoff auf den Mount Everest gestiegen sind, waren sie weltberühmt. Der nächste Bergsteiger, der das gemacht hat, war Hans Engel. Kennst du den Hans Engel?

Nein.

Siehst du …

Und wenn’s kein Rekord ist? Was macht das Bergsteigen für dich zum Erfolg?

Einen Berg über eine gewisse Linie hinaufzusteigen, hat für mich etwas von einem schöpferischen Akt. Man hat den Berg nicht verändert. Aber man hat für sich das Bild des Bergs verändert.

Was würdest du nicht mehr tun?

Die Latok II Westwand. Die hat Gefahren in sich getragen, die nicht vollends kontrollierbar waren. Ich denke, es war in der Zeit richtig, es zu machen. Aber heute würde ich es nicht mehr tun.

Weil?

Ich es schon gemacht habe. Das Risiko muss ich nicht mehr eingehen. Bei meinen Free Solos war‘s das Gleiche: Ich habe einige Highlights gesetzt. Und dann damit aufgehört.

 

Wenn Alexander Huber und Philipp Reiter dort oben stehen, genießen Sie den Blick. Und machen sich ihre Gedanken. Über das, was war – und das, was noch kommen wird.

 

Philipp, was denkst du dir, wenn du von oben auf die Welt blickst?

Viele Menschen nehmen sich und ihr Leben sehr wichtig. Wenn man rauszoomt, sieht man die wahren Dimensionen, die Kräfteverhältnisse, wie klein der Mensch ist. Das erlebt man in verschiedenen Disziplinen. Wenn du bei minus 20 Grad in einem Schneesturm steckst. Oder bei brutalem Gegenwind auch mit dem besten Karbonrad nicht mehr vorankommst. In einer Welt, in der wir vermeintlich alles managen können, sind wir massiven Grenzen ausgesetzt. Wir können uns im T-Shirt nach draußen setzen. Unsere Wohlfühltemperatur umfasst aber nicht mehr als ein paar Grad, sonst ist es schon wieder zu kalt oder zu warm. Wo wir überhaupt wie leben können, ist extrem limitiert. Das Rauszoomen ist eine dankbare Möglichkeit, die Dinge besser einzuordnen.

Warum zieht es die Menschen mehr denn je nach draußen?

Vielleicht, weil sie mehr denn je drinnen sind? Ich würde nicht sagen, dass die Leute naturbewusster geworden sind. Es ist eine Art Lifestyle, sportlich zu sein. Vor 15 Jahren bin ich bei einer Skitour auf dem Gipfel angekommen und die Leute haben geklatscht! Weil ein junger Kerl diese lange Tour auf sich genommen hat! Das würde dir heute nicht mehr passieren. Körperliche Anstrengung ist angesagt, gerade in der jungen Zielgruppe. Und die zeigt das gerne über Social Media.

Sollen noch mehr Menschen in die Berge kommen?

Tja, das ist ein Paradoxon. Man macht es salonfähig, obwohl man die Berge lieber für sich hat. Wer möchte schon auf einem überfüllten Gipfel stehen? Oder unten keinen Parkplatz mehr kriegen? Ich lebe im Berchtesgadener Land, das ist wunderschön. Im Nationalpark am Königsee hast du aber gleichzeitig eine der beliebtesten Touristenmeilen Deutschlands. Vielleicht sollte man den Tourismus konzentrieren, wo es eh schon Lifte oder ein Downhillpark gibt. Weniger belebte Regionen könnte man belassen, wie sie sind. Wer sich dafür interessiert, der wird sie finden.

»Am Ende geht es ums Abenteuer. Mal mit anderen, mal alleine.«

— Philipp Reiter

Laufen durch einen mystischen Wald

 

Wie verändern neue Technologien das Entdecken?

Abenteuer heißt, dass ich nicht genau weiß, was mich erwartet. Der Bergsport sollte eine Entdeckungsreise bleiben. Es ärgert mich, wenn ich in einem Blogeintrag die GPX-Daten einer 45 Grad steilen Abfahrt finde, die ich über die andere, flachere Bergseite erreichen kann. Das ist gefährlich! Wenn die Rinne eisig ist, machst du den Abgang. Deshalb sollte man den Hang von unten hochsteigen, um zu spüren, ob man umdrehen muss. Wir leben in einer Instant-Gesellschaft, man kann sich fast alles kaufen. Im achten Grad zu klettern, kann man sich aber auch für 10 Millionen nicht kaufen. Das ist das Schöne am Bergsteigen: Ich kann die Dinge nicht einfach überspringen. Dabei sollte es nach Möglichkeit auch bleiben.

Wirst du durch das Bergsteigen in 20 Jahren ein anderer Mensch sein?

Ich hoffe, dass mein Erfahrungsschatz wächst. Ansonsten werde ich wohl der bleiben, der ich bin.

Und worum geht’s am Ende?

Um das Abenteuer. Mal mit anderen, mal alleine. Mal mit Botschaft, manchmal nicht. Wir haben die Möglichkeit, so viel zu erleben. Geschieht es zu schnell, hat man das Gefühl, gar nicht mehr zu wissen, was genau passiert ist. Wie früher bei einer Diskette, die wurde überschrieben, wenn sie voll war. Ich denke, in unserer beschleunigten Welt ist es wichtig, sich Zeit nehmen. Und sei es nur für einen lockeren Lauf bei Regen durch einen mystischen Wald, in dem die Nebelfetzen hängen.

Matterhorn, Watzmann, Latok

 

Alexander, wie würdest du deinen Blick auf die Welt beschreiben?

Man kann sich Gedanken über die ganze Welt machen, was wir auf diesem Planeten hier insgesamt so veranstalten. Aber ich selbst kann das nicht grundlegend ändern. In deiner eigenen kleinen Welt kannst du Dinge entscheiden. Darauf konzentriere ich mich.

Sind die Berge überlaufen?

Berge wie der Mount Everest mit Sicherheit. Wer den besteigen möchte, soll das tun. Ich muss das nicht. Ich kann nachvollziehen, dass die Sherpas von den Bergen ihrer Heimat leben wollen. Die Berge werden verkauft, so wie wir es auch in den Alpen tun. Ich persönlich suche Berge, die keiner kennt. Die Latoks im Karakorum sind kaum präsent. Das liegt daran, dass keiner erzählt, wie geil es da oben ist. Weil nämlich kaum einer rauf kommt.

Und in den heimischen Bergen?

Gilt das ebenso. Wenn ich am Normalweg von Matterhorn, Mont Blanc oder Watzmann unterwegs bin, werde ich von Touristen überrannt. Für mich kein Problem, ich gehe da nicht hin. Ich muss aber auch nicht immer alleine sein. Ich bin gerne mit einer Gruppe von Freunden in den Bergen.

»Ich bin ein Momentensammler.«

— Alexander Huber

Mal eine besonders skurrile Situation dort draußen erlebt?

2022 bezogen wir am Shivling unser Basislager zum Meru. Wir trafen auf eine bunte Truppe an Leuten, die ihre Expedition über eine Agentur gebucht hatten. Alle total gipfelferngesteuert. Mir wurde zugetragen, dass der indische Camp-Manager Probleme habe. Es war mehr als das: Der Mann lag im Endstadium von Hirn- und Lungenödem schwer somnolent in seinem Zelt. Ich habe ihn akut behandelt, Fortecortin gespritzt und Nifedipin gegeben. Dann haben wir ihn runtergebracht, von 4300 auf etwa 3600 Meter, um das Überleben zu sichern, bis tatsächlich ein Hubschrauber kam. Oben im Basislager wurde das Schicksal des Mannes nicht weiter thematisiert. Schweizer, Holländer, Deutsche, Norweger … weiß der Kuckuck, woher die alle kamen. Sie zeigten sich in keiner Weise berührt. Das Leben eines Inders, der vor Ort engagiert wurde, war offensichtlich nicht viel wert. Diesen Bergsteigern muss ich leider sagen: Ihr habt da eine ganze Menge falsch verstanden.

 

Ewige Momente in den Bergen

 

Haben dich die Berge verändert?

Man verändert sich mit jedem Berg und mit jedem Tag am Berg. Manche hinterlassen große, andere kleinere Spuren. Jedes Erlebnis hinterlässt einen Eintrag in dir, aber das originäre Erlebnis beim ersten Mal ist immer das eindrücklichste. Deshalb strebe ich nicht danach, Dinge zu kopieren. Weil ich glaube, dass es die Strahlkraft des Originals verschleiern kann.

Worum geht’s am Ende?

Ich bin Momentensammler. Wenn ich voll engagiert am Berg unterwegs bin, denke ich nicht an das Gestern oder an das Morgen, sondern lebe im Jetzt. Du gehst vollkommen im Moment auf, und das schafft eindrucksvolle Erinnerungen. Das sind dann die bunten Seiten im Buch meiner Erinnerungen, und dieses Buch ist der wahre Wert, den wir vom Berg mit nach Hause bringen. Die Berge können wir nicht mitnehmen. Wir bezwingen keinen Berg, denn der Berg lässt sich nicht besiegen. Es ist dem Berg ja völlig egal, ob wir da raufsteigen oder nicht. Aber am Ende des Tages können wir mit einem schönen Erlebnis zurückkehren. Das ist es, warum wir dort draußen sind.

Interviews by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 12/2024

 

@ALEXANDER_HUBERBUAM

@PHILIPPREITER007

 

Photos: @the.adventure.bakery; Arcteryx; Alexander Huber; Jan Vincent Kleine; Philipp Reiter

Bergsteiger Alexander Huber in vertikaler Felswand vor strahlend blauem Himmel

Lindsey Vonn of the United States of America poses for a photograph prior to the alpine ski worldcup in Kitzbuehel, Austria on January 24, 2020.

Lindsey Vonn über ihre Träume und das Vertrauen in sich selbst

Mit 41 Jahren plant Ski-Legende Lindsey Vonn bei Olympia 2026 in Cortina d’Ampezzo den großen Coup. Warum sie das tut? Weil sie nur wissen kann, ob‘s funktioniert … wenn sie es wirklich versucht.

 

Lindsey, was sind deine ersten Erinnerungen ans Skifahren?

Ich erinnere mich an die Tage, in denen ich als kleines Mädchen mit meinem Vater in Minnesota beim Skifahren war. Es war sehr, sehr kalt. Ich erinnere mich, dass er mich immer in eine Hütte mitgenommen hat, wo wir heiße Schokolade und Donuts mit Streusel gegessen haben.

War das eine Art Bestechung?

So ungefähr. Die Schokoladenpause war wohl die einzige Möglichkeit mich dazu zu bringen, bei dieser Kälte einen ganzen Tag Ski zu fahren.

Dein Vater erkannte früh, was in dir steckte. Als du elf Jahre alt warst, zog deine Familie nach Vail in Colorado, um dein Talent gezielt zu fördern. Welche Faktoren waren entscheidend, dass du besser wurdest als die Besten der Welt?

Ich denke, dass ich vor allem sehr hart gearbeitet habe. Meine Trainingsdisziplin hat mich Schritt für Schritt nach vorne und immer wieder auf ein nächstes Level gebracht. Seit meiner Kindheit war ich die Erste auf der Piste und die Letzte, die sie verlassen hat. Vielleicht habe ich wirklich ein gewisses Talent, das mir meine Eltern mitgegeben haben. Am Ende waren es der Ehrgeiz, mich ständig zu verbessern, gepaart mit kompromissloser Leistungsbereitschaft und vielleicht ein wenig natürlicher Begabung mit einem speziellen Gefühl für das Skifahren.

Dein Comeback im Alter von 40 Jahren hat die Menschen inspiriert. Aber warum tust du das? Ist es die Aufmerksamkeit? Der Wunsch, weiterhin etwas Besonderes zu erreichen?

Ich kann dich beruhigen … mehr Aufmerksamkeit benötige ich definitiv keine. Ich mache das, weil ich das Skifahren liebe! Weil ich die Geschwindigkeit liebe. Ich bin so froh, dass ich dank meiner Knieprothese diese Möglichkeit habe und auch sonst schmerzfrei bin. Ich bin ein aktiver Mensch und kann endlich wieder alles tun, was ich mir vornehme. Das ist ein großartiges Gefühl.

 

Lindsey Vonn über Cortina d’Ampezzo

 

Du planst, dir bei den Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo 2026 einen abschließenden Höhepunkt zu schenken und dort dein letztes Rennen zu fahren: Auf der „Tofana“ bist du 2004 zum ersten Mal aufs Weltcup-Treppchen gefahren, in den folgenden Jahren hast du auf der legendären Piste zwölfmal in Abfahrt und Super-G triumphiert. Geht’s besser?

Kaum! Meine Karriere vielleicht in Cortina zu beenden, einem Ort, der mir so viele wunderbare Erinnerungen in meinem Leben beschert hat, ist eine Chance, die ich mir nicht entgehen lassen kann. Ich muss es nicht tun, aber ich möchte es tun, weil es mir Spaß macht. Und ich glaube, dass ich diesem Sport noch etwas geben kann.

»Ich weiß, zu was ich fähig bin.«

Lindsey Vonn

In den kommenden Weltcup-Wochen geht es darum, das Highlight Cortina im Februar 2026 perfekt vorzubereiten. Ist das die Saison deines Lebens? Weil du alle Fähigkeiten und Erfahrungen einbringen kannst, die du im Laufe deiner Karriere gesammelt hast?

In jedem Fall ist es eine ganz besondere und interessante Saison! Vor meinem Comeback im vergangenen Jahr hatte ich kaum Zeit für eine richtige Vorbereitung. Ich habe mein Bestes gegeben und finde, dass es eine gute Saison war, aber jetzt kann ich wirklich mein gesamtes Wissen mit einem starken Körper und einem starken Geist umsetzen. Kein Druck, keine Erwartungen. Und das zu einer Zeit, in der ich wirklich gut Ski fahre. Ich freue mich sehr darauf. Ich denke, es ist eine großartige Möglichkeit, alle Teile zusammenzufügen. Als Abfahrtsläufer lernt man im Laufe der Zeit so viel: Man ist auf der Piste, man lernt Taktiken, man lernt, mit Druck umzugehen. Zieht man sich zurück, verfügt man über so viel Wissen, aber man will eben nicht mehr weitermachen oder kann es körperlich nicht mehr. Das Wissen geht verloren. Jetzt kann ich den Erfahrungsschatz, den ich mein ganzes Leben lang gesammelt habe, noch einmal für diese Saison nutzen. Und ich glaube, es wird sich auszahlen.

Bis dahin sprechen alle über die 41-jährige Athletin. Und das mitunter kritisch. Du musst mehr an dich glauben, als je zuvor. Woraus ziehst du dein Selbstvertrauen?

Ich weiß einfach, zu was ich fähig bin! Ich kenne mich sehr, sehr gut. Weil ich schon viel durchgemacht habe. Ich weiß, was mein Körper aushält. Ich weiß, was mein Geist aushält. Ich kenne meine Grenzen. Ich weiß, dass ich weiß, was ich kann, und ich glaube an meine Fähigkeiten.

»Wenn du glaubst, dass du es schaffen kannst ... dann höre auf niemanden.«

Lindsey Vonn

Keine Zweifel?

Überhaupt nicht. Es ist ja nicht so, dass ich noch nie ein Rennen gewonnen hätte und mir nicht sicher wäre, ob ich schnell sein kann. Ich weiß ganz genau, was es braucht, um zu gewinnen. Und ich bin überzeugt davon, dass ich die Fähigkeit habe, auf allerhöchstem Niveau Ski zu fahren. Nur weil ich 41 bin, heißt das nicht, dass ich vergessen hätte, was ich leisten kann. Es bedeutet eher, dass ich sogar mehr Selbstvertrauen habe als viele andere. Ich bin weiser geworden. Und aufgrund meines Alters verstehe ich mich selbst noch besser als zuvor. Deshalb ist jetzt der ideale Zeitpunkt, mehr denn je an mich zu glauben. Und um ehrlich zu sein, habe ich nie aufgehört, an mich zu glauben. Als Leistungssportler muss man Selbstvertrauen in das haben, was man tut. Sonst sollte man vielleicht etwas anderes machen.

Ist das der Rat, den du jedem Athleten geben würdest. Sich einfach zu vertrauen?

Ganz genau. Glaube an dich selbst. Weißt du, mir wurde in meinem Leben oft gesagt, sehr oft sogar, dass ich niemals gut genug sein würde. Ich würde niemals schnell genug sein. Wenn ich hinfiele, würde ich niemals wieder aufstehen. Wenn ich gewinnen würde, würde ich nie wieder gewinnen. So viel wurde zu mir gesagt. So viel über mich geredet. Aber die Zweifler lagen falsch. Wenn du einen Traum hast und glaubst, dass du es schaffen kannst, dann höre auf niemanden. Sondern arbeite hart … und mach es einfach.

