Worum geht’s … im Spiel des Lebens? Darüber sprach ich mit Air-Race-Weltmeister Hannes Arch. Der Österreicher verstarb 2016 bei einem Helikopterabsturz. Einige Jahre zuvor hatte ich das Glück, ihn zum Interview zu treffen. Ein inspirierendes Treffen: Hannes war einer der lebendigsten Menschen, denen ich begegnet bin.

 

Hannes, mit einem Flugzeug auf Zeit durch einen Kurs aus Pylonen zu fliegen, ist keine der üblichen Sportarten. Wie kommt es dazu, so etwas zu tun?

Die Karriere eines Air Race Piloten kannst du dir nicht auf die Wunschliste schreiben. Es ist das Leben, das dich dorthin treiben muss. Und hierfür bedarf es einiger Grundvoraussetzungen. Du musst eine Passion für das freie Fliegen haben, das übrigens nicht viel mit dem Fliegen in einem Linienflugzeug zu tun hat, in dem man irgendwelche Knöpfe drückt. Du musst die Bewegung in der Luft annehmen, den sportlichen Zugang zum Fliegen finden.

Und wo finde ich den?

Zum Beispiel beim Paragliden. Hier spürst du das Fluggerät, und so hat es auch bei mir begonnen. Ich war in der Entwicklung tätig, habe an Weltcups teilgenommen und irgendwann den logischen Schritt zum Kunstflug gemacht. Dann war ich zur rechten Zeit am rechten Ort. Und heute habe ich das Privileg, als Air Race Pilot aktiv zu sein.

»Wenn ich den Knüppel scharf ziehe, folgt ein Schlag auf den ganzen Körper.«

Hannes Arch

Siehst du dich beim Air Race als Sportler? Oder eher als Führer eines technischen Gerätes?

Es ist Motorsport und kombiniert beide Komponenten. Natürlich musst du dich möglichst gut vermarkten. Nur so erhältst du über Sponsoren das nötige Geld, um in die Technik investieren zu können. Aber erst einmal musst du körperlich und mental topfit sein. Sonst bringen dir auch die besten Sponsoren nichts.

Bei bestimmten Manövern während deiner Rennen wirken g-Kräfte auf den Körper, die dem Zehnfachen des eigenen Gewichtes entsprechen. Wie erlebst du eine solche Belastung?

Wenn ich den Knüppel scharf ziehe, stellen sich mein Kopf und meine Muskulatur bereits darauf ein. Dann folgt ein Schlag auf den ganzen Körper. Eine untrainierte Person würde dabei augenblicklich ohnmächtig. Du kämpfst dagegen an … mit deiner Rumpfmuskulatur, aber auch mental. Deshalb ist es wichtig, eine gewisse Aggressivität mitzubringen. Wenn du in den Flieger steigst, musst du zu hundert Prozent auf Angriff programmiert sein. Nur so kannst du diese Situation ertragen.

Und unter diesen Umständen findet man noch die Ideallinie zwischen zwei Flugtoren?

Das ist die Aufgabe im Rennsport. Mit eingeschränkten Mitteln so perfekt wie möglich zu agieren. Und das ist nicht so einfach, denn bei diesen Kräften schränkt sich das Gesichtsfeld ein. Die Umgebung wird unscharf, das Bild kann sogar schwarzweiß werden.

 

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Wie trainierst du für solche Situationen. An Fitnessgeräten?

Nein, ich gehe nicht ins Studio. Beim Fliegen geht es nicht darum, bestimmte Gewichte stemmen zu können. Entscheidend ist die gesamtkörperliche Fitness. Die Ausdauer. Ich gehe klettern, unternehme Skitouren. In Salzburg laufe ich abends gerne auf den Untersberg und fliege mit dem Paraglider wieder runter. Die Natur ist das beste Trainingsgelände. Außerdem finde ich hier draußen meine innere Ruhe.

Weil man bei der vielen Fliegerei auch mal runterkommen muss?

So ungefähr. Mein Leben ist teilweise sehr entfremdet von der Realität. Mit mir persönlich hat das oftmals nichts mehr zu tun. Du steckst so viel Energie in Sponsorentermine. In Interviews mit Journalisten. Du bist die ganze Zeit nur am Geben. Draußen in der Natur kann ich mir die Kraft zurückholen, um wieder in den Flieger zu steigen und das alles wegzustecken.

 

 

Trainierst du deine mentale Stärke ausschließlich auf einsamen Unternehmungen in der Natur? Oder gibt es spezielle Übungen, die Konzentrationsfähigkeit zu optimieren?

