Mit einem Sensations-Marathon in 2:29 Stunden holte sich Casper Stornes den Titel des Ironman-Weltmeisters 2025. Im Interview gibt der Norweger faszinierende Einblicke in die derzeit erfolgreichste Triathlon-Trainingsgruppe der Welt.
Casper, dein erster Sieg bei einem Ironman war direkt der WM-Titel in Nizza 2025. Das hat viele überrascht. Dich auch?
Ich wusste, dass ich gewinnen kann. Im Höhentrainingslager in Font-Romeu in den Pyrenäen spürte ich bereits, wie gut mein Körper auf das Training reagiert. Im Rückblick denke ich, dass ich das Rennen sogar auf mehrere Arten hätte gewinnen können: härter Radfahren oder noch härter laufen.
Du trainierst mit den Weltmeistern Gustav Iden und Kristian Blummenfelt, die Zweiter und Dritter wurden. Wussten die auch, dass du gewinnen kannst?
Ich denke, die wussten das sehr genau! Im Training konnte ich selbst an schlechten Tagen mit beiden mithalten. Das hat mir sehr viel Selbstvertrauen geschenkt.
Ironman-Marathon in 3:30er Pace
Auf der Laufstrecke zogen Gustav und Kristian nach acht Kilometern das Tempo an. Du bist bei deiner Pace geblieben. Wie lief das für dich ab?
Ich habe kurz überlegt, mitzugehen, als die beiden auf eine 3:15er-Pace beschleunigten. Es erschien mir aber zu früh. Deshalb pendelte ich mich auf 3:30 pro Kilometer ein. Mein Plan war: Solange der Abstand nicht auf über 30 Sekunden wächst, ziehe ich erst auf den letzten zehn Kilometern an. Die Lücke schloss sich dann sogar früher, weil die beiden deutlich langsamer wurden.
Hat dir geholfen, dass du deine Trainingspartner so gut kennst?
Ich wusste, dass keiner von uns einen kompletten Ironman-Marathon im 3:15er-Schnitt laufen kann. Wir teilen sehr viel miteinander, unsere Daten und Rennpläne, unsere Stärken und Schwächen. Das macht uns verletzlich, bringt unser Niveau aber immer wieder aufs nächste Level.
Ihr habt euch vor zwei Jahren zu einer selbst-gecoachten Trainingsgruppe zusammengeschlossen. Wie kam es dazu?
Wir trainieren seit unserer Jugend zusammen, waren bis zu den Olympischen Spielen 2021 im Nationalteam. Gustav und Kristian gingen raus aus dem Kader, ich blieb. Nach meiner verfehlten Olympia-Qualifikation 2024 merkte ich, dass ich eine Veränderung brauchte. Ich konnte mir nicht vorstellen, noch einmal mehrere Jahre für ein einziges Rennen zu investieren, wollte mehr Verantwortung für mein Training und meine Karriere übernehmen.
Wie funktioniert eure Gruppe ohne Trainer?
Wir haben unglaublich viel von unseren früheren Nationaltrainern gelernt und darauf unser Programm aufgebaut. Wir funktionieren als drei Freunde, die zusammen reisen, trainieren und Rennen bestreiten. Das Umfeld ist entspannt, aber sehr ehrlich. Wir weisen uns auf Fehler hin, ohne Angst, einander auf die Füße zu treten. So machen wir uns gegenseitig besser.

“ … erhältst du einen enormen Trainings-Stimulus“
Wie sieht eine typische Trainingswoche aus?
Wir haben einen Plan, der sich Woche für Woche wiederholt. Montags und freitags sind halbe Ruhetage, an denen ich 4,5 bis 5 Kilometer schwimme, Krafttraining mache und einen etwas längeren Lauf von rund 75 bis 90 Minuten absolviere. Dienstags hartes Schwimmen und hartes Radfahren, mittwochs lange Einheiten in allen drei Disziplinen. Donnerstag ein harter Lauf, begleitet von lockerem Schwimmen und Radfahren, am Samstag hartes Schwimmen und ein langer Lauf in den Bergen, während eines Trainingscamps eine lange Radausfahrt plus einstündiger Lauf, und sonntags gibt es Brick-Sessions, also Einheiten aus zwei Disziplinen am Stück.
Ihr arbeitet mit „Double-Threshold“. Wie muss man sich das vorstellen?
