Zweiter beim Giro, Dritter bei der Vuelta: Felix Gall hat 2026 den finalen Schritt in die Grand-Tour-Weltspitze gemacht. Und jetzt? Kann‘s bis ganz nach oben gehen.
Felix, was für ein Jahr! Wird dein Leben nun leichter … oder noch härter?
Einerseits leichter, weil es eine Bestätigung für die harte Arbeit der vergangenen Jahre ist. Wir haben viel investiert, und es hat sich gelohnt. Das gibt Selbstvertrauen! Gleichzeitig erhöht sich die Erwartungshaltung in meinem Umfeld, aber auch bei mir selbst. Deshalb wird die Intensität meines Alltags wohl noch einmal steigen.
Wie hat sich dein Training in diesem Jahr verändert?
Ich war noch nie so viel im Höhentrainingslager. Das erste im Februar, weiter nach Katalonien, wieder in die Höhe und zum Giro. Wir haben eine gute Mischung aus Intensität und Umfang erwischt. Man muss aufpassen, nicht zu früh in Topform zu kommen. Und wir haben gemerkt, dass mir gezielt eingesetzte hochintensive Reize viel bringen, kurze 20- oder 30-sekündige Belastungen, mehrfach im Training.
Du hast die Tour de France ausgelassen, um bei der Vuelta aus dem Vollen schöpfen zu können. Die richtige Entscheidung?
Auf jeden Fall. Die Tour ist das größte Rennen. Aber ich war froh, heuer einen anderen Weg gewählt zu haben. Die Jahre zuvor kam ich mit der Tour in den Beinen zur Vuelta. Man hat gute Tage, auch sehr gute, aber in der dritten Woche ging mir die Energie aus. Nach der Tour der France noch einmal in den Rhythmus zu kommen, fühlt sich nicht gut an. Es ist ein ständiger Kampf zwischen Körper und Geist.
Felix Gall vs. Richard Carapaz
Auf der Vuelta-Königsetappe nach Collado del Alguacil ging es um deinen Podestplatz. Wie hast du den letzten Aufstieg erlebt?
Uns war klar, dass Richard Carapaz alles versuchen würde, mich noch vom Podium zu stoßen. Absolute Priorität war daher, den dritten Platz abzusichern und seine Attacken zu parieren. Sieben Kilometer vor dem Ziel sagte der sportliche Leiter: Alles gut, du kannst zwei Minuten hinter Carapaz ins Ziel kommen.
Vier Kilometer vor dem Ziel hast du selbst noch einmal attackiert …
Am Fuße des Anstiegs waren wir alle, glaube ich, schon sehr erschöpft. Mir war klar, dass meine Attacke zu spät sein dürfte, um damit Primož Roglič und Platz zwei in der Gesamtwertung anzugreifen. Mir ging es vor allem darum, die Vuelta mit einer starken Performance abzuschließen und dieses Gefühl für mich mitzunehmen.
Hast du eine Technik, an entscheidenden Anstiegen dein Limit zu verschieben?
Auf so einer Grand-Tour-Bergetappe geht es um Konstanz. Das Feld fährt ein oder zwei Berge extrem schnell hoch. Als Podiumsanwärter musst du über vier oder fünf Berge dabei sein. Ich weiß, dass ich einen langen Anstieg über 400 Watt bleiben kann, vielleicht 410 oder 420. Wenn das Feld kleiner wird, wenn es zum Finale hingeht, dann tut das wirklich weh. In einer kleinen Gruppe steigt aber ebenso der Fokus. Ich sage mir dann: Das ist der Moment! Die letzten drei Kilometer! Aus diesem Gefühl kannst du neue Energie schöpfen … und Kräfte mobilisieren, die du so noch nicht von dir kanntest.
»Es geht darum, bei sich zu sein.«
Felix Gall
Worauf kommt es nach harten Tagen bei der Regeneration an?
Kohlenhydrate ohne Ende, schon während des Rennens, damit man nie wirklich leerfährt. Danach die Speicher sofort wieder auffüllen. Wir tragen alles exakt in eine App ein, zur Dokumentation für unsere Ernährungsberater. Das ist nicht immer einfach, aber entscheidend. Und natürlich: Schlaf. Der kommt bei der Vuelta wegen der späten Abendessen und langen Transfers allerdings gerne mal zu kurz. Deshalb muss man auch mit weniger guten Nächten umgehen können.
