NORIAKI KASAI SPRINGT MIT SAGENHAFTEN 47 JAHREN NOCH IMMER IM WELTCUP. DER JAPANER IST EINE FLIEGENDE LEGENDE. UND ERZÄHLT IN EINEM SEINER SELTENEN INTERVIEWS AUS DREI JAHRZEHNTEN SPORTGESCHICHTE.

 

Noriaki, Sie haben am 17. Dezember 1988 in Sapporo Ihr Weltcup-Debüt gegeben. Welche Erinnerungen haben Sie heute an diesen Tag?

Kaum eine Erinnerung. Wenn ich kein gutes Ergebnis erziele, kann ich mich selten erinnern. Mein Gehirn löscht es dann direkt.

Ihr Gedächtnis ist also voll und ganz auf Erfolg programmiert?

Ja, ich denke, so funktioniert das bei mir.

Sie waren damals 16 Jahre alt. Können Sie sich noch an ein Gefühl erinnern? Waren sie besonders aufgeregt?

Ich bin immer aufgeregt, wenn ein wichtiges Springen ansteht. Deshalb kann ich zumindest sagen: Ich war mit Sicherheit sehr angespannt damals.

Seitdem sind 30 Jahre vergangen. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Sprünge Sie im Laufe Ihre Karriere gemacht haben?

Oh … (denkt lange nach) das ist wirklich unmöglich zu sagen. Ich kann es nicht einmal schätzen.

Eine Zahl existiert: Mit dem ersten Springen der Saison 2018 in Wisla sind es 544 Einzel-Starts bei einem Weltcup. Klingt das realistisch?

Ja, das könnte hinkommen.

Welcher Sprung war der schönste?

Schöne Sprünge gab es eine Menge (denkt nach) … der Sprung zur Silbermedaille in Sotschi 2014 war sehr besonders für mich. Der Weltcup-Sieg beim Skifliegen am Kulm 2014 ist mir in Erinnerung, zuvor hatte ich zehn Jahre nicht gewonnen. An früheren Springen fallen mir die beiden Siege beim Weltcup-Finale auf der Großschanze in Planica 1998 und 1999 ein.

Kein Zweifel, bei Noriaki Kasai geht’s ums Gewinnen …

Ja, an meine Siege kann ich mich wenigstens erinnern.

»Wenn du einmal im V-Stil geflogen bist, wenn du das Luftpolster gespürt hast, dann möchtest du nie wieder anders springen. Es ist wirklich wie Fliegen.«

Noriaki Kasai

Haben Sie eine Lieblingsschanze?

Alle großen Schanzen. Ich mag Willingen, Garmisch, Innsbruck. Dort, wo ich gewonnen habe. Aber natürlich ist auch die Atmosphäre wichtig. Mir fällt Bischofshofen ein, die Vierschanzen-Tournee ist immer besonders.

Man muss sich vorstellen: Sie sind Ende der 80er Jahre noch gegen Matti Nykänen gesprungen. Das ist Skisprunghistorie. Von welchen Springern waren Sie im Laufe Ihrer Karriere besonders beeindruckt.

Mich haben viele Springer beeindruckt. Wirklich … viele.

Gibt es einen, der Sie besonders beeinflusst oder geprägt hat?

Goldberger.

Warum?

1992 bin ich in Harrachov Skiflug-Weltmeister geworden. Andi Goldberger war damals schon dabei. Mit ihm gab es immer wieder packende Duelle, er war ein wichtiger Teil meiner Karriere.

Anfang der 90er war die Zeit, als vom Parallel-Stil auf den V-Stil umgestellt wurde. Es heißt, Sie waren von dieser Änderung anfangs gar nicht begeistert?

Beim Skispringen geht es ja nicht nur um die Weite, sondern auch um die Ästhetik, die in die Wertung miteinfließt. Objektiv betrachtet, ist der V-Stil nicht sehr schön. Der klassische, traditionelle Stil ist schöner. Anfangs konnte man sich mit kürzeren Sprüngen im klassischen Stil noch gegenüber dem V-Stil behaupten. Deshalb bin ich so lange wie möglich klassisch gesprungen.

Aber dann war der V-Stil aerodynamisch so überlegen, dass eine Umstellung unumgänglich war?

Richtig. Ab 1991 wurde in Japan umgestellt. Ich bin noch bis Sapporo 1992 konsequent klassisch gesprungen. Unser Sprungdirektor hat mich dann aber vor die Wahl gestellt: Wenn ich nicht im V-Stil springe, darf ich nicht mit zu den Olympischen Spielen 1992 in Albertville. Ich wollte meinen Stil nicht ändern. Ich musste.

