MIT 42 WM-TITELN IST BJØRN DUNKERBECK DER ERFOLGREICHSTE PROFI-SPORTLER ALLER ZEITEN. IM INTERVIEW ERZÄHLT ER VON WALEN UND HAIEN, VON ABENDEN AM LAGERFEUER – UND NATÜRLICH VOM WIND.

 

Bjørn, das Windsurfen hat dein Leben geprägt. Hast du ein besonderes Verhältnis zum Wind?

Klar, der Wind ist mein Freund. Egal, ob ich auf Wettkämpfen oder nur zum Vergnügen unterwegs bin, der Wind ist meistens bei mir. Er hat verschiedene Stärken und verschiedene Launen, aber wir verstehen uns wirklich gut – und das schon seit sehr langer Zeit.

Was hat dir der Wind in all den Jahren gebracht?

In erster Linie frische Luft. Und natürlich hat er mir das Windsurfen ermöglicht. Das Schöne am Wind ist seine Vielseitigkeit, überall auf dem Globus ist er anders. Ein warmer Wind ist schwächer als ein kalter. Ein Wind aus einem Tiefdruckgebiet ist böiger als ein Wind, der aus einem Hochdruckgebiet kommt. Der stärkste Wind ist immer zwischen 14 bis 20 °C. Bei höheren und niedrigeren Temperaturen wird er dünner. In Höhenlage wie am Silvaplaner See ist der Wind ebenfalls dünner und hat nicht so viel Schub wie am Meer. Der Wind ist ein komplexer Kumpel, ich kenne ihn seit Jahrzehnten und trotzdem lerne ich immer wieder neue Seiten von ihm kennen.

Hat der Wind etwas Mystisches? Weil er unsichtbar ist und doch so präsent?

Der Wind ist nicht zu greifen, er ist nichts als Luft. Trotzdem kann man ihn hören und fühlen. Man kann ihn außerdem an vielen äußeren Gegebenheiten erkennen, wenn sich die Bäume biegen oder Schaumkronen auf dem Meer bilden. Die Erfahrung sagt dir dann, wie stark der Wind ist. Das lässt sich vom Meer ablesen. Es sagt dir übrigens auch, welche Strömungen vorherrschen, welche Kraft eine Welle hat oder wie sich der Swell zur Windwelle verhält.

Die Wellen und der Wind sind immer unterwegs. Hat das auf dich abgefärbt?

Stimmt schon, ich bin viel unterwegs. Ich trage das Gefühl in mir, dass ich neue Sachen kennen lernen möchte. Mich zieht es zu neuen, unbekannten und verlassenen Spots, um dort zu surfen.

Aus diesem Grund hast du das Projekt „The Search“ realisiert, bist gezielt an unbekannte Spots rund um den Globus gereist. Hat man davon nicht irgendwann genug?

Wir waren auf Fidschi, Tahiti und in Indonesien, unten in Chile, in Südafrika und auf vielen im Ozean verstreuten Inseln. Es waren Reisen, in die wir eine Menge Zeit investiert haben. Und trotzdem denke ich, dass es noch viel mehr zu sehen und zu entdecken gibt. Man kann gar nicht weit genug reisen.

Was hast du auf deinen Reisen gefunden?

Jeder Platz und jeder Strand auf der Welt ist anders. Manchmal trifft man Menschen, die völlig fasziniert sind von unserem Material, weil sie so etwas noch nie gesehen haben. Es ist einfach schön, den Wettkampf hinter sich zu lassen und das Lebensgefühl des Windsurfens zu genießen, diese reine und ungestörte Freude zu zelebrieren. Meistens sind wir mit einer Gruppe von vier oder fünf Freunden unterwegs. Wir gehen auch tauchen und fischen, fahren auf einem Boot in eine einsame Bucht und sitzen abends stundenlang am Lagerfeuer und führen wunderbare Gespräche. Jeder Tag wird zu einem besonderen Erlebnis – auch dann, wenn es mal keinen Wind hat.

Wo gab’s den besten Wind?

Am liebsten surfe ich in Passat-Revieren, dort bläst der Wind am konstantesten. Auf den Kapverden oder den Kanaren zum Beispiel, aber auch auf den hawaiianischen Inseln und in Westaustralien.

Wie weit fährst du raus aufs offene Meer?