Wie spürst du die Grenze zwischen hoher Belastung und problematischer Erschöpfung?
Im Rennen ist es nicht immer von Vorteil, zu stark in sich hineinzuhören. Bei einer Grand Tour steigt die Müdigkeit zwangsläufig. Man fährt mit, man muss liefern … und irgendwie funktioniert das auch.
Und im Training?
Ist es als Rundfahrer eine Gratwanderung: hohes Grundlagentempo, jeden Tag fünf Stunden, tausende Höhenmeter. Das macht stark, ist aber enormer Stress für das System. Zahlen wie Sauerstoffsättigung, Herzfrequenz, Herzratenvariabilität und Schlafdaten helfen. Aber am wichtigsten bleibt das Gefühl. Wobei ich heuer im Trainingslager ein neues Level an Ermüdung erlebt habe. Früher hätte ich vielleicht gesagt: Das ist zu viel. Aber mein Körper konnte diese Reize verarbeiten und in Leistungsfähigkeit umwandeln.
Und jetzt? Geht’s an die Endgegner im letzten Level?
Ich bin gut damit gefahren, mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich kontrollieren kann. So möchte ich auch weiter machen. Aber natürlich frage ich mich, wie weit es gehen kann. Als Jungprofi war der Sieg einer Tour-de-France-Etappe ein Traum. Jetzt vielleicht eine Grand Tour? Dafür muss allerdings alles zusammenpassen.
Nämlich?
Ich denke, Enric Mas ist ein gutes Beispiel: Er stand viermal bei der Vuelta auf dem Podium, dreimal als Zweiter, hat nach einem Jahr mit Verletzung stark zurückgefunden und gewonnen. Es geschieht in kleinen Schritten. Und man hat niemals unter Kontrolle, wie stark die Konkurrenz ist.
Tadej Pogačar & Jonas Vingegaard
Wie kann man einen Tadej Pogačar oder Jonas Vingegaard schlagen?
Tadej vereint wirklich alles, bergauf und bergab … körperliche Leistungsfähigkeit mit höchsten technischen Fähigkeiten, er fährt auch bei Rennen wie Paris-Roubaix um den Sieg mit. Jonas ist ebenso ein sehr kompletter Fahrer. Ich konzentriere mich darauf, an mir zu arbeiten. Ich weiß, dass ich mich an harten Tagen auf meinen Körper verlassen kann. Verbessern möchte ich mich vor allem im Zeitfahren. Jetzt werde ich die Saison mit der WM in Montreal beenden, das Rad ein paar Wochen in die Ecke stellen. Dann besprechen wir die gemeinsamen Ziele mit meinem neuen Team.
Was gibst du jungen Athletinnen und Athleten mit auf die Reise?
Mir hat der Vergleich mit anderen nicht gut getan. Als U23-Fahrer war ich unzufrieden, andere aus meinem Jahrgang fassten schneller Fuß im Profibereich. Da kamen Zweifel auf. Jeder geht seinen eigenen Weg, entwickelt sich in seinem Tempo. Rückschläge gehören dazu. Leicht fällt es niemandem, quälen müssen sich alle. Deshalb ist es so wichtig, sein Körpergefühl früh zu entwickeln, die eigene Balance zwischen Belastung und Entlastung zu finden.
Sind Trainingsdaten nicht aussagekräftig genug?
Daten können gut aussehen. Aber ein Mensch lässt sich nicht komplett in Zahlen fassen. Man darf keine Angst haben, seinem Trainer zu sagen, dass man einfach mal kaputt ist.
Bist du heute ein anderer Felix als früher?
Ich habe deutlich mehr Selbstvertrauen in meine Fähigkeiten als Radfahrer. Das kam aber nicht über Nacht. Im Kern bleibt es immer gleich: Es geht darum, bei sich zu sein und geduldig zu bleiben … dann kann man erleben, was möglich ist.
Felix Gall (* 1998 in Osttirol) fuhr 2023 mit dem Sieg auf der Königsetappe der Tour de France nach Courchevel ins Rampenlicht. 2026 gewann er die Vuelta a Burgos, wurde Zweiter beim Giro d’Italia und Dritter bei der Vuelta a España. Felix startet für Decathlon CMA CGM, wechselt 2027 zu Lidl-Trek.
Interview by Axel Rabenstein in SPORTaktiv (10/2026)
Photos: P. Ballet; A. Broadway; Getty Sport; KBLB_DCT

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