Den WM-Titel im Skifliegen 1992 in Harrachov haben Sie dann aber mit dem V-Stil geholt?

Ja.

Hat also ganz gut geklappt.

Ja (lacht). Aber ganz so einfach war es nicht. Ich kann neue Bewegungsabläufe gut adaptieren. Bis ich den ersten Sprung im V-Stil machen konnte, habe ich allerdings drei Wochen gebraucht. Das Öffnen der Ski beim V-Stil kostet Überwindung. Du lehnst dich noch weiter nach vorne, da bekomme ich Angst. Bei den Sprung-Wettbewerben in Albertville hat das nicht geklappt. Beim Skifliegen habe ich aber eh schon immer Angst. Also war es egal, ob ich noch etwas mehr Angst habe. Plötzlich hat es funktioniert. Ich hatte in Harrachov aber auch ein bisschen Glück mit den Windbedingungen.

Wenn Sie bestimmen könnten, wieder klassisch zu springen. Würden Sie die Uhr zurückdrehen?

Nein. Wenn du einmal im V-Stil geflogen bist, wenn du das Luftpolster gespürt hast, dann möchtest du nie wieder anders springen. Es ist wirklich wie Fliegen.

Um ein paar Sekunden fliegen zu können, wird Stunde um Stunde trainiert. Was hat sich im Laufe Ihrer Karriere im Training verändert?

Früher stand die Quantität im Vordergrund. Ich habe sehr hart trainiert, einmal sah ich Andi Goldberger, wie er 260 Kilo mit der Beinpresse stemmte. Also legte ich mir 270 Kilo auf. Manchmal habe ich es auch übertrieben … oder sagen wir: unnötige Sachen gemacht. Hartes Training hat aber auch seinen Sinn, weil es dich mit dem Selbstvertrauen ausstattet, bereit zu sein. Mit meinem ersten finnischen Trainer, ich war dann schon 30 Jahre alt, habe ich auf qualitatives Training umgestellt, mehr nachgedacht, mehr an der Technik gefeilt.

Spüren Sie heute, dass Sie längere Phasen der Regeneration benötigen?

Nein. Mein Körper ist eigentlich super (lacht).

Gar nicht müde von 30 Jahren Weltcup?

Selten. Es kann sein, dass mal ein Gelenk schmerzt. Aber wirklich … nur minimal.

Liegt das an der Ernährung? Achten Sie besonders darauf, was Sie essen?

Vielleicht gibt es Körper, die sich länger gut halten? Ich habe wirklich keine besonderen Ernährungsgewohnheiten. Nicht anders, als andere.

Schlafen Sie viel?

Nein, auch nicht. Ich schlafe eher weniger als andere. Ist ja auch schade um die Zeit. Ich freue mich jeden morgen, wenn ich aufstehen kann, um loszulegen.

Aber was ist das Rezept, um mit 47 Jahren noch im Weltcup zu springen?

Spaß haben! Ab Ende 30 tendiert man zudem dazu, sich immer mehr Gedanken und Sorgen zu machen, nicht nur, was die Karriere anbelangt, auch im Leben allgemein. Das ist nicht hilfreich. Der Kopf darf nicht müde werden. Positives, freies Denken ist ungemein wichtig. Ich denke, es wirkt sich auf den Körper aus.

Was war der beste Tipp, den Sie von einem Trainer erhalten haben?

Ich hatte viele Trainer, und von allen erhielt ich immer wieder gute Ratschläge. Wenn ich etwas hervorheben soll, dann vielleicht dies: „Nicht denken … einfach nach vorne!“ Das hat mir ein Trainer gesagt, als ich noch in der Grundschule war. Ich versuche bis heute, dies zu beherzigen.

Fragen jüngere Sportler häufig um Rat bei Ihnen?

Erstaunlich selten. Skispringer sind Sturköpfe. Aber klar, wenn mal einer fragt, versuche ich gerne, meine Erfahrung weiterzugeben.

»Ich lebe seit fast zwei Dritteln meines Lebens als Profi. Und mache es so gerne wie am ersten Tag.«

Noriaki Kasai

Gibt es eine lustige Anekdote, an die Sie sich erinnern?