Im freien Training fahren wir gerne mal zehn Kilometer von der Küste weg. Über die Meerenge von Gibraltar bin ich gesurft, von Tarifa nach Marokko, das sind etwa 19 Kilometer. Und einige Inselumrundungen habe ich hinter mir, da erlebt man auch die herrliche Weite des offenes Meeres.

Gibt’s auch Begegnungen mit größeren Meeresbewohnern?

Durchaus. Ich sehe jedes Jahr zwischen zehn und 20 Haie. Aber so lang man nicht direkt auf sie fällt, kann gar nichts passieren. In den Wintermonaten trifft man rund um Hawaii immer wieder auf Wale. Teilweise sind es fünf bis zehn am Tag. Das werden wirklich immer mehr.

Schön zu hören … die Wale werden mehr?

Ja, den Eindruck habe ich. Ich treffe häufig auf Wale. Man muss nur aufpassen, dass man ihnen nicht zu nahe kommt. Das sind Pottwale, mal Blauwale, wirklich große Tiere. Die nehmen auf einen kleinen Windsurfer wie mich keine Rücksicht.

»Gegenwind gibt es immer wieder. Gerade dann muss man seinen Willen spüren und angreifen.«

Bjørn Dunkerbeck

Wird das Surfen nach so vielen Jahren nicht irgendwann langweilig?

Der entscheidende Faktor ist der, dass Windsurfen überall anders ist. Nicht wie ein Fußballplatz oder ein Tenniscourt mit nahezu identischen Bedingungen. Das Meer bewegt sich, seine Kraft ist jeden Tag anders. Der Wind kommt aus unterschiedlichen Richtungen. Die Herausforderung ist immer eine andere und der Spaßfaktor genau deshalb unglaublich hoch.

Du hast sagenhafte 42 Weltmeister-Titel im Windsurfen gewonnen. Was ist dein Erfolgsrezept?

Ich habe immer wieder Sponsoren gewechselt. Mit neuem Material auf höchster Ebene zu fahren, ein unbekanntes Segel zu einem Gewinner-Segel zu machen, ist ein guter Ansporn. Ich habe mit drei verschiedenen Boardshapern und sechs Segelherstellern kooperiert, und mit allen habe ich gewonnen.

Man könnte sagen, du hast in deinem Leben eine Menge Rückenwind gehabt. Wie verhältst du dich bei Gegenwind?

Den gibt es immer wieder. Aber gerade dann darf man nicht aufgeben, man muss seinen Willen spüren und angreifen.

Also Augen zu und durch?

Im Gegenteil. Augen ganz weit auf und nach dem geeigneten Weg suchen! Beim Windsurfen ist das übrigens gar nicht so schwer: Man kreuzt einfach Stück für Stück dem Wind entgegen.

Interview by Axel Rabenstein, published in TOPTIMES 3/2011

 

BJØRN DUNKERBECK WURDE AM 16. JULI 1969 IN RIBE (DÄNEMARK) ALS SOHN DÄNISCH-NIEDERLÄNDISCHER ELTERN GEBOREN. ER WUCHS AUF GRAN CANARIA AUF, BEGANN DORT IM ALTER VON NEUN JAHREN MIT DEM WINDSURFEN UND WURDE ZU EINEM DER ERFOLGREICHSTEN SPORTLER ALLER ZEITEN. SEINE ATHLETISCHE ERSCHEINUNG (103 KG KÖRPERGEWICHT BEI 1,91 METER GRÖSSE) IN KOMBINATION MIT HÖCHSTEN TECHNISCHEN FÄHIGKEITEN ERMÖGLICHTE ES IHM, OFTMALS GRÖSSERE SEGEL ZU KONTROLLIEREN ALS SEINE KONKURRENZ. ER GEWANN 163 WELTCUPS UND 42 WELTMEISTERTITEL, VON 1988 BIS 1999 GALT ER IN ALLEN DISZIPLINEN DES WINDSURFENS ALS NAHEZU UNSCHLAGBAR UND HOLTE ZWÖLF JAHRE IN FOLGE DEN TITEL DES GESAMTWELTMEISTERS.

WWW.DUNKERBECK.COM

 

Photos: Erik Aeder, Manuel Ferrigato, Reinhard Mueller, Jarno Schurgers / Red Bull Content Pool; Bjørn Dunkerbeck / Severne