SIE KAM, SAH UND TRAF INS SCHWARZE: BIATHLETIN LAURA DAHLMEIER HAT 2x OLYMPISCHES GOLD UND 7 WM-TITEL GEWONNEN. IM INTERVIEW SPRICHT SIE ÜBER DIE INTENSIVSTEN MOMENTE IHRER KARRIERE – UND ÜBER DAS PERFEKTE RENNEN.

 

Laura, beginnen wir mit einem goldenen Moment: In Pyeongchang 2018 haben Sie sich im ersten Rennen zur Olympiasiegerin gekrönt. War das Ihr perfekter Tag?

Ja, es war wohl mein perfektes Rennen. Obwohl die Bedingungen alles andere als perfekt waren, bei frostiger Kälte und starkem Wind. Ich war gut drauf und wusste: Jetzt habe ich die große Chance, mir meinen Kindheitstraum vom Olympia-Gold zu erfüllen.

War der Druck belastend? Oder hilfreich, um wirklich alles zu geben?

Der Druck von außen war groß, weil die Leute fast schon davon ausgingen, dass ich gewinnen würde. Auch selbst habe ich mir großen Druck gemacht. Ich wusste, dass es wohl meine letzten Olympischen Spiele sein würden. Außerdem hängt vom Sprint-Rennen die Startreihenfolge in der Verfolgung ab, und das war meine zweite Chance auf Gold. All diese Faktoren haben dann aber im positiven Sinne dazu geführt, dass ich vielleicht sogar zu 110 Prozent fokussiert war.

Beim entscheidenden Schießen hielten Sie nach dem dritten Treffer inne, um dann die letzten beiden Scheiben sicher zu versenken. Es heißt, dies sei der einzige Moment im Rennen, an den sie sich noch erinnern können?

Ja, das ist richtig. Ich war an diesem Tag wohl in der Verfassung, alles andere nahezu vollständig ausblenden zu können. Heute kann ich mir den Wettkampf im Video ansehen, an das Drumherum kann ich mich auch erinnern. Aber vom Rennen selbst habe ich nur noch diesen einzigen Moment verfügbar.

War es das, was man einen Flow nennt?

Definitiv. Ich habe öfter einen Flow erlebt. Der Körper funktioniert wie von selbst, man geht voll und ganz in der Bewegung auf. Das Gefühl der körperlichen Anstrengung ist da, aber es scheint einen in Momenten wie diesen viel weniger zu limitieren, man lässt es einfach nicht an sich heran. Dass ich aber gar keine Erinnerung mehr habe, ist schon speziell. Dieses Rennen ist nicht mehr greifbar für mich, es fühlt sich im Nachhinein einfach nur auf fremde Weise perfekt an.

»Es ist unheimlich wichtig zu wissen, wohin man möchte.«

Laura Dahlmeier

Es gibt auch Rennen, in denen es weh tut, wenn es in der Schlussrunde um Sekunden geht. Wie erlebt man diese volle Intensität?

Das kann schon hart sein. Die Beine brennen, die Lunge brennt. In solchen Momenten haben häufig Zwiegespräche in meinem Kopf stattgefunden. Du denkst dir, da geht nichts mehr! Und fast im gleichen Augenblick überzeugst du dich, doch noch einmal zuzulegen.

Was gibt im Zwiegespräch den Ausschlag?

Vielleicht rennt der Trainer nebenher und ruft dir zu, dass du seit dem Schießen sieben oder acht Sekunden aufgeholt hast. Du pusht weiter. Plötzlich taucht vorne die Gegnerin auf. Du saugst dich ran, merkst, dass du näher kommst. Daraus entsteht ein Glücksgefühl, das dir den Zugriff auf zusätzliche Kraftreserven ermöglicht.

Haben Sie es auch mal übertrieben?

Selten! Aber ich erinnere mich an eine Situation in Antholz. Der Trainer hat geschrien, ich solle alles geben. Das habe ich wörtlich genommen und wirklich alles mobilisiert, was mir zur Verfügung stand. Ich bin eingebrochen und nur noch ins Ziel getaumelt. Vier Sekunden hinter der Führenden. In diesem Fall habe ich mich zu etwas hinreißen lassen, das ich nicht durchstehen konnte.

Wie finde ich die perfekte Intensität?

Meistens hat man etwas mehr im Tank, als man denkt. Wenn du darin geübt bist, dich an dieses Limit zu pushen, kannst du es auf den letzten 100 oder 200 Metern ausreizen. Einen Kilometer vor dem Ziel ist es aber zu riskant, hier ist der eigene Wille durchaus mit Vorsicht zu genießen.

Kann ich die volle Intensität auch im Training erreichen?

Man kommt schon nahe ran ans Limit. Aber der Kopf weiß natürlich: Wir sind hier im Training. Die ultimative Belastung ist wohl nur im Wettkampf möglich.

Wie schaffe ich es, mich im Training zu pushen?

Es ist unheimlich wichtig zu wissen, wohin man möchte. Denn natürlich fragt man sich: Warum tue ich mir das an? Warum dieser fiese Anstieg? Warum bin ich nicht mit Freunden am See? Fragen wie diese tauchen aber nur auf, wenn das Ziel nicht klar genug definiert ist. Wenn du genau weißt, was du willst … dann kannst du auch voll durchziehen.

