DER US-AMERIKANER TRAVIS RICE GILT ALS EINER DER KOMPLETTESTEN SNOWBOARDER ALLER ZEITEN. IM INTERVIEW SPRICHT ER ÜBER SEINE EINZIGARTIGE KARRIERE, ÜBER SEHNSUCHTSORTE UND DIE MAGIE DES REINEN MOMENTS.

 

Travis, wenn du die Augen schließt und ans Snowboarden denkst. Was siehst du?

Ich sehe pure Präsenz. Ich sehe kreativen Ausdruck. Und ich sehe Vergnügen.

Ist Snowboarden ein Gefühl für dich?

Absolut! Ich spüre, wie ich mich in die Kurve lege. Es ist ein Gefühl von Vertrauen, wie das Board reagieren, welchen Radius es ziehen wird. Ein Hochgefühl von kaum vorhandener Traktion im Tiefschnee. Als würde man schweben. Du lehnst dich rein und lädst dich mit der Kraft auf, die durch die runde Bewegung entsteht. Du gehst hoch und gibst die Kraft frei, es folgt ein Moment der Schwerelosigkeit, dann lädst du dich im nächsten Turn wieder auf. Ich denke, das ist es, was das Snowboarden ausmacht: Es ist der Turn.

Bei dir machen das Snowboarden auch meterhohe Sprünge und beinahe vertikale Abfahrten aus: Würdest du dich als Extremsportler bezeichnen?

Auf keinen Fall. Die Bezeichnung der ‚Extremsportarten’ habe ich nie für besonders geeignet gehalten. Aktivitäten wie Surfen oder Snowboarden werden von Leuten als extrem bezeichnet, die selbst eher einen ruhigen Lifestyle verfolgen. Sportarten wie diese sind actiongeladen, gleichermaßen expressiv und intensiv. Die Leute fahren Skateboard oder Motocross und andere sagen: Seid ihr verrückt? Für mich ist diese Frage ehrlich gesagt frustrierend, auch wenn sie meistens von ziemlich unbedarften Leuten gestellt wird.

Du bist also nicht verrückt?

Nein, ich bin nicht verrückt. Und andere, die Sportarten wie diese ausüben, sind es auch nicht. Sie sind nur auf besondere Weise mit sich und ihrem Umfeld verbunden. Dabei sind sie in der Lage, in einen Flow zu kommen. Flow ist allerdings ein ziemlich vielschichtiger Begriff. Und vor allem ist Flow eine sehr persönliche Sache.

Inwiefern?

Ich denke, dass sich der Flow von Person zu Person individuell unterscheidet. Als einfachste Definition könnte man sagen, dass Flow ein Zustand von totaler Präsenz ist. Deine Sinne sind voll stimuliert. Du fühlst dich direkt mit deiner Intuition verbunden. Der Affengeist, das sinnlose Umherschweifen von Gedanken, ist nicht existent. Meine Identität, die Identität, die ich selbst entwickelt und für mich kreiert habe, fällt von mir ab. Ich befinde mich außerhalb der Schubladen und Schachteln, in die ich mich und mein Umfeld im Laufe meines Lebens gepackt habe. Fernab der vorgefertigten Meinungen, mit denen ich mich selbst beeinflusse. Meine Persönlichkeit hat Sendepause. Limitierende Einflüsse werden ausgeblendet und machen Platz für einen reinen, glückseligen Moment.

»Wir haben unser Ego und unsere Persönlichkeit selbst kreiert. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, wie er sich davon befreit, um das tun zu können, was ihn wirklich glücklich macht.«

Travis Rice

An welchen besonderen Moment erinnerst du dich?

Ich habe das große Glück, Momente wie diese immer und immer wieder zu erleben. Es gab Zeiten, zu denen ich gar nicht darüber nachgedacht habe, was mir in so einem Augenblick widerfährt. Bis ich etwa dreißig Jahre alt war, habe ich das gar nicht reflektiert. Es war fast schon normal für mich.