Sind es unsere Träume, die uns jung bleiben lassen?

Ich denke, schon. Alles ist möglich! Es gibt keine Grenzen, außer denen, die man sich selbst setzt. Wenn du glaubst, etwas nicht zu können, kannst du es auf keinen Fall. Vertraust du auf dich, dann kann es gelingen. Um herauszufinden, ob es wirklich funktioniert, gibt es allerdings nur einen einzigen Weg.

Nämlich?

Du musst es versuchen.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 12/2025

 

Lindsey Caroline Vonn (* 1984) gewann viermal den Gesamtweltcup, 16 Disziplinen-Weltcups und (bis heute) 82 Weltcup-Rennen. In Val-d‘Isère 2009 holte sie WM-Gold in Abfahrt und Super-G, 2010 wurde sie in Vancouver Abfahrts-Olympiasiegerin. Fünfeinhalb Jahre nach ihrem Rücktritt feierte Lindsey im Dezember 2024 ihr Comeback. Im März 2025 fuhr sie mit dem zweiten Platz beim Super-G in Sun Valley im Rekordalter von 40 Jahren auf ein Weltcup-Podium.

WWW.LINDSEYVONN.COM

 

Photos: Gabriele Facciotti; Johann Groder; Sebastian Marko; Erich Spiess / alle Red Bull Content Pool

Lindsey Vonn poses for a photo during Red Bulletin cover reveal at Copper Mountain in Frisco, Colorado, USA on November 21, 2025. // Daniel Milchev

Sebastian Copeland – der Abenteurer, der aus der Kälte kommt

Mit seinen Bildern zeigt uns der Polarforscher und Abenteurer Sebastian Copeland, wie schön die Natur ist. Ein Gespräch über die Rolle des Menschen auf der Erde – über extreme Expeditionen und die Magie der Kälte.

 

Sebastian, was war das erste Abenteuer deines Lebens?

Mein Großvater lebte in Swasiland, und mit ihm erlebte ich meine ersten Safaris. Damals war ich elf. Mein Vater liebte es zu segeln und nahm mich schon früh mit auf den Ozean. Diese Eindrücke haben wohl meine Lust auf Abenteuer geweckt.

Wann hast du erstmals das Gefühl gehabt in Gefahr zu sein?

Ich war 13, als ich auf Korsika eine Klippe nach oben kletterte. Es wurde steiler und steiler, ich kletterte weiter, bis ich nicht mehr vor und zurück kam. Ich hing gute 30 Meter hoch in den Felsen. Um mich aus meiner misslichen Lage zu befreien, sprang ich auf einen kleinen Felsabsatz. Das hätte schief gehen können. Aber ich spürte das Adrenalin, und ich weiß noch, dass es mir gefiel. Ich wollte mehr davon.

In deinem Leben geht es darum, die Komfortzone zu verlassen. Wonach suchst du?

Bei den Erfahrungen, nach denen ich suche, geht es immer um eine enge Verbindung zur Natur. Wenn es nur das Adrenalin wäre, könnte ich auch in einen Boxring steigen, um mich dort verprügeln zu lassen. Für mich geht es um das Gefühl des Ausgesetzseins in großen Räumen, in der Weite, im Unbekannten. Als Teenager las ich Bücher von Jack London und Jules Verne. Später verschlang ich Biographien von Roald Amundsen, Robert Scott und Ernest Shackleton. Zu dieser Zeit fasste ich den Entschluss, Polarforscher zu werden.

Wie wird man Polarforscher?

Das ist in der Tat gar nicht so einfach. Expeditionen sind sehr teuer. Der typische Polarforscher kommt aus reicher Familie … oder aus Norwegen. Ich habe in Kalifornien Gletscherwissenschaften studiert und mir mein Studium als Fotograf finanziert. Das lief gut, ich fotografierte Werbekampagnen und Promis in Hollywood. Aber es war nicht das, wofür mein Herz schlug. Schließlich verbrachte ich drei Monate als Fotograf auf einem Eisbrecher, der zu wissenschaftlichen Zwecken in der Antarktis unterwegs war. Als ich dort unten hautnah die Natur erlebte, war es endgültig um mich geschehen. Nun wollte ich wirklich nichts anderes mehr machen.

 

»Ich möchte meine Seele mit der Natur verbinden.«

Sebastian Copeland

Die pure Kraft der Natur

 

Warum zieht dich die Kälte so magisch an?

Vielleicht, weil man dort keine Menschen trifft? Unsere Städte sind so unnatürlich, so künstlich. Ich möchte meine Seele mit der Natur verbinden, das wahre Leben spüren und nahe bei mir selbst sein. Wenn du deine Ruhe haben möchtest, dann ist das Eis ein ziemlich geeigneter Ort dafür.

Was hat dich die Natur gelehrt?

Das Erste, was ich gelernt habe ist: Natur zeigt keine Empathie. Wenn du in den Polarregionen unterwegs bist, realisierst du schnell, wie dünn die Linie zwischen dem Überleben und dem Ende deiner Existenz ist. Es ist ein schmaler Grat. Deshalb musst du sehr ernsthaft vorgehen. In der Vorbereitung, in jeder Entscheidung und jeder deiner Bewegungen. Dein Gaskocher gibt den Geist auf, ein Schneesturm weht dein Zelt weg, du trittst in eine Gletscherspalte: All dies kann den sicheren Tod bedeuten.

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Was ist so schön daran, sich solchen Gefahren auszusetzen?

Erst einmal versuche ich, die Gefahr so gering wie möglich zu halten, indem ich die Variablen, die ich beeinflussen kann, unter Kontrolle zu halten. Dennoch erlebst du die pure Kraft der Natur, und das ist eine gute Sache. Es macht dich demütig. Es öffnet dir die Augen, in was für entfremdeten Blasen wir in unserer heutigen Zeit leben.

Nämlich?

Der Strom kommt aus der Steckdose, das Essen aus dem Kühlschrank, und unseren Abfall schmeißen wir in die Mülltonne. Dafür zahlen wir Geld. Fertig. Die Herausforderungen unseres Alltags sind nur noch eine Rechnung in einem Briefumschlag. Mit dem echten Leben hat das nicht mehr viel zu tun. Unsere Art zu leben, wird nicht von Dauer sein. Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass die menschliche Spezies verschwinden wird. Aber es wird zunehmend schwer für uns werden. Ich mache mir Gedanken darüber, welche Rolle wir als Menschen auf diesem Planeten einnehmen. Wie wir unsere negative Beziehung zur Natur wieder in etwas Positives verwandeln.

Wo sollen wir anfangen?

Ich persönlich versuche, mit meiner Arbeit Unternehmer und Politiker zu erreichen. Meine Botschaft ist dabei relativ simpel: Natur hat eine Sprache. Nur wenn wir es lernen, diese Sprache zu sprechen, können wir in Harmonie miteinander leben. Wir werden nicht alles erfassen, aber wir können versuchen, soviel wie möglich zu verstehen. Die Natur ist stark und gleichzeitig verletzlich. Nicht, dass wir sie verletzen könnten. Aber wir können sie verändern, und leider sind wir abhängig von ihr. Die Natur hat kein Bewusstsein, ihr ist egal, ob es eiskalt ist oder schrecklich heiß. Ob es genug Wasser für uns Menschen gibt oder nicht. Die Sprache lernen, um zuhören zu können, was die Natur uns mitteilt: das ist es, was ich versuche zu tun. Indem ich Daten analysiere, wie das abschmelzende Eis unsere Umwelt beeinflusst. Das mache ich als Fotograf und Klimaadvokat.

 

Gier nach Konsum, Geld und Macht

 

Siehst du uns Menschen noch als Teil der Natur? Oder sind wir auf diesem Planeten zu Fremdkörpern geworden?

Wir machen große Fortschritte, aber das Ausmaß unseres negativen Einflusses auf die Natur wird trotzdem immer größer. Es ist wie auf einem Laufband. Wir laufen schnell, aber das Band läuft noch schneller. Deshalb verlieren wir weiter an Boden. Im Jahr 1972 hat der Club of Rome seinen Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ vorgelegt. Seitdem wissen wir, dass wir nicht mehr und mehr konsumieren können, weil die Erde das nicht hergibt. Im Jahr 2018 war die Welt zu 9,2 Prozent zirkulär. Heute ist sie nur noch zu 7,1 Prozent zirkulär. Weil mehr Menschen Zugang zu Konsum haben und mehr Unternehmen mehr Produkte herstellen. Wenn ich auf die Frage antworten soll, ob wir als Menschen so etwas wie eine antagonistische, von der Natur entfremdete Spezies sind, dann würde ich leider sagen: ja, das sind wir.

Glaubst du, wir haben die intellektuellen und technischen Fähigkeiten, das Steuer herumzureißen?

Wir haben die notwendigen Fähigkeiten. Aber sie kollidieren mit der Gier nach Konsum, Geld und Macht. Unser heutiges Leben ist für viele großartig und wir lieben es. Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe hat uns Wohlstand beschert. Aber die Realität ist, dass es dafür einen Preis zu bezahlen gilt. Darauf versuche ich mit meiner Arbeit aufmerksam zu machen.

 

»Das Eis wird immer dünner.«

Sebastian Copeland

Welche deiner vielen Erfahrungen war die wichtigste?

Die Expedition zum Nordpol 2009 … genau 100 Jahre nachdem Admiral Robert Peary im Jahr 1909 als erster Mensch den Nordpol zu Fuß erreichte. Es war eines meiner großen Lebensziele. Und in meinen Augen war es auch das anspruchsvollste Ziel. Bis heute haben den Nordpol nur etwas mehr als 200 Menschen auf dem Landweg erreicht.

Was macht die Reise zum Nordpol so kompliziert?

Das Eis bewegt sich konstant, du befindest dich faktisch nicht auf Festland, sondern auf dem gefrorenen Meer. Driftet es auseinander, bricht es. Wenn es sich unter Druck zusammenschiebt, entstehen meterhohe Kämme aus Eis. Du musst hindurchnavigieren oder drüberklettern. Hinzukommt die konkrete Bedrohung durch Eisbären. Gletscherspalten und heftige Stürme gibt es auch in der Antarktis oder im Himalaya, aber die Arktis ist für mich die extremste Umgebung. Der Fußweg zum Nordpol ist aber auch deshalb so relevant für mich, weil man ihn nicht mehr lange unternehmen kann.

Weil das Eis schmilzt?

Ja, das Eis wird immer dünner, bewegt sich mit weniger Volumen und deshalb schneller. Es türmt höhere Eiskämme auf und bricht häufiger. Das Zeitfenster, um an den Nordpol zu gelangen, wird immer kleiner. Derzeit liegt es zwischen Ende Februar und Mitte April.

Was geschieht, wenn man sich verkalkuliert?

Eine Rettung ist schwierig bis unmöglich. In der Antarktis kannst du per Satellitentelefon ein Flugzeug rufen, das dich wahrscheinlich innerhalb von 24 Stunden erreicht. In der Arktis kann es zwei bis drei Wochen dauern, bis die Bedingungen eine erfolgreiche Rettungsmission zulassen. Und es ist nicht gesagt, dass man dich von dort, wo du bist, überhaupt abholen kann.

 

Ein Jahr nach deiner Nordpolexpedition hast du mit deinem Partner Eric McNair-Landry Grönland von Süden nach Norden durchquert. Dabei habt ihr euch auf Ski von einem Kite ziehen lassen. Hat das Spaß gemacht?

Ja, das kann man so sagen. Die Expedition ging über 2300 Kilometer und dauerte nur 44 Tage. Es lag viel Schnee, die Sonne hat den Boden teilweise angenehm weich gemacht, und so sind wir gut vorangekommen. Wir haben sogar einen Kite-Weltrekord aufgestellt: mit 595 zurückgelegten Kilometern in 24 Stunden.

 

Von Grönland ins australische Outback

 

Trotz deiner Liebe zum Eis hast du auch einen Ausflug in die Hitze gewagt. In der Simpson-Wüste im australischen Outback habt ihr ebenso einen Rekord aufgestellt, mit der längsten Breitengradüberquerung zu Fuß und ohne motorisierte Unterstützung.

Ich hatte zuvor noch eine kleinere Durchquerung der Sahara unternommen, aber diese Expedition war in Sachen Hitze die brutalste. Wir waren im Winter unterwegs, nachts lagen die Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt, während es tagsüber mehr als 40 Grad hatte. Die Simpson ist komplett von Dünen durchzogen, die zwar nur 20 bis 30 Meter hoch sind, aber du läufst konstant nach oben oder nach unten. Wir haben unser Wasser auf einem Schlitten hinter uns hergezogen. Du sinkst bei jedem Schritt tief in den Sand ein. Am Ende hatte ich ein grenzwertiges Nierenversagen wegen Dehydrierung. Ich würde die Kälte wirklich jederzeit gegenüber der Hitze bevorzugen.

 

»Ich liebe dir Architektur der Natur.«

Sebastian Copeland

Was hat dich in deinem Leben am meisten beeindruckt?

Die Schönheit der Natur. Und als Fotograf möchte ich diese Schönheit anderen Menschen nahebringen. Nur, wenn die Menschen die Natur vor Augen haben, wenn sie sich in ihre Schönheit verlieben und erfassen wie fragil sie ist, werden sie einen Grund sehen, all dies zu erhalten. Sonst heißt es beim Abendessen: Ja, das mit dem Klimawandel ist wirklich schlimm, aber … kannst du mir bitte mal den Senf reichen?

Was ist der schönste Platz auf Erden?

Für mich ist es das Eis. Wenn du einen Eisberg siehst, wie er sich bewegt, wie dynamisch er ist, dann glaubst du beinahe, er wäre lebendig. Der Lebenszyklus hat Ähnlichkeit mit dem unseren: Eis wird aus Wasser geboren, interagiert während seines Lebens mit anderen Elementen, eines Tages schmilzt es im Meer, und gewinnt seine ursprüngliche Form zurück, um daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Ich liebe die Form, die Architektur der Natur. Eis ist gigantisch, so fremd und gleichzeitig einfach da, so superreal. Es wäre wirklich schön, wenn es uns gelänge, doch noch zu koexistieren.

 

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 06/2023

 

Sebastian Copeland wurde am 3. April 1964 in Paris geboren. Für seine Expeditionen, Reportagen und Dokumentarfilme wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter zweimal mit dem International Photography Award (IPA). 2017 wurde Copeland vom Men’s Journal in die Liste der 25 größten Abenteurer unserer Zeit aufgenommen. Sein jüngstes Buch „Polar Explorations“ ist im November 2022 erschienen.

SEBASTIANCOPELANDADVENTURES.COM

 

Photos: Sebastian Copeland

Buchcover

Ultraläufer Timothy Olson in weiter Landschaft, oben ohne und mit wehenden langen Haaren

Wie Timothy Olson vom Junkie zum Ultraläufer wurde

Timothy Olson war drogenabhängig und landete im Knast. Er begann zu laufen. Und wurde zu einem der besten Ultrarunner der Welt. Im Interview erzählt er von seinem Rekordlauf über den Pacific Crest Trail – und erklärt, wie wir unser wahres Selbst entdecken können.

 

Timothy, warum läufst du?

Laufen ist mein Weg, um runterzukommen und meinen Geist zu reinigen. Das Laufen versetzt mich in die Lage, mir selbst zuzuhören und mich mit der Natur zu verbinden, von der ich immer wieder neue Lektionen erhalte und inspiriert werde.

Als Kind hast du an Laufwettkämpfen teilgenommen, nach der High-School bist du abgestürzt. Warum?

Ich war ein ängstliches Kind und hatte Probleme, Kontakte zu knüpfen. Gleichzeitig wollte ich meinen Eltern ein guter Sohn sein, auf den sie stolz waren. In der Schule war ich aber auch nicht gut. Mir lag viel auf der Seele, ich fühlte mich verloren. Als ich auf Alkohol und Drogen traf, war das ein Mechanismus, um Druck abzulassen und sozial offener zu werden.

Was geschah weiter?

Es wurde mehr und mehr, ich musste trinken, um schlafen zu können. Ich konsumierte viel, handelte mit Drogen, kam wegen Drogenbesitzes in Haft. Dann nahm sich einer meiner besten Freunde das Leben. Seine Beerdigung war ein Schlüsselerlebnis, mein Leben zu ändern. Anfangs bin ich gelaufen, um zu entgiften und nach dem Gefängnis meine Drogentests zu bestehen. Bald merkte ich, wie schön es war, morgens mit einem klaren Kopf aufzuwachen.