Ich erinnere mich daran: In Oslo saß ich als Führender nach dem ersten Durchgang oben auf dem Balken, direkt vor meinem Sprung. Plötzlich fliegt mir eine Taube ins Gesicht, und wir beide erschrecken uns. Die Taube hat dann etwas, naja … liegenlassen. Mitten in der Spur. Ich wollte nicht starten, dachte, es würde meine Anlaufgeschwindigkeit beeinflussen. Ich habe gerufen und gewinkt, aber keiner hat verstanden, was der Noriaki für ein Problem hat. Der Trainer schwenkte auch schon die Flagge. Also musste ich da durch …

Und?

Ich habe gewonnen.

Hat die Taube Glück gebracht?

Wahrscheinlich. Bis zum Absprung hatte ich sie aber schon wieder vergessen. Wenn du auf den Schanzentisch zufährst, ist kein Platz für andere Gedanken.

Sie haben 2017 in Vikersund im Alter von 44 Jahren mit 241,5 Metern noch einmal Ihren persönlichen Weitenrekord verbessert. Waren Sie selbst überrascht?

Nicht unbedingt. Die Wettkampfleitung hatte direkt vor meinem Sprung sogar den Anlauf um zwei Lücken verkürzt, sonst wäre ich wahrscheinlich 250 Meter weit gesprungen. Das habe ich ehrlich gesagt auch noch vor.

Um so etwas zu erreichen, ist Disziplin gefragt. Und das seit drei Jahrzehnten. Was motiviert Sie Jahr für Jahr, den enthaltsamen Lebensstil eines Profisportlers beizubehalten?

Ich lebe seit fast zwei Dritteln meines Lebens als Profi. Und mache es so gerne wie am ersten Tag. Ich vermisse nichts. Ich tue alles, was ich tun möchte. Ich liebe es, zu fliegen. Und daran möchte ich überhaupt nichts ändern.

Sie sind seit 30 Jahren Weltspitze, der einzige Athlet, der achtmal an Olympischen Winterspielen teilgenommen hat. Ist das der große Erfolg des Noriaki Kasai? Oder geht es doch eher um die einzelnen Siege Ihrer Karriere?

Ich bin in der Tat sehr zufrieden mit meiner Karriere, könnte aber zufriedener sein. Und das ist wichtig. Es sind die Ziele wie ein Olympiasieg, die mir die Motivation schenken, aktiv zu bleiben.

Das nächste große Ziel sind die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking?

Richtig.

Haben Sie sich trotzdem schon mal Gedanken gemacht, was nach Ihrer Karriere kommen soll? Möchten Sie als Trainer arbeiten?

Ein Job als Trainer wäre reizvoll. Übrigens nicht nur in Japan, gerne auch für eine andere Nation.

Das dürfte kein großes Problem sein, wer hat schon mehr weiterzugeben als Sie?

Naja … (schmunzelt) ich möchte noch zehn Jahre springen. Hoffentlich, bin ich nach meiner Karriere nicht schon zu alt für den Job des Trainers.

Wären Sie gerne noch einmal jung?

(Überlegt sehr, sehr lange) Ja. – Ich wäre gerne noch einmal 16 Jahre alt. Dann könnte ich jetzt mit dem Skispringen beginnen … mit der Erfahrung, die ich heute habe.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTMAGAZIN 12/2018; SPORTaktiv 1/2019 

 

NORIAKI KASAI WURDE AM 6. JUNI 1972 IN SHIMOKAWA AUF HOKKAIDO (JAPAN) GEBOREN. SEIN WELTCUP-DEBÜT GAB ER AM 17. DEZEMBER 1988 IN SAPPORO. IM JAHR 1992 WURDE ER WELTMEISTER IM SKIFLIEGEN. BEI NORDISCHEN SKI-WELTMEISTERSCHAFTEN UND OLYMPISCHEN SPIELEN GEWANN ER NEUN MEDAILLEN, ZULETZT IN SOTSCHI 2014, WO ER IM ALTER VON 41 JAHREN SILBER AUF DER GROSSSCHANZE GEWANN. ER IST DER EINZIGE ATHLET, DER ACHTMAL AN OLYMPISCHEN WINTERSPIELEN TEILGENOMMEN HAT. IM MÄRZ 2017 VERBESSERTE ER SEINE PERSÖNLICHE BESTWEITE IN VIKERSUND IM ALTER VON 44 JAHREN AUF 241,5 METER. NORIAKI KASAI IST VERHEIRATET, HAT EINE TOCHTER UND LEBT IN SAPPORO.

 

Photos: Fischer Sports / NordicFokus