Wann war es mal nicht normal?

Da fällt mir der Air&Style Contest in München 2006 ein. Der Sprung, mit dem ich gewinnen wollte, ging in den ersten beiden Versuchen schief. Beim Air&Style darfst du den gleichen Trick aber nur zweimal versuchen. Im dritten und letzten Anlauf musste ich also einen anderen Sprung zeigen. Mein Board war an der Nose gebrochen, ich hatte keine Zeit mehr, es zu wechseln …

… und du hast einen Double Backflip 180 ausgepackt, als Weltpremiere in einem Snowboard-Wettkampf.

Yes! Ich stand oben, und plötzlich fühlte ich mich frei von limitierenden Gedanken. Ein erstaunliches Gefühl des Vertrauens in meine Fähigkeiten. Es kam ganz natürlich zu mir, ich erinnerte mich an diesen Sprung, den ich mal im Training versucht hatte. Ich fuhr los, sprang ab und gewann tatsächlich den Contest. Das war ein besonderer Moment. Aber wie gesagt, Flow erlebe ich regelmäßig, im Backcountry beim Powdern, wenn ich springe, in der Luft. In Momenten wie diesen verlangsamt sich die Zeit.

Kannst du den Flow suchen? Oder muss er zu dir kommen?

Er muss zu dir kommen, das auf jeden Fall. Aber ich denke, dass es eine Fähigkeit ist, bereit dafür zu sein. Über diese Bereitschaft zu verfügen, kann man erlernen und beherrschen.

Wie kann ich es üben?

Was du benötigst, ist Kohärenz. Eine Einheit aus deinen Gedanken, deinem Tun und deinem Spirit. Es ist ein Wollen, ohne es zu müssen. Meditieren ist hilfreich, dabei bekommst du eine enge Verbindung zu dir selbst. Ich denke, es ist die Praxis in Achtsamkeit und Bewusstsein, die dir dabei hilft, in den Flow zu kommen. Dann ist eine Menge möglich. Und das übrigens nicht nur im Sport.

Ich habe gelesen, dass du von der Kraft des Manifestierens überzeugt bist. Demnach kann man Dinge im realen Leben beeinflussen, indem man sie visualisiert und fest daran glaubt. Glaubst du wirklich, dass das funktioniert?

Ich glaube nicht, dass es funktioniert. Ich weiß, dass es funktioniert. Für mich ist Manifestation eine Art Superkraft. Das meine ich ernst. Bei mir hat es einfach zu häufig funktioniert. Bewusstsein erschafft Realität. Probier’s mal im Auto: Wenn du wirklich daran glaubst, einen Parkplatz zu finden, dann kriegst du auch einen.

Ist das Magie?

Ich denke eher, dass es Physik ist. Es gibt das Universum, in dem wir leben. Und es gibt die Realität, die wir uns erschaffen. Quantenphysik und Quantenmechanik haben in den vergangenen 30 Jahren bewiesen, dass die Realität wohl doch ein wenig anders aussieht, als das, was wir in der Schule gelernt haben. Wenn wir das als Magie bezeichnen, dürfte es noch untertrieben sein. Es wird dem, was uns umgibt, wahrscheinlich nicht einmal annähernd gerecht.

Hin und wieder läuft’s auch bei dir nicht nach Plan. Während der Dreharbeiten zu „The Fourth Phase“ bist du in eine massive Lawine geraten. Was lernst du aus Momenten wie diesen? Grund, etwas zu ändern? Oder etwas, das einfach passiert?

Ich denke nicht, dass Dinge einfach so geschehen. Für mich war diese Lawine eine kraftvolle Erfahrung. Sehr intensiv, weil ich danach eine Dankbarkeit empfunden habe, wie selten zuvor. Es war ein Weckruf, wie sehr wir der Macht der Berge ausgeliefert sind.

Wie erlebst du einen Lawinenabgang?