»Ich bin aufgewacht und habe mir die Frage gestellt, wie ich wirklich leben möchte.«

Timothy Olson

 

Bereust du, was geschehen ist?

Rückblickend muss ich sagen, dass ich schlechte Entscheidungen getroffen habe. Ich würde das niemandem empfehlen. Aber für mich war diese Reise so vorgesehen, und ich bin dankbar für alle Erfahrungen, die mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin.

Wie ging es weiter?

Mein Leben änderte sich komplett, als ich mit meiner Frau nach Oregon zog. Dort fand ich neue Freunde, einige von ihnen liefen 100-Meilen-Rennen, das packte mich total. Ich begann zu meditieren und ein rundum gesundes Leben zu führen.

Hast du dich als Person geändert? Oder nur die Art und Weise ein extremes Leben zu führen?

Ich denke, dass ich immer nach einem Weg gesucht habe, mich selbst zu finden. Drogen waren der falsche Weg, aber vielleicht muss man sich verlaufen, um zu erkennen, welcher Weg der einzig richtige ist. Es ging mir dreckig, aber ich bin aufgewacht und habe mir die Frage gestellt, wie ich wirklich leben möchte. Schließlich kam der Ruf der Natur, loszuziehen und mich auf diese Weise selbst zu entdecken. Ultrarunning ist definitiv extrem, es wirbelt dein Innenleben auf. Für mich ist Laufen das perfekte Tool, mich mit meinem wahren Selbst zu verbinden und darauf zu hören, was mir mein Herz mitteilen möchte.

Nach deinem ersten 100-Meilen-Lauf im Jahr 2011 hast du 2012 und 2013 den Western States Endurance Run gewonnen. Wie wurde in so kurzer Zeit aus einem passionierten Ausdauerläufer einer der besten Ultrarunner der Welt?

Früher fühlte ich mich als Opfer, als wäre die Welt gegen mich, als hätten mich andere Menschen im Stich gelassen. Ich fühlte mich minderwertig und hatte Angst davor, offen zu sein. Während meines Trainings erkannte ich, dass diese negativen Gedanken in Wahrheit gar nicht zu mir gehörten. Ich nutze das Laufen bis heute, um dunkle Bereiche meiner Seele auszuleuchten, mich zu verstehen und zu akzeptieren, wie ich bin. Ich denke, dass sich mein Mindset extrem verändert hat. Das hat eine besondere Energie freigesetzt. Und dann wollte ich einfach gewinnen, ich wollte erleben, dass ich alles sein kann, auf das ich mich einlasse.

»Die Natur ist der Boss.«

Timothy Olson

Im Sommer 2021 hast du in Rekordzeit die 4265 Kilometer des Pacific Crest Trails absolviert. Wie liefen diese 52 Tage ab?

Ich bin morgens um 5 Uhr aufgewacht und hatte keine Ahnung, wie ich schon wieder 80 Kilometer durch die Wildnis rennen sollte. Ich habe mir einen Proteindrink aufgemacht und versucht, mit der Massagerolle meine Muskeln aufzuwecken. Dann bin ich losgelaufen und habe nach ein oder zwei Meilen erst einmal meditiert.

Was ging dir durch den Kopf?

Für mich waren diese zehn Minuten die wichtigste Zeit des Tages. Ich habe ruhig geatmet und einen Bodyscan durchgeführt. Was sagen die Oberschenkel? Wie geht’s der Achillessehne? Zwickt die linke Wade noch? Ich kann jedem Sportler empfehlen, den Körper mit einer täglichen Meditation innerlich abzutasten. Du erhältst wichtige Informationen, um Verletzungen zu vermeiden. Außerdem verrät dir dein Puls, ob du intensiv trainieren kannst oder dich lieber ausruhen solltest.

 

Die Natur ist der Boss

War dir beim tagelangen Laufen auch mal langweilig?

Zu keiner Sekunde. Ich habe die Schönheit der Umgebung so intensiv wahrgenommen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, 16 Stunden am Tag wie ein Tier durch die Natur zu streifen, ihre Botschaften aufzunehmen und mit ihr zu verschmelzen. Als mich eine Klapperschlange haarscharf verfehlte, machte mir das keine Angst. Stattdessen dachte ich mir, dass ich es dankbar aufnehme – als meinen Rattlesnake-Download, in der Dämmerung besser aufzupassen. Hier draußen habe ich gelernt: Die Natur ist der Boss. Du musst dich mit ihr bewegen, denn du wirst dich niemals gegen sie durchsetzen.

Wo hast du geschlafen?

Meine Familie ist im Wohnmobil mitgefahren, bis abends dorthin zu gelangen, war immer ein gutes Ziel. Ich schlief aber auch häufig im Wald. Anfangs schreckte ich bei jedem Knacken auf, nach einigen Nächten zog ich den Schlafsack über den Kopf und schon war ich weg. Trotzdem bin ich dauernd aufgewacht. Ich fror, hatte Krämpfe, Hunger, Schmerzen … auf dieser Reise haben mich intensive Gefühle begleitet.

Du hattest eine Begegnung mit einem Puma. Was ist passiert?

Das war oben in Oregon. Ich hatte kurz vorher meine Crew getroffen, die mich mit Wasser für die nächsten Tage und ein paar frischen Tacos versorgt hatte. Es war gegen neun Uhr abends, tief im Unterholz. Ich sah eine dunkle Silhouette, leuchtete mit der Stirnlampe und plötzlich stand ich Auge in Auge mit dem größten Puma, den ich je gesehen habe.

Was hast du getan?

Ich dachte, der frisst mich. Noch dazu mit den ganzen Tacos, die ich vor der Brust trug. Ich habe versucht ruhig zu atmen und bin langsam weitergangen. Nach ein paar Schritten drehte ich mich um. Der Puma senkte den Kopf, und es sah fast so aus, als nickte er mir zu, ehe auch er weiterlief. Es war wirklich magisch, der König des Waldes gab mir die Erlaubnis zu passieren! In diesem Moment fühlte mich voll und ganz von der Natur akzeptiert. Für mich war es die spirituelle Bestätigung, dass ich das Richtige tat: weil ich meiner Intuition gefolgt bin und hier draußen war, um mich mit der Natur zu verbinden.

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Ist es das, was du Anderen mitgeben möchtest? Ihrer Intuition zu folgen?

Absolut! Man muss deshalb nicht 2000 Meilen durch die Wildnis rennen. Vielleicht startet man das Business, von dem man immer geträumt hat. Tritt eine besondere Reise an. Sagt einer Person, die man jeden Tag sieht, wie viel sie einem bedeutet. Wir alle sollten noch mehr auf unser Herz hören.

Und das Laufen kann uns dabei helfen?

Ich glaube, schon. Jeder einzelne Schritt macht uns freier. Und schenkt uns Frieden.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 10/2022

 

Timothy Allen Alson wurde am 28. August 1983 in Amherst (Wisconsin) geboren. 2012 und 2013 gewann er den Western States Endurance Run über 100 Meilen. Im Juli 2021 stellte er einen neuen Rekord für den Pacific Crest Trail (PCT) auf: Er bewältigte den 4265 Kilometer langen Fernwanderweg von Mexiko bis Kanada in 51 Tagen, 16 Stunden und 55 Minuten. Sein Film „The Mirage“ erzählt von diesem Erlebnis.

www.timothyallenolson.com

 

Photos: Raphael Weber, adidas TERREX; Stephen Higgins, EOFT

Ultraläufer Timothy Olson im Schneidersitz und in Yokapose meditierend an felsiger Küste

Surf-Legende Robby Naish verrät, wie sich Glück erschaffen lässt

Niemand hat den Surfsport so geprägt wie Robby Naish: Im Interview verrät der 24-fache Weltmeister, wie man Jahrzehnte lang auf der Erfolgswelle surfen kann.

 

Robby, kannst du dich an dein erstes Interview erinnern?

Ja, das kann ich! Aber nur, weil ich es irgendwo gesehen habe. Viele Erinnerungen aus meiner Kindheit sind präsent, weil sie aufgezeichnet wurden. Es sind also keine echten Erinnerungen, sondern Erlebnisse, die ich nachempfinden konnte.

Und das erste Interview war?

Auf den Bahamas 1976. Ich war Weltmeister geworden und sagte so etwas wie: Ich bin Robby Naish, 13 Jahre alt und finde Windsurfen super. Das war’s dann auch schon, viel mehr hatte ich in dem Alter nicht mitzuteilen.

Das hat sich geändert. In der Dokumentation „The Longest Wave“ gibst du sehr persönliche Einblicke in dein Seelenleben. War das so geplant?

Nicht unbedingt, die Dreharbeiten fielen in eine schwere Zeit. Ich hatte eine Scheidung zu verarbeiten, brach mir das Becken und den Fuß, meine Firma geriet in Schieflage. Und weil wir auch noch Pech auf der Suche nach langen Wellen hatten, ist es ein anderer Film geworden.

Worum geht’s?

Ich denke, es ist ein Film über die Zeit. Darüber, wie die Uhr tickt. Wie wir älter werden und mit Veränderungen umgehen.

»Ich denke, dass man Glück erschaffen kann.«

Robby Naish

Das Surfen wäre ohne dich wohl ein anderer Sport, du giltst nicht nur als Wegbereiter des Windsurfens, sondern auch des Kitens und Stand Up Paddling. Gab es eine Zeit, die dir am besten gefallen hat?

Die beste Zeit ist die, in der ich mich gerade befinde. Nur die Vielfalt hat es über die Jahre so aufregend gemacht. Wäre ich immer noch Robby Naish der Windsurfer, würden die Leute wohl sagen: Sieh mal, das ist der Typ, der in den 80ern hängengeblieben ist. Jetzt reist er um die Welt und fragt alle, ob sie sich an ihn erinnern. Wir haben immer wieder neue Spielarten des Surfens kreiert, und das ist wundervoll, denn so kann ich auch heute noch Menschen für den Wind und die Wellen begeistern.

Was ist der Schlüssel, so lange auf der Erfolgswelle zu surfen?

Glück!

Einfach nur Glück? War das nicht harte Arbeit?

Ich denke, dass man Glück erschaffen kann. Du kannst so leben, dass deine Chancen auf Glück eher gering sind. Du kannst aber auch so leben, dass du dir gute Möglichkeiten eröffnest, Glück zu haben. Millionen von Umständen und Gegebenheiten liegen allerdings außerhalb unserer Kontrolle. Ohne Glück wäre ich also nicht dort, wo ich heute bin.

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Fühlst du dich privilegiert?

Absolut! Natürlich habe ich an mir gearbeitet und versucht, gute Entscheidungen zu treffen. Außerdem versuche ich, hinter mir so viele Türen wie möglich offen zu lassen. Du weißt nie, ob du zurückkommst und davon profitierst. Aber ich habe nicht das Recht, von harter Arbeit zu reden. Wenn jemand sieben Stunden bei McDonald‘s am Grill steht und Burger brät … das ist harte Arbeit. Ich bin zweifellos überbezahlt, meine Arbeit erfährt übermäßige Wertschätzung.

Was sagst du Sportlern, die das anders sehen?

Du wirst dafür bezahlt, schnell zu rennen? Du kriegst Kohle dafür, einen Ball zu kicken? Und dann kommst du in ein Restaurant und meinst, du hättest ein Recht auf den besten Platz? Solche Athleten sollten sich klarmachen: Sie sind einfach nur die glücklichsten Typen weit und breit.

 

Die Energie der Wellen von Jaws

 

Was ist dir wichtiger: Spaß oder Performance?

Beides! Weil ich keinen Spaß habe, wenn ich nicht performe. Auch wenn ich mit einem Longboard auf einer kleinen Welle stehe, will ich das möglichst gut machen. Es muss nicht extrem sein. Aber du solltest es mit Style tun. Mit Selbstbewusstsein. Das wird respektiert, und so macht der Sport am meisten Spaß.

Kannst du deine Beziehung zum Ozean beschreiben?

Der Ozean ist mein Spielplatz. Aber er ist nicht mein Zuhause. Ich mag keine Boote. Ich tauche nicht gerne. Und ich esse keinen Fisch. Ich liebe das Surfen, aber ich liebe es ebenso, am Ende meiner Session zurück an Land zu kommen.

Was ist so schön am Surfen, dass du es jeden Tag wieder tust?

Wind und Wellen verändern sich in jedem Augenblick, es herrschen niemals die gleichen Bedingungen. Außerdem fühlst du dich auf besondere Weise mit der Natur verbunden. Wenn in Jaws eine Welle nach einer 4.000 Kilometer langen Reise an Land trifft, hat sie eine wahnsinnige Energie. Beim Surfen denke ich darüber aber gar nicht nach. Es ist eine Welle, und ich reite sie ab. Du spürst die Schwerkraft, die Power eines tiefen, intensiven Turns. Das ist es, was mich packt. Für mich ist Surfen ein Gefühl.

»Das Meer reinigt den Körper, den Geist und die Seele.«

Robby Naish

Fühlst du dich an Land und auf dem Wasser wie eine Person? Oder gibt es zwei Robbys?

Auf dem Wasser fühlt sich alles auf einfache Weise echt und richtig an. Während ich an Land noch immer versuche, herauszufinden, wer ich wirklich bin. Das Meer reinigt den Körper, den Geist und die Seele, hier konnte und kann ich alles abwaschen, was mich an Land aufwühlt. Und ich muss gestehen, dass ich mich an Land meistens unwohl fühle.

Warum?

Als ich jung war, konnte ich mich gut fokussieren und Ablenkung vermeiden. Mit der Zeit sammelst du Dinge wie Verantwortung, Liebe, Besitz, und das vereinnahmt dich. Ich versuche, alles so gut wie möglich zu machen, aber ich habe das Gefühl, mit zu vielen Bällen zu jonglieren. So muss ich die ganze Zeit aufpassen, keinen wichtigen Ball fallen zu lassen.

Wie wär’s mit weniger Bällen?

Das habe ich mir auch schon gedacht. Aber je mehr ich daran arbeite, mein Leben zu vereinfachen, desto komplizierter scheint es zu werden.

 

Was Robby Naish seiner Tochter sagt

 

Tust du manchmal nichts?

Ja, im Flugzeug. Wenn ich viel unterwegs bin, sitze ich bis zu einen Monat pro Jahr im Flieger. In dieser Zeit mache ich wirklich nichts. Vielleicht schaue ich mal einen Film. Aber ich arbeite nicht, ich lese nicht, ich beantworte keine E-Mails. Ich sitze einfach nur da und denke.

Was denkst du?

Ich versuche zu reflektieren, was ich tue. Das ist mir sehr wichtig. Viele Menschen sind so beschäftigt, dass sie kaum die Zeit finden, darüber nachzudenken, ob sie überhaupt noch das tun, was sie wirklich tun möchten. Die sozialen Medien haben zu einer erstaunlichen Oberflächlichkeit geführt. Gegenüber anderen, aber auch gegenüber sich selbst. Meiner 14-jährigen Tochter sage ich: Finde etwas, das du wirklich liebst. Und folge genau dieser Leidenschaft.

Ist es schwer, sein Leben lang eine Legende zu bleiben?

Ich habe schon daran geknabbert, dass ich mit den jungen Athleten nicht mehr mithalten kann. Und in den vergangenen Jahren lief so viel schief, dass ich zwischenzeitlich das Gefühl hatte, in einem Set großer Wellen gefangen zu sein, die mir eine nach der anderen auf den Kopf krachen. Aber ich habe nicht aufgehört zu paddeln. Und jetzt freue ich mich auf die nächste schöne Welle.

Keine Lust, am Strand zu liegen und einfach mal zu faulenzen?

Auf keinen Fall. Aber ich werde entspannter unterwegs sein als früher. Nicht nur mein Ding durchziehen, sondern noch offener für all die schönen Dinge sein, die mich umgeben.

Interview by Axel Rabenstein in SPORTaktiv (4/2021)

 

Robert „Robby“ Staunton Naish wurde am 23. April 1963 in La Jolla (Kalifornien) geboren. Aufgewachsen ist er auf Oahu (Hawaii). 1976 wurde er mit 13 Jahren Weltmeister, insgesamt gewann er 21 WM-Titel im Windsurfen sowie drei im Kitesurfen. 1999 gründete er sein erstes Unternehmen, heute vertreiben seine firmen Produkte für nahezu alle Arten des Surfens. „The Longest Wave“ ist eine Dokumentation über sein Leben.

www.naish.com

 

Photos: „The Longest Wave“; Erik Aeder, Markus Berger, Franck Berthuot, John Carter, Marcelo Maragni, Francois Portman, Darrell Wong / Red Bull Content Pool


Snowboard-Ikone Travis Rice über die Magie des reinen Moments

Der US-Amerikaner Travis Rice gilt als einer der komplettesten Snowboarder aller Zeiten. Im Interview spricht er über seine einzigartige Karriere, über Sehnsuchtsorte und die Magie des reinen Moments.