Mentale Stärke besteht immer aus zwei Faktoren. Erst einmal musst du wissen, wo du zuhause bist. Was dir die Sicherheit gibt, dieses Spiel hier zu rechtfertigen. Du kannst deine Seele nicht überlisten, du musst wirklich bei dir sein. Nur so wirst du zu hundert Prozent hinter dem stehen, was du tust und keine Fragen mehr stellen. Das ist die Basis deiner Stärke. Und dann kannst du diese Stärke noch weiter trainieren – mit Übungen, die deinen Geist auf den Punkt bringen. Du kannst dich ganz gezielt runterholen, wenn du nervös bist. Und hochholen, wenn du dich abgeschlagen fühlst.

Wie funktioniert das konkret?

Es sind Bilder. Mit ihnen kann ich meinen Geist aktivieren und meinen Körper einstellen.

Welche Bilder sind das?

Diese Bilder sind persönlich, darüber redet man nicht. Mir hat ein Mentaltrainer dabei geholfen, meine Persönlichkeit zu analysieren und herauszufinden, auf was ich reagiere. Das ist wie eine große Kiste, in der du wühlen kannst und dir die richtigen Bilder raussuchst. Und mit ihnen trainierst du dann, dich in Stimmungen zu versetzen. Je mehr du übst, desto stärker wirst du darin. Das ist kein Hokuspokus. Es sind vielmehr Hausaufgaben, die du erledigen musst, um zum perfekten Zeitpunkt voll angreifen zu können.

 

»Ich will spüren, zu was ich in der Lage bin.«

— Hannes Arch

Extrem bejahender Zugang zum Leben

Gibt es dennoch Situationen, in denen man die Kontrolle verliert?

Wenn man dauerhaft ans Limit geht, besteht dieses Risiko natürlich. Im kanadischen Windsor bin ich mal ein Tor angeflogen, das nur noch schwer zu erreichen war. Ich dachte, ich schaffe es … aber der Turn wurde zu eng. Das Flugzeug hat nicht mehr mitgespielt, es kam zu einem Strömungsabriss. Ich bin mit leichter Rückenlage auf das Wasser zugesteuert, habe abgewartet bis sich der Flieger stabilisiert und ihn dann gerade noch hochziehen können. Ich hatte nur zwei oder drei Zehntelsekunden, um überhaupt zu reagieren, das war wirklich reine Intuition.

Was nimmt man aus so einer Grenzsituation mit? Dass man auch mal Glück haben muss?

Wichtig ist, für die Zukunft daraus zu lernen. Ich denke, das ist der Schlüssel …

 

Air Race Pilot Hannes Arch im Cockpit

 

Du machst dir viele Gedanken über dein Leben. Warum setzt du es bei Aktionen wie einem B.A.S.E Jump aus der Eiger-Nordwand aufs Spiel?

Der Antrieb, so etwas zu tun, ist ein extrem bejahender Zugang zum Leben. Ich möchte mich immer weiterentwickeln. Ich will spüren, zu was ich in der Lage bin. Und wenn du dieses Vorhaben Jahr für Jahr vorantreibst, dann landest du irgendwann ganz automatisch bei riskanten Aktivitäten. Aber ich beschäftigte mich so intensiv mit dem Risiko, dass ich am Ende kaum noch eines eingehe. Sonst würde ich nicht springen. Ich suche das Risiko … bin aber keinesfalls risikofreudig.

Und in diesem Umgang mit dem Risiko findest du deine persönliche Erfüllung?

Ganz genau. Ich reduziere das Risiko so weit wie möglich und lerne dabei, was ich mit meinem Körper und meinem Geist erreichen kann. Kolumbus hat seine Erfüllung in Amerika gefunden. Ein Maler findet seine Erfüllung in der Kunst. Und ich finde meine Erfüllung beim Air Race oder B.A.S.E. Jumping.

»Wenn du herausgefunden hast, was dir wirklich wichtig ist, gibt es keine Alternative mehr.«

— Hannes Arch

Ausbrechen ist unangenehm

Verstehst du Menschen, die mit einem vollkommen normalen Leben zufrieden sind?

Natürlich kann man mit tausend Leuten über einen Zebrastreifen gehen. Ohne nach links oder rechts zu schauen. Das ist wunderbar komfortabel. Wenn jemand ein Leben ohne jegliches Risiko nicht als langweilig empfindet, dann ist das vollkommen okay. Aber ich habe eben herausfinden dürfen, was wirklich wichtig für mich ist. Und wenn du das getan hast, gibt es keine Alternative mehr. Jedenfalls nicht, wenn du konsequent bist … und ehrlich zu dir selbst.

