Ihre Karriere drohte zum Trauma zu werden. Unwissende Trainer drängten sie in eine Unterernährung. Doch Triathletin Tanja Stroschneider gab nicht auf. Und startet heute als Weltklasse-Athletin im Trendsport HYROX durch.

 

Tanja, deine Karriere beginnt im Schwimmbecken. Wie erinnerst du dich an deine sportliche Kindheit?

Ich begann mit vier zu schwimmen. Gefühlt war das aber kein Training, sondern Zeit mit meinen Freundinnen. Trotzdem sind wir Wettkämpfe geschwommen. Wenn‘s gut lief, wenn ich mich verbesserte, dann hat mich das schon als Kind extrem motiviert, noch mehr zu geben.

Wann wurde aus dem Schwimmtalent die Triathletin mit internationalen Zielen?

Um im Schwimmen in Richtung Weltspitze vorzustoßen, hätte ich sehr früh noch mehr und gezielter trainieren müssen. Mein Trainer empfahl mir Triathlon, hier standen mir mit 14 Jahren die Türen zu einer Profikarriere noch offen.

Wurde das Training dann ernster?

Ich habe gerne hart trainiert. Aber die spielerische Komponente war auch im Triathlonverein sehr hoch, wir trainierten in der Gruppe, zusammen mit den Burschen, das hat mich gepusht. Diese positive Einstellung zum Sport trage ich tief in mir. Sie war während meiner 20 Jahre im Leistungssport die wichtigste Energiequelle.

„Niemand glaubte mir.“

Zunächst warst du sehr erfolgreich. Dritte bei der Junioren-EM 2009 in der Triathlon-Staffel, U23-Staatsmeisterin 2012. Dann kamen schwierige Zeiten: Man trieb dich in eine Unterernährung. Wie ging das los?

Es begann 2006, vor meiner ersten Junioren-EM. Nach einer Magen-Darm-Grippe hatte ich ein paar Kilo abgenommen. Ich fühlte mich mies. Ein Betreuer überreichte mir die Kaderausrüstung mit den Worten: „Gut schaust aus!“. Meine Trainer machten mir klar: Triathlon wird beim Laufen entschieden. Und jedes Kilo weniger macht dich schneller …

Was passierte dann?

Ich war normalgewichtig, etwa 1,76 Meter groß und 63 Kilo schwer. Aber als 16-Jährige natürlich naiv und sehr folgsam. Meine Eltern hatten keine Erfahrung im Leistungssport. So glaubten wir meinen Trainern, weil sie wohl das Beste für mich wollten. Ich versuchte, brav abzunehmen. Bis das System kippte: Plötzlich nahm ich trotz reduzierter Kalorien zu. Meine Trainer denunzierten mich als Lügnerin, die heimlich essen würde. Ich bekam Ernährungspläne, die ich mit meiner Mutter penibel nachkochte: weniger als 1500 Kalorien bei 25 bis 30 Stunden Training in der Woche.

Was hat das mit dir gemacht?

Ich war ständig hungrig, mir war immer kalt, ich war häufig krank und verletzt. Fast noch schlimmer war der psychische Druck. Niemand glaubte mir. Außer meiner Mutter, die immer zu mir stand. Ich wurde Siebte im Contintental-Cup und meine Trainer sagten, kein Wunder, so fett wie ich wäre. Ein Sportdirektor meinte, er habe noch nie eine so undisziplinierte Athletin erlebt. Solche Aussagen fressen sich tief in dein Selbstwertgefühl.

Gab es keine Ernährungsberater?

Leider erkannte auch eine Expertin am Sportstützpunkt nicht das Problem. Sie attestierte mir lediglich „komplett ungeeignet“ als Triathletin zu sein.

 

Triathletin und HYROX-Elite Tanja Stroschneider beim Laufen

 

„Mädel, du bist schwer unterernährt“

Die Folgen wurden dramatisch: Herzmuskelentzündung 2015, Bandscheibenvorfall beim Weltcup in Antwerpen 2018. Wie hast du es geschafft, weiterzuarbeiten und nicht mental zu zerbrechen?

Man denkt immer, es müsse doch endlich aufhören, so schlimm zu sein. Also macht man weiter. Und meine tiefe Liebe zum Sport schenkte mir noch immer Kraft.