Auch hier scheine ich im Flow zu sein. Alles wird bewusster. Mit 22 Jahren hat mich eine Lawine in Alaska mitgenommen. Ich weiß noch, dass ich mir dabei zusehen konnte, wie ich diesen Berg hinabstürzte. Es war eigenartig still um mich herum, ein beinahe friedliches Gefühl. Ich hatte extrem klare Gedanken. Und es war die krasseste Zeitlupensituation, die ich jemals erlebt habe. Ich war mittendrin in diesem Ungetüm. Trotzdem hatte ich genug Zeit, meine Brille zu richten, konnte mir in Ruhe überlegen, wie ich nach der nächsten Umdrehung mein Snowboard ausrichten würde.

Hattest du Angst?

Nein. Irgendwie gab es keinen Zweifel. Erst als es vorbei war, kam ein Gefühl der Angst.

Abgesehen von solchen Grenzerfahrungen lebst du deinen Traum. Vielen Menschen gelingt das nicht. Sie stehen jeden Morgen im Stau und fahren in ein Büro, in dem sie gar nicht sein möchten. Wo liegt das Problem?

Oh Mann, es ist wirklich ein Jammer! In unserer Gesellschaft gibt es eine Alltagshektik, diesen Stress. Das hat wirklich niemand verdient. Deshalb ist es wichtig, sich jeden Tag von neuem aufrichtig zu begegnen. Achtsam zu sein. Sich zu überlegen, was einem wirklich wichtig ist.

Warum fällt das den Menschen so schwer?

Für viele Menschen ist die eigene Identität im Laufe ihres Lebens zu einer Art Gefängniszelle geworden. Wir denken, wir müssten über uns richten, uns bewerten, uns vergleichen. Das macht uns ängstlich, eifersüchtig und wütend, und Gefühle wie diese sind keine guten Antriebskräfte. Wir haben unser Ego und unsere Persönlichkeit selbst kreiert. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, wie er sich davon befreit, um das tun zu können, was ihn wirklich glücklich macht. Aber daran muss man arbeiten. Ein untrainierter Geist, wird nichts erreichen. Man muss Vertrauen in sich aufbauen, und immer wieder üben, den Kopf mit dem Herzen zu verbinden und Stimmigkeit zwischen beiden zu erreichen, sei es beim Snowboarden oder beim Schwimmen oder meinetwegen beim Sonnenbaden.

Du hast viel gesehen, viel erlebt. Gibt es für dich noch einen Sehnsuchtsort?

Ich liebe das Surfen und das Snowboarden, ich stehe auf Kunst. Diesbezüglich gibt es noch einige Plätze, an denen sich etwas erleben ließe. Ich denke aber, es muss gar kein physischer Ort sein. Mir geht es eher um Geisteszustände, ein Gefühl des Friedens oder der Leichtigkeit.

Wo ist der beste Platz auf Erden?

Alaska. Im Moment der Vorfreude, in eine Line zu droppen.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 5/2019

 

TRAVIS RICE WURDE AM 9. OKTOBER 1982 IN JACKSON HOLE (WYOMING) GEBOREN. MIT 19 JAHREN GEWANN ER DIE X-GAMES IM SLOPESTYLE, 2006 SIEGTE ER BEIM AIR&STYLE IN MÜNCHEN, BEI DEN X-GAMES 2009 GEWANN ER GOLD IM BIG AIR. RICE GILT ALS EINER DER BESTEN ALLROUND-SNOWBOARDER ALLER ZEITEN, MIT SEINEN FILMEN „THE ART OF FLIGHT“ (2011) UND „THE FOURTH PHASE“ (2016) ERREICHTE ER WELTWEIT EIN MILLIONENPUBLIKUM.

WWW.TRAVISRICE.COM

 

Photos: Scott Serfas, Danny Zapalac, Elol Stichelbaut, Leo Francis, Tim Zimmerman / Red Bull Content Pool