 

Travis, wenn du die Augen schließt und ans Snowboarden denkst. Was siehst du?

Ich sehe pure Präsenz. Ich sehe kreativen Ausdruck. Und ich sehe Vergnügen.

Ist Snowboarden ein Gefühl für dich?

Absolut! Ich spüre, wie ich mich in die Kurve lege. Es ist ein Gefühl von Vertrauen, wie das Board reagieren, welchen Radius es ziehen wird. Ein Hochgefühl von kaum vorhandener Traktion im Tiefschnee. Als würde man schweben. Du lehnst dich rein und lädst dich mit der Kraft auf, die durch die runde Bewegung entsteht. Du gehst hoch und gibst die Kraft frei, es folgt ein Moment der Schwerelosigkeit, dann lädst du dich im nächsten Turn wieder auf. Ich denke, das ist es, was das Snowboarden ausmacht: Es ist der Turn.

 

Platz für einen reinen, glückseligen Moment

 

Bei dir machen das Snowboarden auch meterhohe Sprünge und beinahe vertikale Abfahrten aus: Würdest du dich als Extremsportler bezeichnen?

Auf keinen Fall. Die Bezeichnung der ‚Extremsportarten’ habe ich nie für besonders geeignet gehalten. Aktivitäten wie Surfen oder Snowboarden werden von Leuten als extrem bezeichnet, die selbst eher einen ruhigen Lifestyle verfolgen. Sportarten wie diese sind actiongeladen, gleichermaßen expressiv und intensiv. Die Leute fahren Skateboard oder Motocross und andere sagen: Seid ihr verrückt? Für mich ist diese Frage ehrlich gesagt frustrierend, auch wenn sie meistens von ziemlich unbedarften Leuten gestellt wird.

Du bist also nicht verrückt?

Nein, ich bin nicht verrückt. Und andere, die Sportarten wie diese ausüben, sind es auch nicht. Sie sind nur auf besondere Weise mit sich und ihrem Umfeld verbunden. Dabei sind sie in der Lage, in einen Flow zu kommen. Flow ist allerdings ein ziemlich vielschichtiger Begriff. Und vor allem ist Flow eine sehr persönliche Sache.

Inwiefern?

Ich denke, dass sich der Flow von Person zu Person individuell unterscheidet. Als einfachste Definition könnte man sagen, dass Flow ein Zustand von totaler Präsenz ist. Deine Sinne sind voll stimuliert. Du fühlst dich direkt mit deiner Intuition verbunden. Der Affengeist, das sinnlose Umherschweifen von Gedanken, ist nicht existent. Meine Identität, die Identität, die ich selbst entwickelt und für mich kreiert habe, fällt von mir ab. Ich befinde mich außerhalb der Schubladen und Schachteln, in die ich mich und mein Umfeld im Laufe meines Lebens gepackt habe. Fernab der vorgefertigten Meinungen, mit denen ich mich selbst beeinflusse. Meine Persönlichkeit hat Sendepause. Limitierende Einflüsse werden ausgeblendet und machen Platz für einen reinen, glückseligen Moment.

»Wir haben unser Ego und unsere Persönlichkeit selbst kreiert. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, wie er sich davon befreit, um das tun zu können, was ihn wirklich glücklich macht.«

Travis Rice

An welchen besonderen Moment erinnerst du dich?

Ich habe das große Glück, Momente wie diese immer und immer wieder zu erleben. Es gab Zeiten, zu denen ich gar nicht darüber nachgedacht habe, was mir in so einem Augenblick widerfährt. Bis ich etwa dreißig Jahre alt war, habe ich das gar nicht reflektiert. Es war fast schon normal für mich.

Wann war es mal nicht normal?

Da fällt mir der Air&Style Contest in München 2006 ein. Der Sprung, mit dem ich gewinnen wollte, ging in den ersten beiden Versuchen schief. Beim Air&Style darfst du den gleichen Trick aber nur zweimal versuchen. Im dritten und letzten Anlauf musste ich also einen anderen Sprung zeigen. Mein Board war an der Nose gebrochen, ich hatte keine Zeit mehr, es zu wechseln …

… und du hast einen Double Backflip 180 ausgepackt, als Weltpremiere in einem Snowboard-Wettkampf.

Yes! Ich stand oben, und plötzlich fühlte ich mich frei von limitierenden Gedanken. Ein erstaunliches Gefühl des Vertrauens in meine Fähigkeiten. Es kam ganz natürlich zu mir, ich erinnerte mich an diesen Sprung, den ich mal im Training versucht hatte. Ich fuhr los, sprang ab und gewann tatsächlich den Contest. Das war ein besonderer Moment. Aber wie gesagt, Flow erlebe ich regelmäßig, im Backcountry beim Powdern, wenn ich springe, in der Luft. In Momenten wie diesen verlangsamt sich die Zeit.

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Kannst du den Flow suchen? Oder muss er zu dir kommen?

Er muss zu dir kommen, das auf jeden Fall. Aber ich denke, dass es eine Fähigkeit ist, bereit dafür zu sein. Über diese Bereitschaft zu verfügen, kann man erlernen und beherrschen.

Wie kann ich es üben?

Was du benötigst, ist Kohärenz. Eine Einheit aus deinen Gedanken, deinem Tun und deinem Spirit. Es ist ein Wollen, ohne es zu müssen. Meditieren ist hilfreich, dabei bekommst du eine enge Verbindung zu dir selbst. Ich denke, es ist die Praxis in Achtsamkeit und Bewusstsein, die dir dabei hilft, in den Flow zu kommen. Dann ist eine Menge möglich. Und das übrigens nicht nur im Sport.

Die Superkraft der Manifestation

 

Ich habe gelesen, dass du von der Kraft des Manifestierens überzeugt bist. Demnach kann man Dinge im realen Leben beeinflussen, indem man sie visualisiert und fest daran glaubt. Glaubst du wirklich, dass das funktioniert?

Ich glaube nicht, dass es funktioniert. Ich weiß, dass es funktioniert. Für mich ist Manifestation eine Art Superkraft. Das meine ich ernst. Bei mir hat es einfach zu häufig funktioniert. Bewusstsein erschafft Realität. Probier’s mal im Auto: Wenn du wirklich daran glaubst, einen Parkplatz zu finden, dann kriegst du auch einen.

Ist das Magie?

Ich denke eher, dass es Physik ist. Es gibt das Universum, in dem wir leben. Und es gibt die Realität, die wir uns erschaffen. Quantenphysik und Quantenmechanik haben in den vergangenen 30 Jahren bewiesen, dass die Realität wohl doch ein wenig anders aussieht, als das, was wir in der Schule gelernt haben. Wenn wir das als Magie bezeichnen, dürfte es noch untertrieben sein. Es wird dem, was uns umgibt, wahrscheinlich nicht einmal annähernd gerecht.

Hin und wieder läuft’s auch bei dir nicht nach Plan. Während der Dreharbeiten zu „The Fourth Phase“ bist du in eine massive Lawine geraten. Was lernst du aus Momenten wie diesen? Grund, etwas zu ändern? Oder etwas, das einfach passiert?

Ich denke nicht, dass Dinge einfach so geschehen. Für mich war diese Lawine eine kraftvolle Erfahrung. Sehr intensiv, weil ich danach eine Dankbarkeit empfunden habe, wie selten zuvor. Es war ein Weckruf, wie sehr wir der Macht der Berge ausgeliefert sind.

Lawine in Alaska

 

Wie erlebst du einen Lawinenabgang?

Auch hier scheine ich im Flow zu sein. Alles wird bewusster. Mit 22 Jahren hat mich eine Lawine in Alaska mitgenommen. Ich weiß noch, dass ich mir dabei zusehen konnte, wie ich diesen Berg hinabstürzte. Es war eigenartig still um mich herum, ein beinahe friedliches Gefühl. Ich hatte extrem klare Gedanken. Und es war die krasseste Zeitlupensituation, die ich jemals erlebt habe. Ich war mittendrin in diesem Ungetüm. Trotzdem hatte ich genug Zeit, meine Brille zu richten, konnte mir in Ruhe überlegen, wie ich nach der nächsten Umdrehung mein Snowboard ausrichten würde.

Hattest du Angst?

Nein. Irgendwie gab es keinen Zweifel. Erst als es vorbei war, kam ein Gefühl der Angst.

 

 

Tun, was einen wirklich glücklich macht

 

Abgesehen von solchen Grenzerfahrungen lebst du deinen Traum. Vielen Menschen gelingt das nicht. Sie stehen jeden Morgen im Stau und fahren in ein Büro, in dem sie gar nicht sein möchten. Wo liegt das Problem?

Oh Mann, es ist wirklich ein Jammer! In unserer Gesellschaft gibt es eine Alltagshektik, diesen Stress. Das hat wirklich niemand verdient. Deshalb ist es wichtig, sich jeden Tag von neuem aufrichtig zu begegnen. Achtsam zu sein. Sich zu überlegen, was einem wirklich wichtig ist.

Warum fällt das den Menschen so schwer?

Für viele Menschen ist die eigene Identität im Laufe ihres Lebens zu einer Art Gefängniszelle geworden. Wir denken, wir müssten über uns richten, uns bewerten, uns vergleichen. Das macht uns ängstlich, eifersüchtig und wütend, und Gefühle wie diese sind keine guten Antriebskräfte. Wir haben unser Ego und unsere Persönlichkeit selbst kreiert. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, wie er sich davon befreit, um das tun zu können, was ihn wirklich glücklich macht. Aber daran muss man arbeiten. Ein untrainierter Geist, wird nichts erreichen. Man muss Vertrauen in sich aufbauen, und immer wieder üben, den Kopf mit dem Herzen zu verbinden und Stimmigkeit zwischen beiden zu erreichen, sei es beim Snowboarden oder beim Schwimmen oder meinetwegen beim Sonnenbaden.

Du hast viel gesehen, viel erlebt. Gibt es für dich noch einen Sehnsuchtsort?

Ich liebe das Surfen und das Snowboarden, ich stehe auf Kunst. Diesbezüglich gibt es noch einige Plätze, an denen sich etwas erleben ließe. Ich denke aber, es muss gar kein physischer Ort sein. Mir geht es eher um Geisteszustände, ein Gefühl des Friedens oder der Leichtigkeit.

Wo ist der beste Platz auf Erden?

Alaska. Im Moment der Vorfreude, in eine Line zu droppen.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 5/2019

 

Travis Rice wurde am 9. Oktober 1982 in Jackson Hole (Wyoming) geboren. Mit 19 Jahren gewann er die X-Games im Slopestyle, 2006 siegte er beim Air&Style in München, bei den X-Games 2009 gewann er Gold im Big Air. Rice gilt als einer der besten Allround-Snowboarder aller Zeiten, mit seinen Filmen „The Art of Flight“ (2011) und „The Fourth Phase“ (2016) erreichte er weltweit ein Millionenpublikum.

@travisrice

Photos: Scott Serfas, Danny Zapalac, Elol Stichelbaut, Leo Francis, Tim Zimmerman / Red Bull Content Pool


Skisprung-Legende Noriaki Kasai in einem seiner seltenen Interviews

Noriaki Kasai springt mit sagenhaften 51 (!) Jahren noch immer im Weltcup. Der Japaner ist eine fliegende Legende. Und erzählt in einem seiner seltenen Interviews aus drei Jahrzehnten Sportgeschichte.

 

Noriaki, Sie haben am 17. Dezember 1988 in Sapporo Ihr Weltcup-Debüt gegeben. Welche Erinnerungen haben Sie heute an diesen Tag?

Kaum eine Erinnerung. Wenn ich kein gutes Ergebnis erziele, kann ich mich selten erinnern. Mein Gehirn löscht es dann direkt.

Ihr Gedächtnis ist also voll und ganz auf Erfolg programmiert?

Ja, ich denke, so funktioniert das bei mir.

 

30 Jahre im Weltcup

 

Sie waren damals 16 Jahre alt. Können Sie sich noch an ein Gefühl erinnern? Waren sie besonders aufgeregt?

Ich bin immer aufgeregt, wenn ein wichtiges Springen ansteht. Deshalb kann ich zumindest sagen: Ich war mit Sicherheit sehr angespannt damals.

Seitdem sind 30 Jahre vergangen. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Sprünge Sie im Laufe Ihre Karriere gemacht haben?

Oh … (denkt lange nach) das ist wirklich unmöglich zu sagen. Ich kann es nicht einmal schätzen.

Eine Zahl existiert: Mit dem ersten Springen der Saison 2018 in Wisla sind es 544 Einzel-Starts bei einem Weltcup. Klingt das realistisch?

Ja, das könnte hinkommen.

 

»Wenn du einmal im V-Stil geflogen bist, wenn du das Luftpolster gespürt hast, dann möchtest du nie wieder anders springen. Es ist wirklich wie Fliegen.«

Noriaki Kasai

 

Welcher Sprung war der schönste?

Schöne Sprünge gab es eine Menge (denkt nach) … der Sprung zur Silbermedaille in Sotschi 2014 war sehr besonders für mich. Der Weltcup-Sieg beim Skifliegen am Kulm 2014 ist mir in Erinnerung, zuvor hatte ich zehn Jahre nicht gewonnen. An früheren Springen fallen mir die beiden Siege beim Weltcup-Finale auf der Großschanze in Planica 1998 und 1999 ein.

Kein Zweifel, bei Noriaki Kasai geht’s ums Gewinnen …

Ja, an meine Siege kann ich mich wenigstens erinnern.

 

 

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Haben Sie eine Lieblingsschanze?

Alle großen Schanzen. Ich mag Willingen, Garmisch, Innsbruck. Dort, wo ich gewonnen habe. Aber natürlich ist auch die Atmosphäre wichtig. Mir fällt Bischofshofen ein, die Vierschanzen-Tournee ist immer besonders.

Man muss sich vorstellen: Sie sind Ende der 80er Jahre noch gegen Matti Nykänen gesprungen. Das ist Skisprunghistorie. Von welchen Springern waren Sie im Laufe Ihrer Karriere besonders beeindruckt.

Mich haben viele Springer beeindruckt. Wirklich … viele.

Gibt es einen, der Sie besonders beeinflusst oder geprägt hat?

Goldberger.

Warum?

1992 bin ich in Harrachov Skiflug-Weltmeister geworden. Andi Goldberger war damals schon dabei. Mit ihm gab es immer wieder packende Duelle, er war ein wichtiger Teil meiner Karriere.

 

WM-Titel im V-Stil

 

Anfang der 90er war die Zeit, als vom Parallel-Stil auf den V-Stil umgestellt wurde. Es heißt, Sie waren von dieser Änderung anfangs gar nicht begeistert?

Beim Skispringen geht es ja nicht nur um die Weite, sondern auch um die Ästhetik, die in die Wertung miteinfließt. Objektiv betrachtet, ist der V-Stil nicht sehr schön. Der klassische, traditionelle Stil ist schöner. Anfangs konnte man sich mit kürzeren Sprüngen im klassischen Stil noch gegenüber dem V-Stil behaupten. Deshalb bin ich so lange wie möglich klassisch gesprungen.

Aber dann war der V-Stil aerodynamisch so überlegen, dass eine Umstellung unumgänglich war?

Richtig. Ab 1991 wurde in Japan umgestellt. Ich bin noch bis Sapporo 1992 konsequent klassisch gesprungen. Unser Sprungdirektor hat mich dann aber vor die Wahl gestellt: Wenn ich nicht im V-Stil springe, darf ich nicht mit zu den Olympischen Spielen 1992 in Albertville. Ich wollte meinen Stil nicht ändern. Ich musste.

Den WM-Titel im Skifliegen 1992 in Harrachov haben Sie dann aber mit dem V-Stil geholt?

Ja.

Hat also ganz gut geklappt.

Ja (lacht). Aber ganz so einfach war es nicht. Ich kann neue Bewegungsabläufe gut adaptieren. Bis ich den ersten Sprung im V-Stil machen konnte, habe ich allerdings drei Wochen gebraucht. Das Öffnen der Ski beim V-Stil kostet Überwindung. Du lehnst dich noch weiter nach vorne, da bekomme ich Angst. Bei den Sprung-Wettbewerben in Albertville hat das nicht geklappt. Beim Skifliegen habe ich aber eh schon immer Angst. Also war es egal, ob ich noch etwas mehr Angst habe. Plötzlich hat es funktioniert. Ich hatte in Harrachov aber auch ein bisschen Glück mit den Windbedingungen.

