MIT IHRER ATHLETISCHEN FAHRWEISE PRÄGTE SIE DEN WELTCUP WIE KAUM EINE ZWEITE. IM INTERVIEW VERRÄT LINDSEY VONN, WARUM IM SKI-RENNSPORT EIN KURZES GEDÄCHTNIS VON VORTEIL IST.

 

Lindsey, du bist als einzige Frau im Ski-Weltcup auf Männer-Ski unterwegs. Wie kommt`s?

Ich habe die Männer-Ski einfach mal ausprobiert und mich sofort wohl darauf gefühlt. Die haben einfach mehr Power. Und wenn du in der Lage bist, diese Kraft zu kontrollieren, dann bist du schneller unterwegs.

Warum kommst du mit den schwereren Männer-Ski zurecht, während anderen Damen das nicht gelingt?

Das muss an der Technik liegen. Außerdem arbeite ich wirklich sehr viel an meiner Physis. Den Sommer über verbringe ich Stunde um Stunde im Kraftraum. Ich habe zwei Trainer, die nur dafür verantwortlich sind, mich kontinuierlich stärker zu machen. Und das mag dazu führen, dass ich in der Lage bin, diese Ski zu kontrollieren.

Ich habe ein Bild gesehen, auf dem du in der Abfahrtshocke auf zwei Gummiseilen balancierst. Sind neue Trainingsmethoden das Geheimnis dauerhaften Erfolges?

Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Wegen, um noch stärker zu werden, um meine Balance und meine Koordination zu verbessern. Dabei möchte ich von anderen Sportlern lernen. Deshalb trainiere ich im Sommer auch mit Sprintern aus der Leichtathletik. In San Diego gehe ich auf die Tartanbahn und versuche dort meine Schnellkraft und meine Explosivität zu optimieren.

Auf der Bahn läuft’s ziemlich gut: Im Training bist du die 400 Meter in 52 Sekunden gelaufen. Die Zeit hätte 1968 für die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gereicht …

Naja, das war handgestoppt und vielleicht ging auch die Uhr nicht richtig. Aber ich war schon recht schnell unterwegs und wirklich sehr zufrieden mit meiner Fitness. Mir macht es einfach Spaß, alles zu geben, egal ob beim Skifahren oder in einer anderen Sportart.

»Niemand bremst dich außer dir selbst. Das ist wahnsinnig aufregend.«

Lindsey Vonn

Liebst du es, vollkommen ausgepowert zu sein?

Und wie! Das ist das Schöne daran, wenn man hart trainiert. Du kommst nach einem langen Tag nach Hause, bist total erschöpft und kannst einfach nichts mehr machen, als auf die Couch oder ins Bett zu fallen und wundervoll tief zu schlafen.

Schläfst du viel?

Ja, ich schlafe nach Möglichkeit zehn Stunden am Tag.

Träumst du von den Erfolgen im Winter? Oder ist die Saison in den Sommermonaten viel zu weit weg, um daran zu denken?

Überhaupt nicht. Wenn ich stundenlang auf dem Rad sitze und vor mich hin trete, stelle ich mir vor, dass ich im Winter in Topform sein werde. Das ist meine Motivation. Gleichzeitig gibt mir das Wissen, hart gearbeitet zu haben, eine Menge Selbstvertrauen. Und um schnell Ski zu fahren, brauche ich absolutes Vertrauen in meine Leistungsfähigkeit.

Im Winter geht’s mit bis zu 135 km/h über vereiste Weltcup-Pisten. Macht das Spaß?

Ja, ich liebe es! Und ich liebe es, dabei an die Grenzen zu gehen. Du brauchst die Fähigkeit, dich bis ans Limit und noch darüber hinaus zu pushen. Auf Skiern ist das eine Extremsituation. Es gibt nur noch dich und den Berg. Niemand bremst dich außer dir selbst. Das ist wahnsinnig aufregend. Du bist auf Adrenalin, und es geht nur noch darum, die Geschwindigkeit mit deiner eigenen Kraft zu kontrollieren. Das ist eindeutig der schönste Teil meines Jobs.