Die Erlösung kam 2019, als dich ein Trainer aus der Schweiz ansprach …

Er hatte mich beobachtet und gesehen, dass es mir nicht gut ging. Ich wurde zu Diagnostiker Jürg Hösli vermittelt. Der checkte mich durch und sagte: „Mädel, du bist schwer unterernährt.“

Bist du ihm um den Hals gefallen?

Ich stand da mit meinen inzwischen 80 Kilo und dachte, der sei verrückt! Er erklärte mir, dass ich an einem RED-S-Syndrom litt, meinen Stoffwechsel ruiniert hatte, mit einem Körper im Panikmodus, der speicherte, was er bekam. Wir erhöhten auf ein Minimum von 4000 Kalorien am Tag. Innerhalb eines halben Jahres nahm ich mehr als zehn Kilo ab.

»Es geht um mehr ... als nur um einen Tag.«

Tanja Stroschneider

Deine physische Wiedergeburt brachte dich bis vor deinen großen Traum von Olympia. Du hattest die Norm für Paris 2024 geschafft, der Verband entschied sich für zwei andere Athletinnen. Wie hast du das aufgenommen?

Ich habe geweint und eine Woche gebraucht, mich zu fangen. Rückblickend haben mir die drei Jahre bis zur Quali aber viel gegeben: ein positives Trainingsumfeld, internationale Wettkämpfe und schöne Reisen. Das hat mir gezeigt, dass es am Ende mehr um den Weg geht, als um einen einzigen Tag X.

Nach 20 Jahren Triathlon kamst du über deinen alten Schwimmfreund Alexander Rončevic, HYROX-Weltmeister 2024, zu dieser noch jungen Sportart. Glückliche Fügung?

Und wie! Ich ging in Rimini an den Start und landete direkt auf dem Podium, obwohl ich gerade vier Tage vorher erklärt bekam, wie HYROX überhaupt funktioniert. Ich stand ohne Druck am Start, ohne Normen, ohne Punkte. Einfach nur aufgeregt, etwas Neues zu probieren. Es erinnerte mich an das kleine Mädchen, das aus purer Freude Schwimmwettkämpfe bestreitet. Das hat ein neues Feuer in mir entfacht.

 

Elite im HYROX

Liegt deine Stärke im HYROX beim Laufen?

Interessanterweise eher bei den Workouts. Am Ski-Ergometer habe ich einen guten Zug vom Schwimmen, an den Schlitten halte ich mit den Besten mit und die Wallballs am Ende ziehe ich „unbroken“ ohne Pause durch. Nach Bestzeit auf 10 Kilometer gehöre ich in der HYROX-Elite zu den Schnellsten. Ich tue mir aber noch schwer, mein Laufpotenzial zwischen den Stationen abzurufen.

Wie trainierst du?

Die intensiven Einheiten haben erst einmal meine Schwelle zerstört. Jetzt liegt der Fokus darauf, sie wieder anzuheben und gezielt in Kombination mit Workouts mehr zu laufen.

 

Triathletin und HYROX-Elite Tanja Stroschneider im HYROX-Wettkampf

 

Kennst du deinen Körper besser, als viele andere?

Gut möglich! Ich weiß, wie wichtig Regeneration und ein stabiles Umfeld sind, verkrafte durch meine Ausdauerjahre tendenziell mehr Belastung. Und das wird wichtiger, weil in HYROX von Bestzeiten auf ein Punktesystem mit fünf zählenden Rennen umgestellt wird. So gewinnen Konsistenz und Verletzungsfreiheit an Gewicht.

Was überwiegt heute, wenn du zurückblickst: Schmerz oder Dankbarkeit?

Vielleicht hätte ich mir manches gerne erspart. Aber ohne meine Erfahrungen hätte ich weder das Wissen über meinen Körper noch diese innere Stärke. Ich habe das Gefühl, dort angekommen zu sein, wo ich sein soll. Wenn mich meine Karriere eines gelehrt hat, dann niemals aufzugeben. „Never give up“ ist mehr als eine Floskel – es ist das, was dich am Ende zurück auf deinen Weg bringt.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 4/2026

 

Tanja Stroschneider (Jg. 1990) ist ehemalige österreichische Spitzen-Triathletin (u. a. Junioren-EM-Bronze 2009, U23-Staatsmeisterin 2012), überwand nach Jahren im Energiedefizit (RED-S Syndrom) schwere gesundheitliche Rückschläge und startet heute als HYROX-Profi – unterstützt vom Spitzensport-Programm der Justiz.

 

Photos: Tanja Stroschneider

Triathletin und HYROX-Elite Tanja Stroschneider in Bikini

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