Wenn Sie bestimmen könnten, wieder klassisch zu springen. Würden Sie die Uhr zurückdrehen?

Nein. Wenn du einmal im V-Stil geflogen bist, wenn du das Luftpolster gespürt hast, dann möchtest du nie wieder anders springen. Es ist wirklich wie Fliegen.

 

Um ein paar Sekunden fliegen zu können, wird Stunde um Stunde trainiert. Was hat sich im Laufe Ihrer Karriere im Training verändert?

Früher stand die Quantität im Vordergrund. Ich habe sehr hart trainiert, einmal sah ich Andi Goldberger, wie er 260 Kilo mit der Beinpresse stemmte. Also legte ich mir 270 Kilo auf. Manchmal habe ich es auch übertrieben … oder sagen wir: unnötige Sachen gemacht. Hartes Training hat aber auch seinen Sinn, weil es dich mit dem Selbstvertrauen ausstattet, bereit zu sein. Mit meinem ersten finnischen Trainer, ich war dann schon 30 Jahre alt, habe ich auf qualitatives Training umgestellt, mehr nachgedacht, mehr an der Technik gefeilt.

Spüren Sie heute, dass Sie längere Phasen der Regeneration benötigen?

Nein. Mein Körper ist eigentlich super (lacht).

Gar nicht müde von 30 Jahren Weltcup?

Selten. Es kann sein, dass mal ein Gelenk schmerzt. Aber wirklich … nur minimal.

Liegt das an der Ernährung? Achten Sie besonders darauf, was Sie essen?

Vielleicht gibt es Körper, die sich länger gut halten? Ich habe wirklich keine besonderen Ernährungsgewohnheiten. Nicht anders, als andere.

Schlafen Sie viel?

Nein, auch nicht. Ich schlafe eher weniger als andere. Ist ja auch schade um die Zeit. Ich freue mich jeden morgen, wenn ich aufstehen kann, um loszulegen.

 

Wie bleibt man fit mit 50 Jahren?

 

Aber was ist das Rezept, um mit 47 Jahren noch im Weltcup zu springen?

Spaß haben! Ab Ende 30 tendiert man zudem dazu, sich immer mehr Gedanken und Sorgen zu machen, nicht nur, was die Karriere anbelangt, auch im Leben allgemein. Das ist nicht hilfreich. Der Kopf darf nicht müde werden. Positives, freies Denken ist ungemein wichtig. Ich denke, es wirkt sich auf den Körper aus.

Was war der beste Tipp, den Sie von einem Trainer erhalten haben?

Ich hatte viele Trainer, und von allen erhielt ich immer wieder gute Ratschläge. Wenn ich etwas hervorheben soll, dann vielleicht dies: „Nicht denken … einfach nach vorne!“ Das hat mir ein Trainer gesagt, als ich noch in der Grundschule war. Ich versuche bis heute, dies zu beherzigen.

Fragen jüngere Sportler häufig um Rat bei Ihnen?

Erstaunlich selten. Skispringer sind Sturköpfe. Aber klar, wenn mal einer fragt, versuche ich gerne, meine Erfahrung weiterzugeben.

»Ich lebe seit fast zwei Dritteln meines Lebens als Profi. Und mache es so gerne wie am ersten Tag.«

Noriaki Kasai

Gibt es eine lustige Anekdote, an die Sie sich erinnern?

Ich erinnere mich daran: In Oslo saß ich als Führender nach dem ersten Durchgang oben auf dem Balken, direkt vor meinem Sprung. Plötzlich fliegt mir eine Taube ins Gesicht, und wir beide erschrecken uns. Die Taube hat dann etwas, naja … liegenlassen. Mitten in der Spur. Ich wollte nicht starten, dachte, es würde meine Anlaufgeschwindigkeit beeinflussen. Ich habe gerufen und gewinkt, aber keiner hat verstanden, was der Noriaki für ein Problem hat. Der Trainer schwenkte auch schon die Flagge. Also musste ich da durch …

Und?

Ich habe gewonnen.

Hat die Taube Glück gebracht?

Wahrscheinlich. Bis zum Absprung hatte ich sie aber schon wieder vergessen. Wenn du auf den Schanzentisch zufährst, ist kein Platz für andere Gedanken.

Sie haben 2017 in Vikersund im Alter von 44 Jahren mit 241,5 Metern noch einmal Ihren persönlichen Weitenrekord verbessert. Waren Sie selbst überrascht?

Nicht unbedingt. Die Wettkampfleitung hatte direkt vor meinem Sprung sogar den Anlauf um zwei Lücken verkürzt, sonst wäre ich wahrscheinlich 250 Meter weit gesprungen. Das habe ich ehrlich gesagt auch noch vor.

Um so etwas zu erreichen, ist Disziplin gefragt. Und das seit drei Jahrzehnten. Was motiviert Sie Jahr für Jahr, den enthaltsamen Lebensstil eines Profisportlers beizubehalten?

Ich lebe seit fast zwei Dritteln meines Lebens als Profi. Und mache es so gerne wie am ersten Tag. Ich vermisse nichts. Ich tue alles, was ich tun möchte. Ich liebe es, zu fliegen. Und daran möchte ich überhaupt nichts ändern.

Sie sind seit 30 Jahren Weltspitze, der einzige Athlet, der achtmal an Olympischen Winterspielen teilgenommen hat. Ist das der große Erfolg des Noriaki Kasai? Oder geht es doch eher um die einzelnen Siege Ihrer Karriere?

Ich bin in der Tat sehr zufrieden mit meiner Karriere, könnte aber zufriedener sein. Und das ist wichtig. Es sind die Ziele wie ein Olympiasieg, die mir die Motivation schenken, aktiv zu bleiben.

Das nächste große Ziel sind die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking?

Richtig.

 

Gerne noch einmal jung?

 

Haben Sie sich trotzdem schon mal Gedanken gemacht, was nach Ihrer Karriere kommen soll? Möchten Sie als Trainer arbeiten?

Ein Job als Trainer wäre reizvoll. Übrigens nicht nur in Japan, gerne auch für eine andere Nation.

Das dürfte kein großes Problem sein, wer hat schon mehr weiterzugeben als Sie?

Naja … (schmunzelt) ich möchte noch zehn Jahre springen. Hoffentlich, bin ich nach meiner Karriere nicht schon zu alt für den Job des Trainers.

Wären Sie gerne noch einmal jung?

(Überlegt sehr, sehr lange) Ja. – Ich wäre gerne noch einmal 16 Jahre alt. Dann könnte ich jetzt mit dem Skispringen beginnen … mit der Erfahrung, die ich heute habe.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTMAGAZIN 12/2018; SPORTaktiv 1/2019 

 

Noriaki Kasai wurde am 6. Juni 1972 in Shimokawa auf Hokkaido (Japan) geboren. Sein Weltcup-Debüt gab er am 17. Dezember 1988 in Sapporo. Im Jahr 1992 wurde er Weltmeister im Skifliegen. Bei Nordischen Ski-Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen gewann er neun Medaillen, zuletzt in Sotschi 2014, wo er im Alter von 41 Jahren Silber auf der Großschanze gewann. Er ist der einzige Athlet, der achtmal an Olympischen Winterspielen teilgenommen hat. Im März 2017 verbesserte er seine persönliche Bestweite in Vikersund im Alter von 44 Jahren auf 241,5 Meter. Im Februar 2024 qualifizierte er sich in Sapporo im Alter von 51 Jahren für seinen 570. Weltcup. Noriaki Kasai ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Sapporo.

 

Photos: Fischer Sports / NordicFokus

Noriaki Kasai in Planica (Slovenia) beim Skifliegen am 24.03.2018

Ultraläufer Anton Krupicka für La Sportiva in den Dolomiten

Ultraläufer Anton Krupicka erklärt, wie jeder von uns zum Helden werden kann

Anton „Tony“ Krupicka zählt zu den besten Outdoor-Athleten der Welt. Im Interview erzählt der Ultraläufer, was ihn auf 150 km lange Läufe treibt – und warum es so wichtig ist, die eigene Komfortzone zu verlassen.

 

Anton, du bist auf einer Farm in Nebraska aufgewachsen. Hat die Weite dieser Region den Drang in dir geweckt, lange Strecken zurücklegen zu können?

Schon möglich, jedenfalls bin ich als Kind stundenlang alleine durch die Natur gelaufen. Das war für mich aber weniger etwas Idealisiertes oder Romantisches. Ich bin immer sehr strukturiert unterwegs gewesen. Laufen war für mich etwas Zählbares, das ich minutiös dokumentiert habe. Bei meinen Ultraläufen ging es dann natürlich um die Bildung einer eigenen Identität. Um Abenteuer und Emotionen. Aber als kleiner Junge wollte ich in erster Linie sehen, zu was ich körperlich in der Lage bin.

Was haben deine Eltern dazu gesagt?

Die nächste Teerstrasse war meilenweit entfernt, ich war den ganzen Tag draussen, habe Bisonknochen gesammelt und Hütten gebaut. Mit neun Jahren bekam ich meine erste Axt geschenkt. Ich war ein hochaktives Kind und erinnere mich, dass meine Eltern mal auf mich eingeredet haben, ich solle nicht immer so ‚Kamikaze’ unterwegs sein. Am Ende war es absolut okay für sie, dass meine Energie in meine immer länger werdenden Läufe geflossen ist.

 

Mit 12 den ersten Marathon

Im Alter von 12 Jahren hast du deinen ersten Marathon absolviert. Hattest du nichts Besseres zu tun?

Für mich war es das Beste, was ich tun konnte. Ich war wie besessen davon, mich besonderen physischen Herausforderungen zu stellen. Ein Marathon schien mir so etwas wie der „Gold Standard“ des Laufens zu sein. Nachdem ich im Training einige Male mehr als 30 Kilometer gelaufen bin, wusste ich, dass ich bereit dafür war. Also bin ich ein paar Wochen vor meinem 13. Geburtstag in Iowa meinen ersten Marathon gelaufen. Es lief gut, ich absolvierte die Strecke in 3:50 Stunden. Mehrere Stunden am Stück rennen zu können, rief in mir das Gefühl hervor, Superkräfte zu besitzen. Dieselbe Motivation trieb mich dann auf noch längere Strecken und Ultramarathons.

Mit 23 Jahren bist du schließlich Profi geworden. Immer noch glücklich über deine Berufswahl?

Oh ja … ich bin seit 10 Jahren professioneller Outdoor-Athlet. Und ich kann immer noch nicht glauben, dass ich dafür bezahlt werde, nach Lust und Laune durch die Berge zu rennen.

Was ist so schön daran?

Berge sind wild, sie haben was Dramatisches und wecken spezielle Emotionen. Das ist wahrscheinlich in jeder natürlichen Umgebung der Fall, aber Berge haben den Menschen schon immer als Inspirationsquelle gedient.

»Ultraläufer bestreiten wohl deshalb lange Läufe, weil sie die Dinge gerne mit sich selbst ausmachen.«

Anton Krupicka

Dich inspiriert die Natur zu extremen sportlichen Leistungen mit Läufen über mehr als 150 Kilometer. Was bedeutet ‚extrem’ für dich?

Für mich ist grundsätzlich alles extrem, was außerhalb meiner Komfortzone liegt. Wissenschaften wie Informatik oder Mathematik können ebenso extrem sein. Es gibt Dinge und Zusammenhänge, die ich nicht verstehe. Das ist extrem für mich. Und wenn sich Menschen wenig mit Ausdauersport beschäftigen, mag es ihnen vielleicht extrem vorkommen, wenn ich auf einen Berggipfel renne oder 100 Meilen am Stück laufe.

Nach solchen Distanzen benötigt der Körper üblicherweise eine längere Regenerationsphase. Bei dir häufen sich die strapaziösen Einheiten schon mal. Wie steckst du das weg?

Genau das ist der Punkt … ich muss es eben wegstecken. Erholung ist individuell und hat viel mit deinem Training zu tun. Ich höre auf meinen Körper und nehme mir die Zeit, die ich benötige, um mich zu reparieren und gut zu fühlen.

Du bist dafür bekannt, mit einem Minimum an Equipment zu laufen, oftmals ohne Shirt. Ist das eine spezielle Philosophie? Oder sparst du einfach nur so viel Gewicht wie möglich?

Es geht um Komfort. Nichts weiter. Warum sollte ich ein Shirt tragen, wenn mir eh schon heiß ist? Und Equipment wie einen Trinkrucksack oder einen Haufen Gels mitzuschleppen, macht mir keinen Spaß. Ich brauche nicht so viel. Also habe ich so wenig dabei, wie möglich.

 

Laufen und Natur als Meditation

Du verzichtest beim Laufen auch auf Musik. Was denkst du, Stunde um Stunde, alleine dort draußen?

So viel laufe ich gar nicht, meistens nur drei bis fünf Tage die Woche. Ehrlich gesagt, denke ich nicht großartig nach. Ich konzentriere mich einfach auf die Strecke.

Wird das nicht irgendwann langweilig?

Dafür ist die Natur doch viel zu schön! Ich werde vielleicht müde. Aber langweilig wird mir nie.

Bist du meistens alleine unterwegs?

Ja, fast immer. Ich fühle mich einfach wohl mit mir. Während meiner Zeit an der High School und am College habe ich mal einige Jahre als Lifeguard gearbeitet. Da sitzt du stundenlang auf deinem Stuhl, hast nur ab und zu mal fünf Minuten etwas zu tun. Ansonsten hockst du da oben und hängst deinen Gedanken nach. Ich mag das. Laufen hat etwas Meditatives – und das funktioniert nur, wenn du alleine bist. In einer Gruppe zu laufen erhöht außerdem die Wahrscheinlichkeit, dass du nicht in deinem Tempo und vielleicht länger oder kürzer läufst, als du eigentlich möchtest.

Sind Ultraläufer häufig Egoisten und auch sonst oft alleine unterwegs, oder suchen sie im Gegenteil in der Freizeit vermehrt Gesellschaft?

Das ist sicher individuell und hängt von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Ich selbst würde gerne noch näher an der Natur leben, als ich es ohnehin schon tue. Trotzdem ist auch mir ein soziales Netz wichtig. Generell werden Ultraläufer aber mit Sicherheit deshalb lange Läufe bestreiten, weil sie die Dinge gerne mit sich selbst ausmachen. Bei einem Ultrarennen geht jeder einzelne Teilnehmer an seine Grenzen, alles reduziert sich auf die Herausforderung, die vor dir liegt. Das Gefühl, nur gegen dich selbst anzutreten, bringt uns alle auf eine Ebene. Deshalb würde ich Ultraläufer nicht als Egoisten bezeichnen. Im Gegenteil, es gibt kaum Konkurrenzdenken, eher eine Art gefühlte Gemeinschaft.

 

Bestreitest du ab und zu auch Straßenläufe?

Nein, nach Möglichkeit laufe ich nicht auf der Straße. Ein ebener Untergrund kann allerdings geeignet sein, um ab und zu mal eine Einheit mit höherer Intensität einzulegen.

Sind Ultraläufer die Anarchisten der Laufszene und Straßenläufer die Konservativen?

Für mich bedeutet das Laufen auf Trails und in den Bergen eine Annäherung an einen primitiven Lebensstil. Und das Wort ‚primitiv’ ist dabei durchaus positiv für mich besetzt, auch wenn andere sich vielleicht lieber als ‚minimalistisch’ oder ‚authentisch’ bezeichnen. Deshalb macht es für mich auch keinen Sinn, einen Pulsmesser, iPod oder eine GPS-Uhr mit mir rumzuschleppen. Ich verzichte auch gerne auf eine Strasse. Ob ich deshalb ein Anarchist bin, sollen andere entscheiden. Generell denke ich aber, dass es nicht hilfreich ist, jemanden in eine Schublade zu stecken. Läufer sind Läufer. Warum sollte ich diese Gruppe von Sportlern teilen?

 

Das erste Rennen über 100 Meilen

Bei einem Rennen wie dem Leadville 100 musst du alles geben. Was kriegst du dafür?

Schwere Beine. Authentische Emotionen. Und das Bewusstsein, mich einer schier unüberwindbaren Herausforderung gestellt zu haben, die ich dank meiner Standhaftigkeit meistern konnte. Das ist erfüllend.

Du konntest dieses legendäre Rennen in Colorado gleich im ersten Anlauf 2006 gewinnen. War das geplant?

