Eneko und Iker Pou zählen seit Jahrzehnten zu den besten Kletterern der Welt. Hier erzählen die beiden Basken von ihren Abenteuern in den Bergen. Und auf was sie eines Tages von dort oben zurückblicken wollen.
„Wir lieben die Berge! Deshalb möchten wir aber nicht unbedingt in den Bergen sterben.“ Eneko und Iker lachen, es steckt aber durchaus Ernst in diesem Satz. Denn das Leben hing bei den beiden mitunter an einem einsamen Haken in einer brüchigen Wand.
Seit 30 Jahren realisieren die baskischen Brüder Erstbegehungen an den entlegensten Orten der Erde. Bis heute brachte ihnen das bereits sechs (!) Nominierungen für den „Piolet d’Or“ ein.
Welche Erinnerungen erscheinen ihnen beim Blick auf ihre Karriere? „Ich sehe zwei Jungs vor mir, die als Kinder mit ihren Eltern in die Berge gingen“, sagt Eneko, „die zu starken Sportkletterern wurden und schließlich mehr und mehr vom Alpinismus angezogen wurden.“
Vor seinem inneren Auge tauchen Routen in der peruanischen Cordillera Blanca auf, die zuletzt für Aufsehen in der Szene sorgten. Manche Begehungen wurden als „suizidal“ bezeichnet. Aber darum sei es niemals gegangen, sagen Eneko und Iker. Es gehe immer nur darum „an sich selbst zu glauben“ und die eigenen Grenzen zu verschieben, um das Leben in seiner ganzen Intensität zu spüren.
»Wir wollen Menschen mit Geschichten und Bildern inspirieren.«
Eneko & Iker Pou
Wendepunkt „Action Directe“
Für Iker gibt es einen Einschnitt in seiner Karriere: das Jahr 2000, als er die zweite Wiederholung von „Action Directe“ klettert, eine der schwersten Sportkletterrouten der Welt. „Danach war alles anders“, erinnert er sich. „Ich fragte mich, was nun kommen soll …“
Im Gespräch mit seinem älteren Bruder wird klar, dass sie fortan als Team unterwegs sein wollen. Der Plan: ihre Stärken kombinieren. Iker, bekannt für seine Kraft an Einfinger- und Zweifingerlöchern, mit der er konstant Schwierigkeitsgrade von 9a und 9a+ klettert; Eneko, der Allroundalpinist für große Linien und Hochtouren zwischen Fels und Eis.
Drei Jahre benötigen die beiden, um Sponsoren an Land zu ziehen. Dann starten die Pou-Brüder ihr berühmtestes Projekt: „Sieben Wände, sieben Kontinente“.
Auf Madagascar realisieren sie die erste freie Begehung von Afrikas schwierigster Route („Bravo les Filles“), in Pakistan klettern sie „Eternal Flame“ im achten Grad auf 6000 Meter Höhe und in Tasmanien den mystischen „Totem Pole“, der für Eneko eine besondere Bedeutung hat.
„Technisch die einfachste Wand des ganzen Projekts. Aber es ist diese ikonische Säule über dem Meer, die jeder klettern will. Einfach, schön und verständlich.“ Für öffentliche Aufmerksamkeit gehe es nicht nur um schwierige Routen. „Sondern auch um Geschichten und Bilder, die Menschen aufgrund ihrer Ästhetik inspirieren.“
„Denker“ und „Action Man“
Nach außen gilt Iker als „Action Man“ und Eneko als der „Denker“. Zwei Rollen, die in Ordnung gehen. „Verglichen mit den meisten Menschen sind wir wohl beide eher handlungsorientiert“, sagt Eneko. „Aber unter uns ist Iker sowas wie der Super-Action-Typ, und ich bin derjenige, der gerne noch einmal nachdenkt.“
Das zeige sich am Fuß großer Wände, meint Iker: „Ich bin aufgeregt, will einfach nur hoch und losklettern.“ Eneko bringe das Team dazu, innezuhalten: Wo ist das Biwak? Wie riskant ist der Abstieg? Wie viele Tage braucht es wirklich?
Ein Beispiel ist eine Wand in der Cordillera Blanca über 2.500 Höhenmeter, durchsetzt mit Seracs und harten Eispassagen, an der sie mit ihrem peruanischen Klettergefährten Micher Quito standen. „Wir können improvisieren. Aber manchmal ist es einfache Mathematik”, sagt Eneko. Für eine 1.000-Meter-Wand hatten sie zuletzt vier Tage benötigt. Für diese hier wären es also eher zehn. „Ich sagte den beiden: Unsere Chance, lebend hochzukommen und wieder abzuseilen, liegt bei 20 Prozent. Ich gehe da nicht rein.“
Iker knirscht mit den Zähnen. Aber sie canceln sie das Projekt, weichen aus auf einen anderen Berg. „Meistens diskutieren wir über den Abstieg“, sagt Iker. „Hoch kommen wir fast immer. Aber runter … ist in unbekannten Wänden das wahre Problem.“
»Irgendwann wirst du zum Junkie ...«
Iker & Eneko Pou
Glück in der Antarktis
2007 erleben die Pou-Brüder beim Abschluss von „Sieben Wände, sieben Kontinente“ wie dünn die Linie ist. Nach einer wilden Überfahrt von Ushuaia über die Drake-Passage eröffnen sie in der Antarktis eine gemischte Route von 750 Metern an brüchigem Fels („A piece of shit“). Der Aufstieg ist kompliziert, der Abstieg wird zur Nervenprobe: überhängende Abseilpassagen, 400 Meter Luft unter den Füßen, Zweifel an jedem Sicherungspunkt.