Wir orientieren uns an den norwegischen Läufern, die ebenso Double-Threshold trainieren, kombinieren aber zwei Disziplinen. Typisch ist eine lange Schwelleinheit im Schwimmen mit 40 Minuten über 3,5 Kilometer, gefolgt von einer 70- bis 90-minütigen Radausfahrt an der Laktatschwelle. Wichtig ist, genug Kohlenhydrate aufzunehmen, sonst kannst du die Reize nicht verarbeiten. Wenn du die Einheiten aber wirklich triffst, erhältst du einen enormen Trainingsstimulus.
»Vertraue dir selbst ... und werde der, der du sein möchtest.«
Casper Stornes
Vor eurem Dreifach-Triumph in Nizza 2025 habt ihr mit intensiven Sonntagen für Aufsehen gesorgt: 164 Kilometer auf dem Rad und 31 Kilometer laufen. Findest du das extrem?
Ich habe diese Einheit zwei Wochen und eine Woche vor dem Rennen gemacht. Klingt extrem, aber in der Woche reduzierst du das Volumen stark. Für mich gehört es dazu, so eine Belastung vor einem Ironman zu verkraften – wir lassen ja die 3,8 Kilometer Schwimmen weg, laufen elf Kilometer weniger und fahren rund 15 Kilometer weniger Rad als im Rennen. Das sind sechs Stunden, aber in unserer Trainingswelt ist das eher ein normaler Tag. Du solltest ihn schaffen, ohne zerstört zu sein.
180 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde
Bist du überrascht, dass nicht mehr Profis so trainieren wie ihr?
Nein, ich wurde schon oft von Athleten geschlagen, die ganz anders trainieren. Unser Weg ist nicht die einzig richtige Lösung, es gibt viele Wege, ein Rennen zu gewinnen. Entscheidend ist herauszufinden, was für dich funktioniert und daran zu glauben.
Du nimmst im Rennen bis zu 180 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde auf. Die meisten Athleten schaffen das gar nicht. Wie trainiert ihr das?
In der Off-Season bleibe ich häufig bei 60 Gramm pro Stunde. Für die Wettkämpfe trainieren wir mit einer Mischung aus Gels und Pulver. Auf dem Rad habe ich 200 Gramm Kohlenhydrate pro Flasche, beim Laufen nehme ich 160 Gramm pro Stunde auf. Im Rennen selbst erinnere ich mich ständig daran: Fueling, fueling, fueling … sonst kommst du bei diesem Tempo nicht ins Ziel.
Macht am Ende dennoch der Kopf den Unterschied?
In Zahlen gemessen, ist der Unterschied zwischen „fit“ und „super fit“ vielleicht ein Prozent. Das sind Sekunden. Das ist aber auch das Gefühl, alles schaffen zu können. Es schenkt dir das Selbstvertrauen, dir an diesem Tag von allen Athleten am meisten weh zu tun.
„Wenn du ein Ziel hast, sprich es aus …“
Was treibt dich Woche für Woche an, dir diese „Superfitness“ zu erarbeiten?
Ich liebe es einfach, draußen zu sein, und das auch bei schlechtem Wetter: Regenjacke an und meinen Körper bis an seine Grenzen pushen. Für mich ist es eher schwierig, in lockeren Einheiten nicht zu übertreiben.
Gab es einen Trainingstipp, der dich besonders geprägt hat?
Es war wohl weniger ein einzelner Satz, als die Trainingskultur, in der ich aufgewachsen bin und die wir bis heute Tag für Tag leben: hart trainieren und einander aufbauen, um sich im Rennen fair und ehrlich zu duellieren.
Welchen Rat würdest du einem jungen Athleten geben, der in zehn Jahren ganz oben stehen möchte?
Es ist erlaubt zu träumen! Wenn du ein Ziel hast, hab keine Angst, es auszusprechen: Vertraue dir selbst … und werde der, der du sein möchtest.
Und du? Bist du seit deinem WM-Titel ein anderer Casper?
Vor Nizza ging ich anonym durch die Straßen, heute machen die Leute Selfies mit mir. Das ist eine Umstellung. Aber das Feuer in mir ist dasselbe. Und ich bin hungrig auf die nächsten Jahre.
Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 06/2026
Casper Stornes (* 1997 in Askøy, Norwegen) gewann 2018 die World Triathlon Championship Series. 2024 holte er EM-Bronze auf der Kurzdistanz. 2025 wurde er mit seinem ersten Langdistanz-Sieg direkt Weltmeister in Nizza, zwei Monate später Dritter bei der Ironman 70.3 WM in Marbella. 2026 plant Casper bei der Ironman-EM in Frankfurt a. M. (Juni), bei der Ironman 70.3 WM in Nizza (September) und der Ironman-WM auf Hawaii (Oktober) am Start sein.
Photos: Travis Mundell / @TheDailyTri

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