Auf dein erstes Rennen über 100 Meilen kannst du dich mental nicht vorbereiten, weil du gar nicht weißt, was auf dich zukommt. Das ist aber gleichzeitig dein großer Vorteil: Wenn du keine Ahnung hast, was du da machst, bist du auch nicht durch Erwartungen an dich selbst oder in bestimmten Grenzen limitiert. Diese Blauäugigkeit kann dir dabei helfen, etwas Unerwartetes zu erreichen. Und so war es wohl möglich, dass ich als Erster ins Ziel gekommen bin.

Was machst du, wenn dein Körper dir mitteilt, dass er am Ende ist?

Ich bleibe stur und hart zu mir selbst. Schließlich weiß ich, dass viel mehr in meinem Körper steckt, als er vielleicht zugeben mag. Gefühlte Erschöpfung ist kein maßgeblicher Faktor. Je öfter du an diesem Punkt angelangt bist, desto einfacher wird es, ihn zu überwinden.

»Flow ist die perfekte Verflechtung von Herausforderung und Fähigkeit. Du fühlst dich wie ein Held. Und in diesem Moment, in deinem Universum, bist du auch ein Held.«

Anton Krupicka

Wenn’s läuft: Erlebst du dann so etwas wie einen Flow?

Was man als ‚Flow’ bezeichnet, ist wahrscheinlich der Grund, warum ich Sport treibe. Es ist ein Gefühl von totaler Integration zwischen deinem Körper, deiner Seele … und dem, was dich umgibt. Es ist die perfekte Verflechtung von Herausforderung und Fähigkeit. Du fühlst dich wie ein Held. Und in diesem Moment, in deinem Universum, bist du auch ein Held.

Sind das besonders klare Momente, weil man die eigene Existenz auf so etwas wie einen Selbsterhaltungstrieb reduziert?

Wenn du mehrere Stunden am Stück rennst, auf dem Rad sitzt oder auf einen Gipfel kletterst … dann ist das mit Sicherheit so. Irgendwann ist alles in seine Einzelteile zerlegt, wirkt elementar. Plötzlich hat jeder Moment die Intensität und das Potenzial, für immer bei dir zu sein. Das sind in meinen Augen unschätzbar wertvolle Erfahrungen.

 

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Warum halten sich so große Teile unserer Gesellschaft dennoch lieber in ihrer Komfortzone auf, anstatt öfter mal eine neue Herausforderung zu suchen?

Komfort fühlt sich eben gut an. Und die eigene Trägheit übt eine große Kraft auf uns aus. Das Überwinden dieser Trägheit bietet uns aber gleichzeitig die Möglichkeit, zu wachsen und uns weiterzuentwickeln. Wir erfahren ein größeres Spektrum an Emotionen. Ich denke, dass dich solche Erfahrungen und Gefühle zu einer empathischeren Persönlichkeit machen können. Es ist doch ganz einfach: Ohne Herausforderung stagniert das Leben.

Hast du dir deshalb den Titel ‚Outdoor Ambassador’ verliehen? Weil du der Überzeugung bist, dass wir dort draußen viel lernen können und mehr Zeit im Freien verbringen sollten?

In erster Linie bin ich der Meinung, dass es besser klingt als ‚arbeitslos’. Irgendeine Berufsbezeichnung braucht man ja. Zweifellos bedeutet es aber auch, dass mir die Berge und unsere Natur sehr am Herzen liegen.

Eine letzte Frage an den Ultraläufer: Was ist deine Schwäche?

Besessenheit. Gelegentlich Disziplinlosigkeit. Und Zucker.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 3/2017; FITforLIFE 3/2018

 

Anton Krupicka wurde am 2. August 1983 in Nebraska (USA) geboren. Er wuchs auf der Farm seiner Eltern auf, die nächste befestigte Straße war meilenweit entfernt. Im alter von 12 Jahren startete er bei seinem ersten Marathon, den er in 3:50 h absolvierte. Im Jahr 2006 gewann er in 17:01:56 h den Leadville Trail 100 über 160 km und 4.800 Höhenmeter. Ein Jahr später wiederholte er diesen Erfolg. Bis heute gewann er einige der härtesten Ultraläufe der Welt, u.a. das Miwok Trail Race (100 km) in Kalifornien sowie den Rocky Raccoon (160 km) in Texas. Anton Krupicka hat Physik, Philosophie und Geologie studiert.

@antonkrupicka

 

Photos: La Sportiva; Buff

Ultraläufer Anton Krupicka für La Sportiva in den Dolomiten

Der US-amerikanische Surfer Garrett McNamarra surft Big Wave in Nazaré

Rekordbrecher – die Szene der Big-Wave-Surfer in Nazaré

Die Szene der Big-Wave-Surfer trifft sich im portugiesischen Nazaré, um auf der höchsten Welle aller Zeiten zu surfen. Letzte Wasserstandsmeldung (Stand 2016) in Sachen Rekordbrecher: 24,38 Meter.

 

Es beginnt vor Grönland oder vor der Ostküste der USA: Ein Sturmtief schaukelt jene Wellen auf, die sich auf die Reise über den Atlantik machen, um vor Portugal in einem 230 Kilometer langen, bis zu fünf Kilometer tiefen Canyon zu münden. Der Graben endet erst 300 Meter vor der Küste nahe dem Örtchen Nazaré. Hier prallt die Dünung gegen eine Unterwasserwand, baut gigantischen Druck auf und türmt Brecher von 30 Meter Höhe auf. Es ist ein magischer Ort, der einen in Anbetracht dieser Naturgewalt erschauern lässt – und aufgrund seiner einzigartigen Topografie jene Surfer anzieht, die es auf den Rekord der höchsten jemals gesurften Welle abgesehen haben.

 

Nazaré-Pionier Garrett McNamara

Im November 2011 bezwang der US­-Amerikaner Garrett McNamara hier eine Welle, deren Höhe auf knapp 24 Meter berechnet wurde. Es war ein Video, das um die Welt ging, auch deshalb, weil Nazaré bis dahin kaum jemand auf dem Zettel gehabt hatte. Seitdem ist das portugiesische Fischerörtchen, das in Sachen Wellenhöhe und Naturgewalt auch die legendären Sets von Jaws (Hawaii) oder Mavericks (Kalifornien) in den Schatten stellt, das neue Mekka der Rekordbrecher.

»In der Realität gibt es keine Angst, sie existiert ausschließlich in deinem Kopf. Ob du Angst hast oder nicht – ist ganz alleine deine Entscheidung.«

Garrett McNamara

Die Monsterwogen sind zu schnell, um sie mit bloßer Muskelkraft anzupaddeln. Die Surfer lassen sich von 400-PS-Jetski in die Wasserberge ziehen. „Diese Wellen haben eine rohe Energie“, sagt Big­Wave­Ikone McNamara. „Du bist so klein und dennoch eng mit ihnen verbunden. Diese Nähe zur Natur hat etwas Magisches.“

Wird dieses Gefühl der Nähe nicht von einem noch viel stärkeren Gefühl der Angst um das eigene Leben überspült? – „Andere Menschen reiten auf einem wilden Stier. Das würde ich nicht tun, das wäre mir zu riskant. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich fühle mich in großen Wellen einfach wohl, nirgendwo sonst fühle ich mich so lebendig. Außerdem verspüre ich im Wasser keine Angst. Ich konzentriere mich auf den Moment und denke nicht darüber nach, was passieren könnte. In der Realität gibt es keine Angst, sie existiert ausschließlich in deinem Kopf. Ob du Angst hast oder nicht – ist ganz alleine deine Entscheidung.“

 

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Auf einer der Wellen von Nazaré fühle es sich an, als fahre man auf einem Snowboard mit 80 km/h über vereiste Buckel – mit dem Unterschied, dass sich der Hang bewegt und schließlich auseinander­ bricht. Rund 500.000 Tonnen Wasser explodieren in weißer Gischt. Wer jetzt stürzt, der kämpft um sein Leben. „Es schleudert dich wie ein Sandkorn durchs Wasser“, beschreibt es McNamara: „Innerhalb einer Zehntelsekunde drückt es dich auf zehn oder fünfzehn Meter Tiefe. Das Trommelfell kann platzen. Dir ist schwindlig, du weißt nicht mehr, wo oben oder unten ist.“

Wichtigster Ratgeber: cool bleiben. Irgendwann lässt einen die Welle los. Dann heißt es Orientierung und den Weg nach oben suchen. Profis wie McNamara reduzieren ihre Schwimmbewegungen auf Armzüge, weil die Beine in der Relation zum Vortrieb zu viel Sauerstoff verbrauchen.

„Deine Lippen durchbrechen die Wasseroberfläche, du nimmst einen Atemzug, versuchst zu erkennen, ob eine weitere Welle anrollt und ob dein Partner auf dem Jetski in der Nähe ist, um dich aus der Gefahrenzone zu bringen. Wenn du in Sicherheit bist, hast du die Gnade des Ozeans gespürt – und fühlst dich lebendiger als je zuvor.“

 

Totale Euphorie nach dem Ride

Um so etwas zu erleben und zu überleben, bedarf es einer akribischen Vorbereitung. Mit Apnoe­-Kursen rüsten sich Big Wave Surfer für unerwünschte Aufenthalte unter Wasser, die meisten können wenigstens vier Minuten lang die Luft anhalten. Sie tragen eine Sauerstoffpatrone am Mann und eine Kevlar­-Schutzweste mit Airbag, der sich im Notfall aufbläst, um den Körper zurück an die Oberfläche zu bringen.

„Bei solchen Bedingungen zu surfen ist nicht immer nur Spaß“, sagt der Deutsche Sebastian Steudtner, der im Jahr 2010 als erster Europäer den „Billabong XXL Award“ für die größte gerittene Welle des Jahres gewann. 2015 wurde Steudtner sogar ein zweites Mal mit diesem „Oscar“ des Surfsports ausgezeichnet. „Du fokussierst dich voll auf deine Linie“, beschreibt er den Ritt auf einem 20-Meter-Ungetüm: „Wenn du die Fahrt unter Kontrolle hast, spürst du schubweise ein intensives Glücksgefühl, nach dem Ride entlädt sich dann die totale Euphorie.“

Auf der gleichen Erfolgswelle reitet das Örtchen Nazaré, verzeichnet immer wieder mehr monatliche Suchanfragen bei Google als die portugiesische Hauptstadt Lissabon. Zwischenzeitlich war sogar eine Werbeagentur damit beauftragt worden, einen eigenen Namen für die Welle zu finden und zu kommunizieren, denn das hatten die berühmten Wellen von Jaws (Schlund), Mavericks (Einzelgänger) oder Dungeons (Kerker) dem noch jungen, neuen Branchenprimus voraus.

Aber ein neuer Name ist gar nicht mehr nötig. Waren es vor Jahren noch diese und andere Spots wie Teahupoo oder Shipstern Bluff, die sich die Aufmerksamkeit teilten, konzentriert sich die breite mediale Öffentlichkeit inzwischen auf die Aktivitäten am Praia do Norte von Nazaré, wo der rote Leuchtturm zum Wahrzeichen des Wasser gewordenen Größenwahns avanciert ist.

 

XXL-Award für Andre Cotton

Zweifellos werden hier die höchsten Wellen gesurft. Deren exakte Höhe lässt sich allerdings nur schwer berechnen. Das Wasser bewegt sich, Perspektiven müssen miteinander abgeglichen werden, zudem schaffen es die Surfer in Nazaré meistens gar nicht bis ins Wellental, womit die Bemessungsgrundlage fehlt. Manch einer kritisiert sogar, es würde sich um gar keine „echten“ Wellen handeln, weil die Wassermassen nicht sauber brächen, sondern unter ihrer eigenen Last zusammensackten.

Im Jahr 2013 surfte der Brasilianer Carlos Burle hier auf einer Welle, die an die 30 Meter hoch war. 2014 ritt der Brite Andrew Cotton auf einem ähnlich hohen Brecher. Im November 2017 wurde er dann so vehement von einer Welle geschleudert, dass er sich einen Lendenwirbel brach. Immerhin: Der Sturz wurde als massivster Wipe-out des Jahres mit einem XXL-Award ausgezeichnet. Inzwischen steht Cotton aber wieder; natürlich auf dem Board, und in den Brechern von Nazaré.

 

 

Es sind Bilder, die ein heroisches Image transportieren: Furchtlose Männer stechen wie Drachentöter ins Meer, um aus der Tiefe kommende Monster zu bezwingen. Für Sponsoren ein gefundenes Fressen, von Red Bull über Mercedes-Benz bis Nivea haben die Unternehmen dem Big-Wave-Surfen ihren Stempel aufgedrückt.

Das Ziel ist klar: die größte jemals gesurfte Welle für sich zu reklamieren. Jahr für Jahr stehen die Surfer bereit, um den Rekord ein weiteres Mal nach oben zu schrauben. Zuletzt war es der Brasilianer Rodrigo Koxa, dem eine Rekordwellenhöhe von 24,38 Metern zugesprochen wurde.

Derzeit steht also er ganz oben. Aber die Szene dürstet nach dem nächsten Rekordbrecher. Schickt die Natur eine geeignete Dünung nach Portugal, soll dann endlich die Marke von 25 Metern fallen. Und da der Klimawandel die Stürme im Nordatlantik immer heftiger werden lässt, wird der nächste Rekordbrecher nicht lange auf sich warten lassen.

Interviews by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 3/2014; SPORTMAGAZIN 9/2016 

 

www.garrettmcnamara.com

www.sebastiansteudtner.com

www.andrewcotton.co.uk

 

10 Surfspots mit den größten und gefährlichsten Wellen der Welt

Banzai Pipeline (Hawaii) Am Northshore von Hawaii gelegen, bricht diese knallharte Welle auf ein furchteinflößendes Riff, das von Löchern und kleinen Höhlen durchzogen ist. Neben dem Riff stellt auch das Line-Up eine Gefahr dar: Einige Locals verteidigen „ihren“ Spot extrem aggressiv.

Belharra (Frankreich) Diese Welle im Baskenland ist nur bei extrem hoher Dünung surfbar, in manchen Jahren bricht sie gar nicht. Erreicht bis zu 20 Meter Höhe und schiebt sich wie eine Lawine aus Wasser in Richtung Küste.

Cortes Bank (Kalifornien) Bricht an einer Untiefe auf offener See, ca. 160 Kilometer westlich von San Diego. Der US-Surfer Mike Parsons ritt hier 2008 eine auf 77 Fuß (23,5 Meter) geschätzte Welle.

Dungeons (Südafrika) In der Hout Bay bei Kapstadt entstehen an mehreren Riffen Wellen von 15 Meter Höhe. Der Spot ist berüchtigt, die bekannt hohe Population an Weißen Haien im eiskalten Wasser gerät hier zur Nebensache.

Jaws/Peahi (Hawaii) Lange Zeit der Hot Spot unter den Big Waves. Hier etablierte Surf-Legende Laird Hamilton das Tow-in- Surfen unter Zuhilfenahme eines Jetskis. Die Wellen sind bis zu 50 km/h schnell und erreichen 20 Meter Höhe.

Mavericks (Kalifornien) Südlich von San Francisco türmen sich die Wellen auf bis zu 25 Meter Höhe und brechen mit enormer Wucht. Im Jahr 1994 ertrank hier der Hawaiianer Mark Foo, 2011 verstarb der US-Profi Sion Milosky.

Nazaré (Portugal) Entsteht durch einen Unterwassercanyon und baut sich an der Küste zu Brechern von 30 Meter Höhe auf. Der Brasilianer Rodrigo Koxa hat hier den Weltrekord aufgestellt, auf einer Welle mit nachträglich berechneten 24,38 Metern.

Puerto Escondido (Mexiko) Besonders schnell brechende Welle an der Playa Zicatela, die zwar „nur“ rund 10 Meter Höhe erreicht, aber eine surfbare Pipeline bildet, die schließlich hohl und hart auf den fest gepressten Sandboden kracht.

Shipstern Bluff (Tasmanien) Am Ende der Welt und verantwortlich für einige der spektakulärsten Rides überhaupt. Wer hier surft, muss während der Fahrt über einen oder mehrere Steps springen, die sich in der Welle bilden.

Teahupoo (Tahiti) Die vielleicht schönste Welle der Welt. Bricht auf ein zum Teil nur 50 Zentimeter unter der Wasseroberfläche liegendes Korallenriff. Entwickelt eine extreme Hydraulik und bestraft selbst kleinste Fehler mit einem schweren Wipe-out.

 

Photos: Garrett McNamara; Sebastian Steudtner; Hugo Silva / Red Bull Content Pool

Der US-amerikanische Big Wave Surfer in einem legendären Barrel in Peahi (Jaws) vor Maui.

Usain Bolt im Porträt

Usain Bolt – der schnellste Mann der Welt im Exklusiv-Interview

Der schnellste Mann aller Zeiten im Interview: Usain Bolt verrät, ob er noch schneller hätte sein können – und warum es so wichtig ist, immer schön entspannt zu bleiben.