„An einer Stelle legte ich sieben Haken“, erinnert sich Eneko. „Als ich unten war und Iker nachkam, brachen sechs der Haken raus. Gehalten hat ein winziger Stopper.“
Grenzerfahrungen machen die beiden auch in Patagonien, wo einen extrem schnelle Wetterwechsel „immer wieder überraschen“, wie Iker sagt. Und manchmal muss man es auch gut sein lassen: Als sie mit „One Push“ eine 1000-Meter-Wand am Pumahuacanca in Peru erstbesteigen, die sie selbst als „härteste Alpinroute ihrer Karriere“ beschreiben, wollen Iker und Klettergefährte Micher nach drei Tagen Pause in die nächste Wand. Aber Eneko sagt: „Jungs, wir haben das hier überlebt … ich denke, es reicht für dieses Jahr.“
Für den Moment kann es genug sein. Auf Dauer aber nicht. „Wir brauchen neue Reize, wollen die Intensität spüren, es ist wie ein Motor, den du am Laufen hältst“, sagt Iker. „Und es gibt noch so viele Berge, die wir klettern wollen.“
Für Eneko ist es eine Frage der Balance: „Irgendwann wirst du zum Junkie. Sieh dir die B.A.S.E. Jumper an. Das ist genial … das pure Adrenalin! Nur leider sterben die meisten dabei.“
Beim Sportklettern könne man 100 Prozent geben. Wer im Alpinismus bei 100 Prozent klettere, habe schlechte Zukunftsaussichten. „Wir lieben, was wir tun. Wir müssen aber auch immer wieder sagen: Bis hierhin und nicht weiter.“
Leben statt Legende
Die Pou-Brüder haben enge Freunde verloren, darunter einige der stärksten Alpinisten ihrer Generation, wie David Lama und Hansjörg Auer. „Es gibt Touren, die hätten wir noch härter angehen können“, sagt Iker. „Aber für den Abstieg halten wir uns immer eine Reserve.“
Dafür wurden sie sogar kritisiert, erzählt Eneko: „Leute haben gesagt, wir seien so stark, warum wir nicht noch extremere Dinge machen? Wir finden unsere Karriere aber schön, so wie sie ist. Wir jagen keinen Ruhm: Uns geht es um das Leben in den Bergen, um Freundschaft, Wildnis und Natur.“
Alpinismus sei kein gutes „Storytelling“, wenn er ständig mit frühen Todesfällen ende. Und daran hätten heute auch die sozialen Medien ihren Anteil.
Junge Seilschaften vergleichen sich ständig mit anderen, wollen spektakulärere Bilder, mehr Klicks, mehr Sichtbarkeit. „Manche klettern mehr für die Glory als für sich selbst“, meint Iker: „Einmal geht das gut, beim zweiten Mal auch … beim dritten vielleicht nicht mehr.“
Eneko stört noch ein anderer Aspekt: „Du bist mit Freunden glücklich am Fels. Gleichzeitig scrollst du durch Touren, die anderswo passieren. So bist du immer schon beim nächstem Traum und kaum noch wirklich im Moment.“
Die Informationsflut sei Fluch und Segen: Man erfahre, wo gute Bedingungen herrschen, verliere aber leicht die Fähigkeit, zufrieden zu sein, wo man gerade ist.

Ein Lagerfeuer in 20 Jahren
Was sagen die Pou-Brüder jungen Kletterern, die werden wollen wie ihre Vorbilder? „Folgt euren Herzen“, sagt Iker, „und denkt in langen Zeiträumen. Wer ein paar schnelle, krasse Jahre plant, hat im Alpinismus geringe Chancen, auf Dauer zu überleben.“ Und Eneko ergänzt: „Wir werden geboren, und wir sterben. Dazwischen zählt nicht, was du dir kaufst … sondern mit wem du gelacht und welche Erinnerungen du gesammelt hast.“
Stellen wir uns die Brüder in zwanzig Jahren am Lagerfeuer auf einem Bergplateau vor. Worauf wollen sie dann zurückblicken? „Auf ein Leben, das wir so genossen haben, wie wir es wollten“, sagen die beiden. „Und dass wir die Werte des Bergsteigens weitergeben konnten.“
Dabei gehe es nicht darum, andere zu übertreffen. Es gehe um Freundschaft, Solidarität und darum, immer wieder Grenzen überwunden zu haben, die heute dort hinten in der Vergangenheit liegen.
Interview by Axel Rabenstein in SPORTaktiv (6/2026)
Photos: Paolo Sartori; La Sportiva

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