 

»Der Körper sollte das letzte Wort haben. Ich denke, am Ende ist er doch der Schlauere.«

Laura Dahlmeier

Wie hart sollte Training sein? So hart wie möglich?

Ein Intervalltraining darf schon richtig hart sein. Wichtig sind aber auch die lockeren Einheiten. Sie sind essenziell für die Erholungsfähigkeit und das Immunsystem. Sie sind die Grundlage, um die harten Einheiten überhaupt wegstecken zu können. Hobbysportler vernachlässigen gerne mal das entspannte Training.

Warum ist das so?

Ich merke es selbst, seitdem ich nicht mehr als Profi trainiere. Da möchte ich eine lockere Laufrunde drehen, werde unterwegs immer schneller, ziehe vielleicht noch einen Hügel nach oben, will noch jemanden einholen, und am Ende war ich zwar nicht am Maximum, aber locker war’s auch nicht. Leider bringen diese Einheiten nicht besonders viel.

Also öfter mal runter vom Gas?

Am besten hast du ein klares Konzept. Wenn eine lockere Einheit angesagt ist, wird diese auch so absolviert. Man kommt sich schon mal blöd vor, wenn man von Leuten überholt wird, die einen normalerweise nicht überholen würden. Das geht mir genauso! Dafür hast du dann die Reserven für das nächste intensive Training, in dem du wieder alles reinwirfst. Mein Trainer hat mir immer gesagt: Eine lockere Einheit kann gar nicht zu langsam sein. Die Anpassungsprozesse im Körper laufen trotzdem. Lieber nochmal zehn Prozent langsamer, als die zehn Prozent drüber.

Sollte man strikt nach Plan trainieren oder auch mal an die Tagesform anpassen?

Es gibt gute und schlechte Tage. Die guten muss man für intensive Einheiten nutzen. An einem schlechten Tag gewinnt man manchmal mehr, wenn man auf den Körper hört und pausiert.

Aber wie finde ich raus, ob ich müde oder vielleicht doch nur faul bin?

Flexibel an den Tag herangehen! Wenn ich um halb acht in der Früh die Nachricht bekam, dass das Teamtraining wegen schlechten Wetters ausfällt, habe ich schon mal innerlich gejubelt und mich im Bett umgedreht. Später bin ich dann raus zu einer Laufeinheit. Plötzlich fühlst du dich super und legst noch ein richtig gutes Training hin.

Manchmal sind sich Kopf und Körper nicht einig. Der eine will, der andere bremst. Wer hat erfahrungsgemäß öfter Recht?

Der Körper sollte das letzte Wort haben. Ich denke, am Ende ist er doch der Schlauere.

Wie wichtig sind Faszientraining und Dehnen?

In meiner Jugend habe ich mich gefragt, was diese Dehnerei soll. Heute weiß ich, wie wichtig Mobilisation und Beweglichkeit sind. Um den kompletten Bewegungsumfang ausführen zu können, um besser zu regenerieren und natürlich auch im Hinblick auf die Verletzungsprophylaxe.

Wie erhole ich mich effizient?

Schlafen, bewusst ernähren und auch dann auslaufen, wenn man am liebsten nur noch umfallen würde. Für dauerhaften Erfolg ist die Nachbereitung enorm wichtig.

War der Rücktritt im Alter von 25 Jahren die notwendige Erholung für den Kopf?

Nach Pyeongchang war ich häufig krank, fühlte mich ausgebrannt. Mein Körper wollte mir etwas mitteilen. Ich konnte und wollte einfach nicht mehr Woche für Woche all-in gehen. Daher kam die Entscheidung für einen relativ frühen Rücktritt.

Und jetzt? Kommt eine Karriere als Bergläuferin?

Ich habe mich über einen Berglauf zufällig für die WM in Argentinien qualifiziert. Das war eine tolle Erfahrung, eine wunderschöne Reise. Um vorne mitzumischen, müsste ich aber wieder mit vollem Einsatz trainieren. Dazu bin ich derzeit nicht bereit.

Also erst einmal nur Sport zum Spaß?

Das ist der Plan. Trailrunning, mal einen Berglauf oder Skibergsteigen. Ich gehe viel zum Klettern, genieße das Gefühl, im Team eine Herausforderung zu bewältigen. Alles Weitere werden wir sehen.

Interview by Axel Rabenstein

 

LAURA DAHLMEIER WURDE AM 22. AUGUST 1993 IN GARMISCH-PARTENKIRCHEN GEBOREN. 2015 WURDE SIE MIT DER STAFFEL IN KONTIOLAHTI ERSTMALS WELTMEISTERIN. ES FOLGTEN SECHS WEITERE WM-TITEL SOWIE DER GEWINN DES GESAMT-WELTCUPS (2017). BEI DEN OLYMPISCHEN SPIELEN IN PYEONGCHANG 2018 HOLTE SIE GOLD IM SPRINT UND IN DER VERFOLGUNG SOWIE BRONZE IM EINZEL. IM MAI 2019 ERKLÄRTE SIE IHREN RÜCKTRITT VOM BIATHLON-SPORT.

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Photos: adidas; FISCHER