 

Mister Bolt, bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin haben Sie mit 9,58 Sekunden einen Fabelweltrekord über die 100-Meter-Distanz aufgestellt. Ist das heute noch präsent? Oder doch schon lange her?

Irgendwie ist dieser Abend weit weg und doch ganz nah. Wenn ich heute daran zurückdenke, spüre ich noch immer eine besondere Energie. Erst die Stille vor dem Start, dann jubelnde Menschen und ein Meer blitzender Kameras. Das Stadion war elektrisiert, wie aufgeladen. Es waren beinahe unwirklich intensive Augenblicke. Ich habe diese Energie in mich aufgesogen und einfach nur genossen. Und dann begann natürlich ein ziemlicher Hype …

Ist Ihnen der Trubel um Ihre Person schon mal zu viel geworden?

Nein, ganz im Gegenteil, ich mag das. Außerdem war das Rennen wichtig für meine Karriere. Bis dahin waren viele Beobachter der Meinung, ich hätte nur deshalb so oft gewonnen, weil ich noch nicht im bestmöglichen Starterfeld bestehen musste. Ich war nach Berlin gekommen, um allen zu zeigen: Egal, gegen wen ich laufe, ich schlage sie alle! Das war nach dieser WM geklärt.

»Meine Mutter behauptet, ich habe schon in ihrem Bauch mit dem Laufen begonnen.«

Usain Bolt

Experten sind der Ansicht, Ihre Dominanz habe auf der Fähigkeit basiert, die Körpergröße von 1,95 Meter so gut koordinieren und die Hebelwirkung in riesigen Schritten auf die Bahn bringen zu können. Halten auch Sie das für den Grund Ihrer Überlegenheit?

Zweifellos habe ich ein besonderes Bewegungstalent. Ich konnte schon als Kind nicht stillsitzen. Meine Mutter behauptet sogar, ich habe schon in ihrem Bauch mit dem Laufen begonnen. Und mit meinen längeren Beinen habe ich wohl einen Vorteil gegenüber den kleiner gewachsenen Athleten.

Sieht fast so aus, als sei der große Sprinter der Typ der Zukunft. Wird es ein Comeback der gedrungenen, mit extremen Muskeln bepackten Läufer geben?

Ich denke, die kleineren Jungs haben schwere Zeiten vor sich. Schließlich habe ich den Großen gezeigt, wie schnell sie sein können. Deshalb werden in Zukunft auch solche Athleten darüber nachdenken, sich auf den Sprint zu konzentrieren. Die Konkurrenz durch groß gewachsene Sprinter wird also zunehmen. Wenn sie die Kraft und die Koordination mitbringen. Und natürlich den Willen, das auch durchzuziehen und früh an sich zu arbeiten.

 

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Wenn man Monate und Jahre für Wettkämpfe trainiert, die sich innerhalb weniger Sekunden entscheiden. Wie bleibt man da fokussiert?

Du musst locker bleiben. Wenn du nervös bist, wenn die Anspannung zu hoch ist, dann wirkt sich das direkt auf deinen Körper und deine Muskulatur aus. Du verkrampfst und verlierst an muskulärer Leistungsfähigkeit. Schnelle Zeiten sind nur möglich, wenn du absolut relaxed bist.

Sind Ihre berühmten Showeinlagen vor dem Start also auch Teil einer Strategie gewesen, möglichst locker zu bleiben?

Strategie würde ich nicht sagen. Aber es hilft auf jeden Fall. Außerdem bin ich der Meinung, dass es ein Teil des Jobs ist. Ich laufe ja nur für wenige Sekunden. Die Leute kommen dennoch ins Stadion, also unterhalte ich das Publikum und bereite den Menschen ein wenig Freude. Das passt zu mir, ich bin einfach so. Schon im Alter von 15 Jahren habe ich in Richtung Tribüne gegrüßt. Dann habe ich gemerkt, dass die Leute das mögen und habe noch ein bisschen mehr Flair dazu gepackt.

Nie nervös gewesen? Auch nicht vor einem großen Finallauf?

Nein, nicht wirklich.

Warum nicht?

Weil ich wusste, dass ich gewinnen werde (lacht). Jedenfalls dann, wenn ich in Form bin. Nach einer Verletzung konnte es schon mal vorkommen, dass ich ein gewisses Maß an Aufregung verspürt habe. Weil ich wusste, dass ich zu schlagen bin. Aber mein Coach hat mir gesagt: Usain, niemand gewinnt jedes Rennen. Und das ist auch nicht wichtig! Das habe ich mir zu Herzen genommen. Solche Rennen kannst du nutzen, um deine Schwächen zu analysieren.

Niederlagen haben also auch etwas Gutes?

Niederlagen sind die größte Chance, besser zu werden. Nach Möglichkeit sollte man sich das Verlieren allerdings für die unwichtigen Rennen aufheben.

Usain Bolt vor Zeittafeln mit seinen Weltrekorden über 100 Meter und 200 Meter

2009 pulverisierte Usain Bolt seine eigenen Bestzeiten und stellte über 100 Meter und 200 Meter zwei neue Weltrekorde auf.

Als Profisportler ist ein disziplinierter Lebensstil unabdingbar. Nervt das nicht?

Überhaupt nicht. Ich habe in all den Jahren beobachtet, wie sich Stars in anderen Sportarten verhalten. Viele von ihnen sind hochtalentiert und verordnen sich höchste Disziplin. Und dann? Packen sie es irgendwann nicht mehr. Der Druck wird zu groß, sie haben Angst etwas im Leben zu verpassen. Und auf einmal flippen sie aus und produzieren einen Riesen-Eklat. Ich habe nicht aufs Nachtleben verzichtet. Allerdings wusste ich, wann die Party zu Ende sein muss. Wenn du dir zu viele Dinge verbietest, machst du dich doch nur verrückt. Und das macht dich mit Sicherheit nicht besser in dem, was du tagtäglich tust und erreichen möchtest.

In Ihrer Biographie steht zu lesen, dass Sie noch schneller hätten sein können, wenn Sie mehr trainiert hätten. Lassen Sie das so stehen?

Was ich damit sagen will, ist folgendes: Eine Karriere erstreckt sich über viele Jahre. Und innerhalb eines solchen Zeitraumes gibt es Schwankungen in der Trainingsintensität. Ich habe mir einfach herausgenommen, ab und zu vom Gas zu gehen. Wir sind alle nur Menschen. Aber natürlich gab es auch Zeiten, in denen ich wirklich das Maximum aus mir herausgeholt habe.

Nämlich?

Das härteste Training habe ich in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Peking 2008 absolviert. Da habe ich alles gegeben. Wirklich: alles. Ich wollte perfekt austrainiert in Peking an den Start gehen. Wochenlang habe ich nur trainiert, gegessen und geschlafen. So hatte ich das nie zuvor durchgezogen. Und das war es, was ich in meiner Biographie ausdrücken wollte. Vielleicht hätte ich noch länger so hart trainieren können und wäre dann 2009 sogar noch schneller gewesen.

Vielleicht wären Sie aber auch irgendwann ausgeflippt.

Tja …

Sie sind der große Star der Leichtathletik. Welche Kollegen bewundern Sie für das, was sie in ihren Sportarten darstellen und erreicht haben?

Ich bin ein großer Fan von Basketball und insbesondere von Kevin Garnett. Er ist einfach unglaublich talentiert und arbeitet hart an sich. Auch Rafael Nadal ist eine faszinierende Persönlichkeit, ein echter Kämpfer. Und dann bewundere ich Fußballspieler wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Mit ihren Fähigkeiten bereiten sie Millionen von Menschen große Freude. Und das ist das Größte, was ein Sportler erreichen kann.

»Genießt, was ihr tut! Und wenn es euch keinen Spaß macht, dann tut es nicht.«

Usain Bolt auf der Startlinie bei der WM in Berlin

Was war der beste Rat, den Sie je erhalten haben?

Oh Mann, das ist schwer zu beantworten: Ich habe so viele Ratschläge bekommen (überlegt) … ich denke, das war mein Vater. Als ich von der High School kam, wollte ich unbedingt Kricketspieler werden. Er nahm mich zur Seite und sagte: Mein Sohn, ich weiß, du liebst Kricket. Aber hör’ mir jetzt bitte zu: Vergiss’ Kricket. Konzentrier dich auf Leichtathletik!

Kein schlechter Tipp …

Ja, wirklich. Er meinte: Kricket ist ein Teamsport. Es kommt darauf an, wie die anderen spielen. Leichtathletik machst du alleine. Und wenn du hart an dir arbeitest, wirst du sehr gut darin werden. Da dachte ich mir: Okay, das klingt cool! So machen wir das.

Gibt es einen Tipp, den Sie anderen Sportlern geben würden?

Vergesst Kricket! Macht Leichtathletik (lacht).

Und noch einen allgemeinen Hinweis?

Genießt, was ihr tut! Und wenn es euch keinen Spaß macht, dann tut es nicht. Ich habe so viele Menschen erlebt, die Tag für Tag Dinge tun, die sie gar nicht machen möchten. Darin wirst du niemals richtig gut werden. Egal, wie hart du an etwas arbeitest. Wenn du es liebst, ist es keine Arbeit. Nur dann genießt du dein Leben und wirst Großes erreichen. Sonst artet das alles in Stress aus.

Wie kommen Sie runter, wenn es mal zu viel wird?

Beim Domino-Spielen mit meinem Trainer kann ich abschalten. Oder beim Musikhören. Hin und wieder lese ich auch ein Buch. Irgendwer hat mir mal Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ in die Hand gedrückt. Das habe ich mit Sicherheit schon zehnmal gelesen. Dieses Buch hat mich wirklich schwer fasziniert.

Warum?

Erst einmal ist es schnell zu lesen (lacht). Es ist ein kurzes Buch, aber sehr ehrlich und vollkommen in seiner Aussage. Es handelt davon, dass der Mensch an sich glauben muss. Und dass er dafür lebt, was er liebt.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 5/2014, WELT am Sonntag 34/2014; FITforLIFE 11/2014, SPORTMAGAZIN 9/2014

 

Usain St. Leo Bolt wurde am 21.8.1986 in Trelawny (jamaika) geboren. Im Alter von 15 Jahren wurde er 2002 Juniorenweltmeister, ein Jahr später blieb er über 200 Meter als bis heute einziger Junior unter 20 Sekunden (19,75). Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking holte er Gold über 100 Meter, 200 Meter und mit der 4×100 Meter Staffel, jeweils in Weltrekordzeit. 2009 stellte er bei der WM in Berlin mit 9,58 Sekunden über 100 Meter sowie 19,19 Sekunden über 200 Meter zwei neue Fabelweltrekorde auf. Insgesamt gewann er achtmal olympisches Gold und wurde elfmal Weltmeister.

www.usainbolt.com

 

 

Photos: PUMA; pixabay.com; Axel Rabenstein

 


Olympiasieger Felix Gottwald an einem See mit Spiegelung vor Bergkulisse am Dachstein

Wie Olympiasieger Felix Gottwald die Balance im Leben findet

3x wurde er Olympiasieger. Weil er es verstanden hat, die Gegensätze des Sports in Balance zu bringen. Wer mit ihm spricht, der merkt allerdings schnell, dass Felix Gottwald weitaus mehr verstanden hat.

 

Felix, wir leben in bewegten Zeiten. Wie wichtig ist es, hin und wieder zur Ruhe zu finden?

Ich denke, dass Ruhe ein dringend benötigter Gegenpol in unserem Leben ist. Es gibt so viel Lärm, so viele Informationen, so viel Geschwindigkeit – da ist der natürliche Ausgleich für mich die Stille. Sie ist der Ort, an dem ich mich in meiner Balance üben kann.

Findest du die Stille an einem speziellen Ort? Oder ist die Stille ein Ort in dir?

Idealerweise ist die Stille ein Ort in dir selbst. So bleibst du flexibel und im wahrsten Sinne ortsunabhängig. Die Kunst dabei ist es, dass du Störfaktoren ausschaltest und dir Zeit nimmst. Für gewöhnlich schließe ich die Augen. Dann widme ich mich meiner Atmung und erlaube mir, nichts leisten zu müssen. Es tut gut, die Idee, dass man ständig etwas tun müsste … einfach mal loszulassen.

Und dann? Sitzt du da und tust nichts?

Ich sitze auf einem Meditationskissen und versuche bewusst wahrzunehmen, wie ich atme. Das bringt mich in die Präsenz. Aber auch die Bewegung an der frischen Luft ist für mich nach wie vor ein Lebenselixier.

Ist körperliche Aktivität wichtiger denn je, weil wir uns beruflich zunehmend statisch verhalten?

Wir haben zwei wichtige Feedbackgeber. Das eine ist der Körper. Das andere sind unsere Gefühle. Beides ist untrennbar miteinander verbunden. Ich glaube, dass man sich nicht mehr auf seine Gefühlswelt verlassen kann, wenn man den Kontakt zum eigenen Körper verliert.

»Wenn du selbst nicht weißt, was du willst, wird jemand anderes dir sagen, was du tun sollst.«

Felix Gottwald

Viele junge Menschen reduzieren ihren Sport auf das Training im Studio. Bei manchen scheint es dabei weniger um Gesundheit als vielmehr ums gute Aussehen für das nächste Selfie zu gehen. Siehst du das ähnlich?

Ich gehe auch einmal in der Woche ins Studio, um meinen Rücken zu pflegen. Und ich war mal in Peking, bei der Luftqualität bist du froh, wenn du in einem Studio trainieren kannst. Aber es stimmt schon, bei vielen Menschen scheint die Fassade wichtiger als der Kern. Dabei ist die spannende Frage doch, wer ich hinter meiner Maske bin. Diese Frage beleuchte ich auch in meinen Seminaren und Vorträgen.

Was kommt dabei zum Vorschein?

Erstaunlicherweise hinterfragen sich die Menschen immer seltener. Sie arbeiten jahrzehntelang To-Do-Listen ab, ohne sich ernsthaft die Frage zu stellen: Was will ich eigentlich? Tue ich noch, was ich ursprünglich wollte? Wenn ich meine Töchter frage, was sie tun wollen, dann sagen sie: Ich will spielen! Kinder wissen ganz genau, was sie möchten. Sie sind damit ein großes Vorbild für uns Erwachsene.

Warum wissen Erwachsene nicht mehr, was sie wollen?

Die Kunst ist, dass du verstehst, was dich hindert und dir schadet. Und dass du tust, was dir hilft und dich nährt. Aber selbst, wenn du es herausgefunden hast, kommt dir dieses Bewusstsein schnell wieder abhanden. Deshalb muss man fortlaufend daran arbeiten, seine Balance zu erhalten.

Und das tue ich wie?

Atmen! Du konzentrierst dich darauf, wie dein Atem kommt und wieder geht. Das gelingt dir eine Zeitlang, dann driftest du gedanklich weg. Nun hast du mit jedem Atemzug wieder die Chance, zurück zu dir zu kommen. Und so ist das ganze Leben. Nur Eigenverantwortung bringt Handlungsfähigkeit und somit auch Leistungsfähigkeit und dauerhafte Gesundheit mit sich. Wenn du selbst nicht weißt, was du willst, wird jemand anderes dir sagen, was du tun sollst. Leider ist es demjenigen in der Regel ziemlich egal, ob du dabei glücklich wirst oder nicht. Wenn du nicht selbst für dich bestimmst, erteilst du damit anderen den Auftrag, für dich zu bestimmen.

Wie finde ich heraus, was ich wirklich will?

Diese Frage habe ich mir früh gestellt, und ich fand sie schwer zu beantworten. Also habe ich mich gefragt: Was will ich definitiv nicht? Das war dann gleich viel leichter.

 

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Du beschäftigst dich viel mit innerer Balance. Wie hast du als Sportler mit deinem Willen alles aus dir herausgeholt, wenn der Körper vorgab, nicht mehr zu können?

Bei manchen Rennen wusste ich wirklich nicht, woher die Kraft plötzlich kam. Deshalb habe ich versucht, diesen Moment herzuleiten. Heute bin ich mir sicher, dass es nicht darum geht, ob es weh tut oder nicht, ob du in Führung liegst oder aufholen musst. Es geht in diesem Moment alleine um dich. Um die Einstellung zu dir selbst. Was bist du bereit zu geben? Wie stehst du dir gegenüber? Diese Präsenz ist wie eine eigene Disziplin, die man üben kann.

Und das geht wie?