Hast du bei schwierigen Pistenverhältnissen nicht manchmal Angst vor einem Sturz?

Nein. Ich habe keine Angst davor, schnell zu sein. Ich habe auch keine Angst vor Entscheidungen oder ein Risiko auf mich zu nehmen. Und ich habe keine Angst vor Stürzen.

Kann man das trainieren? Weniger Angst zu haben?

Ich denke nicht. Du hast vor etwas Angst. Oder eben nicht.

Wenn ein Sturz kurz bevor steht: Was geht in dir vor?

Ich bin schon häufig beinahe gestürzt, das ist nur noch eine automatisierte Reaktion. Und übrigens genau der Grund, warum man im Sommer so hart trainiert. Um dann in der Lage zu sein, schnell zu reagieren. Um die athletische Antwort auf einen Fehler zu geben. Manchmal kann man seinen Fehler wieder gut machen. Manchmal nicht.

Dann fliegst du durch die Luft und wartest auf den Aufprall?

So ungefähr. Ich versuche dann, ruhig zu bleiben. Sonst kann man ja auch nichts machen. Man ist auf dem Weg in die Fangzäune und hofft eben, dass man da heil wieder rauskommt.

»Natürlich versuche ich, aus einem Fehler zu lernen. Aber dann vergesse ich ihn auch wieder.«

Lindsey Vonn

Ist der Augenblick vor dem Sturz lang oder kurz?

Bei mir vergeht die Zeit für gewöhnlich eher schnell. Wenn du in einem Abfahrtsrennen stürzt, bleibt dir manchmal nicht einmal genug Zeit, überhaupt noch in irgendeiner Form zu reagieren.

Sollte man einen Sturz so schnell wir möglich wieder vergessen?

Richtig, ein kurzes Gedächtnis ist viel wert beim Skifahren. Wenn du die ganze Zeit über deine Fehler nachdenkst, wird es immer schwerer, ohne Angst zu fahren und schnell zu sein. Natürlich versuche ich, aus einem Fehler zu lernen. Aber dann vergesse ich ihn auch wieder.

In den vergangenen Jahren gab es viele schwere Stürze im Weltcup. Es heißt, die Strecken würden immer anspruchsvoller, damit den Zuschauern spektakuläre Rennen geboten werden könnten. Siehst du das ähnlich?

Ich glaube nicht, dass die Rennstrecken schwieriger sind als früher. Die Strecken sind ja grundsätzlich die gleichen geblieben. Aber die Schneebedingungen haben sich wohl verändert, deshalb werden die Pisten immer wieder künstlich vereist, damit die Rennen nicht abgesagt werden müssen. Und ich weiß nicht, ob dass die richtige Entwicklung ist. Natürlich sind solche Pisten auch eine Herausforderung. Aber Skirennen sollten auf Schnee ausgetragen werden – und nicht auf Eis.

Interview by Axel Rabenstein, published in TOPTIMES 5/2011

 

LINDSEY CAROLINE VONN (* KILDOW, AM 18. OKTOBER 1984 IN SAINT PAUL / MINNESOTA) IST EINE DER ERFOLGREICHSTEN SKIRENNFAHRERINNEN ALLER ZEITEN. VON 2008 BIS 2012 GEWANN SIE VIERMAL IN FOLGE DEN GESAMT-WELTCUP. BEI DEN OLYMPISCHEN SPIELEN IN VANCOUVER HOLTE SIE GOLD IN DER ABFAHRT, BEI ALPINEN SKI-WELTMEISTERSCHAFTEN GEWANN SIE ZWEIMAL GOLD, DREIMAL SILBER SOWIE DREIMAL BRONZE.

WWW.LINDSEYVONN.COM

 

Photos: Sebastian Marko, Cody Pickens, Erich Spies / Red Bull Content Pool