Denkst du, dass viele Menschen niemals herausfinden, was sie wirklich glücklich macht?

Naja, das System verleitet dich eben, das Leben auf eine bestimmte Weise zu leben. Du gehst in die Schule und studierst, und wenn du einen Anzug anhast, brav die Kohle nach Hause bringst, fünf Kinder und ein Haus hast, vielleicht auch schon die Enkelkinder unterwegs sind, dann ist es das perfekte Leben. So wird es vorgelebt, und so versuchen viele Menschen es auch nachzuleben. In unserer Zeit geht es leider immer weniger um das Individuum selbst. Obwohl nur dort der wahre Wert des Menschen liegt.

Und warum trauen sich die Menschen nicht auszubrechen? Was beschwert sie?

Ausbrechen ist unangenehm. Die Leute zeigen mit dem Finger auf dich, sie stellen sich gegen dich. Deshalb musst du mutig sein. Du brauchst Vertrauen in dich selbst. Und das fehlt vielen dieser Menschen. Stattdessen haben sie eine Riesenangst zu versagen. Obwohl sie nach Spielregeln spielen, die sie gar nicht aufgestellt haben. Ich sage mir immer: So lange ich niemandem damit schade, kann ich machen was ich will. So erlebe ich meine Erfüllung. Und die direkte Rechtfertigung, dass ich das richtige tue. Was auch immer das ist.

»... das Spiel des Lebens auf seine Weise mitspielen.«

Hannes Arch

Ganz egal, wie man sein Leben gestaltet. Jeder von uns scheint die Sehnsucht nach dem Fliegen in sich zu tragen. Woher kommt das?

Es liegt wohl daran, dass wir durch die Schwerkraft gebunden sind. Hier auf der Erde ist unsere Heimat. Aber diese Heimat bringt eine gewissen Enge mit sich, obwohl dort oben so viel Platz wäre. Wenn du deinen Horizont erweitern willst, wenn du weiter sehen möchtest, dann musst du dort hoch. Du kannst auf einen Berg steigen … oder eben fliegen. Hier bist du zwar unfrei, weil du an dein Flugzeug gebunden bist. Aber du lässt die Enge der Erde hinter dir. Diese Kleinlichkeit. Die Räumlichkeit der Luft ist ein erhebendes Gefühl.

Am Ende musst du doch wieder landen. Was erdet dich?

Um runterzukommen, muss ich raus in die Natur. Du bewegst deinen Körper, bist alleine und ganz nahe bei dir. Jetzt spürst du, was dich aufwühlt. Und fühlst, was dir wichtig ist. Wenn das geschehen ist, kannst du wieder ins Leben eintauchen, wo du die ganze Zeit von vorne und von hinten, von links und von rechts rumgestoßen wirst. Dann bist du stark genug, um das Spiel des Lebens auf deine Weise mitzuspielen.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 10/2014

 

Hannes Arch wurde am 22. September 1967 in Leoben (Steiermark) geboren. Mit 15 Jahren startete er seinen ersten Alleinflug in einem Hängegleiter, in den folgenden Jahren wurde er als Internationaler Ski- und Bergführer zertifiziert und kletterte schwerste Routen, u. a. am legendären El Capitan im Yosemite-Nationalpark. 1997 triumphierte er beim Schweizer „Vertigo“, der ersten (inoffiziellen) WM der Gleitschirm-Akrobatik. Drei Jahre später sprang er mit einem Gleitschirm von einem Heißluftballon, auf dem er kurz darauf wieder landete. Hannes absolvierte spektakuläre B.A.S.E. Jumps von den Nordwänden des Eiger sowie des Matterhorns. Im Air Race wurde er Weltmeister (2008) und dreimal Vize-Weltmeister.

 

 

Am 8. September 2016 verunglückte Hannes tödlich bei einem Hubschrauberabsturz auf dem Rückflug von einer Berghütte in der Nähe des Großglockners. Sein Helikopter des Typs Robinson R66 prallte bei schlechter Sicht mit knapp 100 km/h Fluggeschwindigkeit in 2.343 Meter Höhe gegen eine Felswand.

 

Photos: Jason Halayko, Andreas Langreiter, Sebastian Marko, Joerg Mitter, Philip Platzer, Samo Vidić; Red Bull Content Pool

 

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