Es beginnt mit Vorfreude. Du musst wissen, dass du es tust, weil du es unbedingt willst. Das verschafft dir schon mal einen Wettbewerbsvorteil. Wir haben das sogar in einer Studie gemessen. Dann folgen verschiedene Stufen, die trainiert werden können. Am Ende widmest du dich dem, was du sonst zu verhindern versuchst.

Ein Beispiel?

Wir alle wollen geliebt werden. Darauf basiert unser ganzes Leben. Wenn du dich dem Ungeliebtsein auslieferst, wenn du deine Schattenseiten nimmst, wie sie sind … dann erlangst du Klarheit über deine wahren Motive und kannst daraus eine ganz erstaunliche Kraft ziehen.

War das die Kraft, die dich zum dreifachen Olympiasieger und Weltmeister gemacht hat?

Ein Profisportler verbringt 99 Prozent seiner Zeit mit Training. Darauf kommt es an. Viele Sportler wollen besser sein, als sie eigentlich sind. Nur die wenigsten sind bereit, den Preis zu zahlen, den ein Olympiasieg kostet. Es gibt kein Geheimnis. Es geht immer ums Tun. Für viele ist das fast zu einfach. Viele würden sich eine komplizierte Erfolgsformel wünschen. Aber es gibt kein Geheimnis. Es ist nicht so wichtig, was und wie du trainierst. Sondern, dass du trainierst. Die Wiederholung macht den Unterschied. Sie ist die Mutter unserer Fähigkeiten. Bei Olympia habe ich nur umgesetzt, was ich zuvor geübt hatte. Ich habe nicht versucht, besser zu sein, als ich bin.

 

»Zweifel und Angst können dich kurzzeitig antreiben, aber der beste Wegbegleiter ist das Vertrauen.«

Felix Gottwald

Die Nordische Kombination ist speziell, weil sie Schnellkraft mit Ausdauer verbindet. War es der Gegensatz, der dich dieser Sportart so nahe brachte?

In der Tat, es war der Balanceakt zwischen beiden Sportarten. Du brauchst Feinfühligkeit, wohlwollende Dosierung und die Idee, dass die eine Sportart nicht der anderen schadet – sondern dass sich beide Sportarten befruchten. Das hat mich fasziniert.

Ist das Verbinden solcher Gegensätze auch sonst der Schlüssel zum Erfolg?

Zweifel und Angst können dich kurzzeitig antreiben, aber der beste Wegbegleiter ist das Vertrauen. Wenn du ausatmest, dann tust du es nur, weil du darauf vertraust, dass du mit dem nächsten Atemzug wieder einatmen kannst. Alles kommt und geht. Wie der Vollmond und der Neumond. Diese Wellenbewegung begleitet uns das ganze Leben. Die Kunst ist nun, auf dieser Welle das Surfen zu lernen.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 5/2017

 

Felix Gottwald wurde am 13. Januar 1976 in Zell am See (Salzburg) geboren. Bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City holte er 3x Bronze, in Turin 2006 gewann er 2x Gold und 1x Silber, in Vancouver 2010 wurde er zum 3. Mal Olympiasieger, zudem gewann er drei WM-Titel. Heute ist Felix als Coach, Impulsgeber und Speaker begehrt.

www.felixgottwald.at

 

Photos: Emmanuel Cherlias; Alois Furtner; Mirja Geh; Caro Strasnik; Marco Riebler

Olympiasieger Felix Gottwald lachend in einem Talk

Shaun White seen at the Red Bull Bowl Rippers in Marseille, France on September 1, 2018 // Fred Mortagne/Red Bull Content Pool //

Superstar Shaun White über die Kunst, unter Druck zu bestehen

Halfpipe? Shaun White. Der US-Amerikaner hat 3x Olympisches Gold auf dem Snowboard gewonnen. Und zeigte auch auf dem Skateboard, dass er mit einem „Vertical Limit“ nicht viel anfangen kann.

 

„In der Halfpipe habe ich ein überwältigendes Vertrauen in mich selbst“. – So sagt es Shaun White, Superstar auf Snowboard und Skateboard, König der Halfpipe.

Ich traf den US-Amerikaner am Rande der Dew Tour Finals in Las Vegas im Oktober 2010, wo die Veranstalter eine mächtige Skateboard-Halfpipe in einem Swimmingpool des Hard Rock Hotels platziert hatten.

Es war spannend, Shaun White zu beobachten, als er sich auf den Wettkampf vorbereitete. Mehrere Fahrer standen oben auf dem Table, um abwechselnd in die Halfpipe zu droppen. Man stimmte sich ab, ließ sich gegenseitig den Vortritt. Nur einer drängelte sich immer wieder dazwischen, konnte es nicht erwarten, ein weiteres Mal zu fahren: White hatte zweifellos die wenigsten Freunde auf dieser Halfpipe und sorgte für wiederholtes Kopfschütteln unter seinen Konkurrenten. Dafür verbrachte er mit Abstand die meiste Zeit auf dem Skateboard. Den Wettkampf gewann er.

»Ich glaube an meine Fähigkeiten. An sich zu zweifeln macht die Dinge nur schwieriger.«

Shaun White

Beim Interview in einem Konferenzraum des Hotels zeigte sich der außerordentliche Stellenwert des Sportlers. Alle waren sie da, von ESPN über LA Times bis Bravo. Für jedes Medium standen fünf Minuten handgestoppter Gesprächszeit zur Verfügung. Als Europäer musste ich mir meine Zeit mit zwei weiteren Journalisten teilen.

Was mich besonders interessierte, war die Tatsache, dass die Funsportarten Skateboarden und Snowboarden bei Shaun White so früh zum knallharten Business wurden. Dank Sponsorenverträgen ist er seit seinem 14. Lebensjahr Millionär, mit 24 Jahren bereits zweimaliger Olympiasieger. Baut das bei allem Spaß nicht einen ziemlichen Druck auf?

„Das kann man so sagen. Die Leute erwarten nicht nur Siege, sondern vor allem immer wieder neue spektakuläre Sprünge und Manöver. Aber der Druck hilft mir dabei, mich zu konzentrieren, zu pushen und meine beste Leistung abzurufen. Ich springe und lande deutlich besser, wenn ich muss.“

Shaun White – am besten unter Druck

Dass er unter Druck am besten ist, hat er immer wieder auf beeindruckende Weise unter Beweis gestellt. Bei den X-Games gewann er mit Snowboard und Skateboard insgesamt fünfzehnmal Gold. Was macht Shaun White so erfolgreich?

„Ich glaube an meine Fähigkeiten. An sich zu zweifeln macht die Dinge nur schwieriger. Außerdem versuche ich im Training, meine Tricks so weit wie möglich zu perfektionieren. Das gibt mir Sicherheit. Ich möchte sehen, was möglich ist. Und zeigen, was getan werden kann. Inzwischen habe ich schon viele Tricks gestanden, die wir früher gar nicht für technisch möglich gehalten haben.“

Ein Trick, der 2010 für Aufsehen in der Snowboard-Szene sorgte, war der Double McTwist 1260. Dabei werden ein Vorwärtssalto und ein Rückwärtssalto mit dreieinhalb Schrauben kombiniert.

„Das Problem an diesem Sprung sind die ersten Versuche. Sie flößen dir eine verdammte Angst ein. Du gehst vom Frontflip direkt in den Backflip über. Deshalb kannst du fast nicht sehen, wo du dich in der Luft befindest. In dem Augenblick, der dir einen kurzen Überblick verschafft, änderst du schon wieder die Richtung und fliegst blind durch die Luft.“

Shaun White verpasste dem Sprung den Spitznamen „Tomahawk“. Dies geht auf eine Begebenheit in einem Restaurant zurück, als er seinen Tischgenossen die Komplexität des Tricks verdeutlichte, indem er mit einem zuvor servierten Tomahawk-Steak hantierte.

„Tomahwak“ am absoluten Limit

Der Superstar präsentierte den spektakulären Sprung erstmals bei einem Grand Prix in Park City. Eine Woche später wollte er den Trick, den er zu dieser Zeit als einziger Athlet weltweit beherrschte, bei den Winter X-Games zeigen. Das kostete ihn beinahe Kopf und Kragen.

„Es war ein Trainingslauf, der immer wieder verschoben wurde, weil ESPN die Verlängerung eines Basketballspiels zeigen musste. Ich habe die Konzentration verloren, beim Absprung war ich dann viel zu locker. Diesen Sprung springst du nicht einfach so aus der Hüfte raus. Diese Lektion musste ich auf schmerzhafte Weise lernen. Ich hätte mir das Genick brechen können. Ich habe die Kante auf mich zukommen sehen und noch versucht, die Hände schützend vors Gesicht zu reißen.“

Dafür war es aber schon zu spät. Die Wucht des Aufpralls riss ihm den Helm vom Kopf. Und was machte Shaun White? Er schüttelte sich und studierte in der Pause bis zum Wettkampf minutenlang in Zeitlupe die Szene, in der sein Schädel auf den eisharten Rand der Halfpipe kracht.

Im Finale packt er den Sprung dann direkt wieder aus. Diesmal steht er den Tomahawk. Höchstwertung. Und das nächste Gold bei den X-Games.

»Es ist, als würde ich beim Einfahren in die Halfpipe bereits wissen, dass ich meine Tricks landen werde. Als ob ich es schon getan hätte. Nur, dass ich es noch tun muss.«

Shaun White

 

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Wie nahe Crash und Triumph zusammen liegen, zeigt sich ein weiteres Mal, als Shaun White im Oktober 2017 beim Training in Neuseeland auf dem Rand der Halfpipe aufschlägt. Der Meister kniet blutend im Schnee. Sein Gesicht muss mit 62 Stichen genäht werden.

Im Februar 2018 steht er im Finale der Olympischen Spiele von Pyeongchang als letzter Läufer oben an der Halfpipe. Das japanische Wunderkind Ayumu Hirano hat mit einer perfekt inszenierten Double-Cork-1440-Kombo vorgelegt. Mehr geht derzeit nicht. Shaun White muss nachlegen. Mit einem Sprungelement, das Wochen zuvor fast das Ende seiner Karriere bedeutet hätte. Zum ersten Mal zeigt er ebendiese Kombination aus zwei aufeinanderfolgenden Doppelsaltos mit jeweils vier Schrauben. In einem der spektakulärsten Runs aller Zeiten. Und wird zum dritten Mal Olympiasieger.

Wieder kniet der Meister im Schnee. Diesmal hat er Freudentränen in den Augen.

„Gedanken an eine Verletzung dürfen dich nicht belasten. Sie können dazu führen, dass am Ende wirklich etwas schief geht. Wir steigen auch in ein Auto. Es ist gefährlich, das wissen wir. Und trotzdem tun wir es jeden Tag wieder. Ich kann einen extremen Run in der Halfpipe hinlegen, danach passe ich nicht auf und falle die Treppe runter.“

Verletzungen abzuhaken, ist die eine Sache. Cool zu bleiben die andere. Aber wie fühlt es sich an, ein derart unerschütterliches Vertrauen in die eigene Stärke zu haben? Was geht da vor sich, im Kopf des Shaun White? – „Es ist, als würde ich beim Einfahren in die Halfpipe bereits wissen, dass ich alle meine Tricks landen werde. Als ob ich es schon getan hätte. Nur, dass ich es noch tun muss.“

Interview by Axel Rabenstein, published in DIE WELT 19.10.10; Berliner Morgenpost 19.10.10; TOPTIMES 1/2011

 

Shaun White wurde am 3. September 1986 in Carlsbad (Kalifornien) geboren. Der US-Amerikaner war bereits mit 16 Jahren Weltranglistenerster im Snowboard-Slopestyle, in der Saison 2005/2006 gewann er jeden Wettbewerb, an dem er teilnahm. Bei den Olympischen Spielen in Turin (2006), Vancouver (2010) und Pyeongchang (2018) holte er jeweils Gold in der Snowboard-Halfpipe. Shaun White ist 15-facher Goldmedaillen-Gewinner bei den X-Games, er hat zahlreiche neue Sprünge und Kombinationen als erster Rider in Wettkämpfen gezeigt – sowohl auf Snowboard als auch Skateboard.

@shaunwhite

 

Photos: DEW Tour Las Vegas 2010; Adam Moran, Fred Mortagne / Red Bull Content Pool

For Shaun White, Red Bull Project X had immediately paid dividends // Adam Moran/Red Bull Content Pool //

Bergsteiger Alexander Huber im Portrait

Bergsteiger Alexander Huber über Momente, die für immer bleiben

Mit seinem Bruder bildet er das legendäre Duo der „Huberbuam“: Im Interview spricht Alexander Huber über die Urangst vor dem Abgrund und unvergessliche Momente.

 

Alexander, heute schon geklettert?

Heute noch nicht, es regnet leider. Aber die nächsten Tage sollen schön werden. Dann bin ich so sechs bis acht Stunden am Tag im Klettergarten und bei alpinen Touren geht es sowieso von früh bis spät.

Was treibt dich in die Wand?

Das ist jetzt eine basisphilosofische Frage, oder?

Wie du meinst …

Beim Bergsteigen hat man diesen Überblick. Man sitzt auf dem Gipfel und schaut runter und steht buchstäblich über den Dingen. Außerdem will ich draußen sein, mich einer gewissen Gefahr aussetzen und meine mentale Kraft dagegensetzen. Ich will meinen Arsch in Gefahr bringen und anschließend wieder rausholen.

»Ich will meinen Arsch in Gefahr bringen und anschließend wieder rausholen.«

Alexander Huber

Was reizt dich so sehr an der Gefahr?

Wir können nur wachsen, wenn wir uns unseren Ängsten stellen. Die Angst vor dem Absturz, das ist die Urangst vor dem Abgrund. Angst ist ein wichtiges Regulativ, um mit Sorgfalt vorzugehen und volle Konzentration auszulösen. Man kann die Angst so intensiv spüren, und hat man sie überwunden, fühlt man sich wahrhaft lebendig, dann hat man einen erinnerungswürdigen Moment in seinem Leben gefischt. Am Ende eines Lebens kommt die Todesanzeige. Da stehen dann Worte der stillen Trauer und der Name und das Alter. Dabei geht es gar nicht um das Lebensalter, sondern darum, ob das Leben reich oder arm war, an Momenten und Erinnerungen.

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An der „Nose“ im Yosemite-Nationalpark bist du mal 20 Meter tief abgestürzt. Was ist das für eine Erinnerung?

Für mich war das ein Betriebsunfall. In der Formel 1 landen die Fahrer doch auch im Kiesbett, oder in der Boxenmauer oder weiß der Kuckuck wo. Es war bislang mein einziger Betriebsunfall, und ab und zu braucht man eben seinen kleinen Schutzengel. Den habe ich in diesem Fall gerne in Anspruch genommen. Aber ich bin kein Hasardeur, der immer kopflos in die Wand hineinrennt. Ich weiß, worauf ich mich einlasse.

»Man darf sich als Mensch nicht überbewerten.«

Alexander Huber

Wenn du dort oben stehst und auf die Berge blickst, die du so sehr liebst: Hast du Angst, dass die Menschen die Natur zerstören?

Die Natur kann nicht zerstört werden. Was wir Menschen mit unserer Erde anstellen, das interessiert die Natur überhaupt nicht. Und wenn wir den ganzen Planeten verstrahlen … das wird sich auch wieder geben und es wird auch ohne uns weitergehen. Irgendwann geht die Erde sowieso im roten Riesen der Sonne auf und verschwindet spurlos. Dann war alles nur ein kurzes Aufblitzen in der Zeit. Wir können die Natur vielleicht länger erhalten, so wie sie jetzt ist. Aber zerstören können wir sie nicht. Man darf sich als Mensch nicht überbewerten.

Was willst du noch verwirklichen, ehe die Erde im roten Riesen versinkt?

Mal sehen, wir sind kreative Geister …

Und wen sollen die Leute in Erinnerung behalten?

Alexander, den Bergsteiger.

Interview by Axel Rabenstein, published in TOPTIMES 3/2007

 

Alexander wurde gemeinsam mit seinem Bruder Thomas als Kletter-Duo „Huberbuam“ weltberühmt. Spektakulär Ihr Speed-Rekord (2007) an der Nose des El Capitan im Yosemite-Nationalpark. Geübte Seilschaften benötigen für die 1.000 Meter hohe Felswand mehrere Tage, die beiden Brüder schafften es in 2:45:45 Stunden. Zuletzt sorgte Alexander Huber mit weltweiten Expeditionen in Patagonien und im Karakorum sowie mit der Eröffnung neuer Kletterrouten für Aufsehen.

www.huberbuam.de

 

Photos: Heinz Zak, Michi Meisl, Timeline Productions / adidas; Huberbuam; Alamy 

Kletterer Alexander Huber an der Nose am El Capitan im Yosemite National Park

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