Eine Kneipenwette führte ihn in die Sahara. Dort ging der Stern des Tom Evans auf: Heute ist der amtierende UTMB-Sieger einer der prägenden Ultraläufer unserer Zeit.
Tom, dein Weg zum Ultralauf begann in einer Kneipe. Was geschah an diesem Abend?
Zwei Freunde waren vom Marathon des Sables zurück, beide unter den Top 300. Ich sagte ihnen etwas wie … starke Leistung, aber ich könne das wohl besser. Das hatte Diskussionspotenzial. Am nächsten Morgen meldete ich mich leicht verkatert an. Sechs Monate später stand ich in Marokko an der Startlinie.
In welcher Verfassung?
Fit. Aber ohne Vorstellung, was da vor mir lag.
Der Marathon de Sables führt über 250 Kilometer und fünf Etappen. Du warst zuvor nie mehr als 10 Kilometer am Stück gelaufen. Wie hast du dich vorbereitet?
Ich war in Vollzeit beim Militär. Hatte ich eine Stunde, lief ich eine, bei zwei Stunden eben zwei. Außerdem gewöhnte ich mich in einer Hitzekammer an der Uni an die extremen Bedingungen.
Du liefst sensationell aufs Podium. Wann wurde dir klar, dass das möglich ist?
Zunächst wollte ich Spaß haben! Hart racen, aber keine Dummheiten machen. Als die längste Etappe mit 80 Kilometer erstaunlich gut lief, dämmerte mir, dass da was gehen könnte.
»Was mich antreibt, ist das unermüdliche Streben nach Exzellenz.«
Tom Evans
Zwei Jahre später bist du nach deinem Sieg beim CCC von Courmayeur nach Chamonix aus der Army ausgetreten. Kopfsache oder Bauchgefühl?
Beides. Nach dem CCC hatte ich Angebote für Profiverträge. Nun wollte ich unbedingt herausfinden, was wirklich in mir steckte. Das schuldete ich mir. Dafür musste ich aber alles aufs Laufen setzen, und bei der Army kannst du keinen Rennkalender planen. Also stand ich am Tag meiner Entlassung als Profi beim Western States am Start meines ersten 100-Meilen-Rennens …
… und wurdest Dritter. Welche Werte aus der Army nimmst du mit auf einen Ultra?
Das unermüdliche Streben nach Exzellenz. In allem, was du tust. Profisportler zu sein, ist ein 24/7-Job. Ernährung, Schlaf, Training – all dies spiegelt sich an der Startlinie wider.
Du giltst als jemand, der eher auf Qualität als auf Umfänge setzt. Wie trainierst du?
Naja, meine Umfänge liegen inzwischen bei 200 Kilometer mit 12.000 Höhenmeter in der Woche, plus zwei Krafteinheiten.
Okay, das kann man doch als Umfang bezeichnen …
Ja, es ist intensiv. Diesen Winter war ich viel auf dem Laufband, ein super Tool, weil jede Einheit exakt vergleichbar ist. Ich laufe mich draußen warm, dann geht’s aufs Band, das bis zu 35 Prozent Steigung und 10 Prozent Gefälle darstellen kann.
Wie sieht eine harte Laufbandsession aus?
Viermal zehn Minuten bergauf, dazwischen jeweils fünf Minuten hart bergab. Klassische VO2max-Einheiten mache ich kaum, eine extrem hohe VO2max kostet Energie. Ich arbeite viel im Tempobereich und an der Schwelle, um möglichst effizient zu sein und wenig Kohlenhydrate zu verbrauchen.
Western State vs. UTMB
Welche Fehler siehst du im Training von Amateuren?
Viele wollen von Null auf 100 und verletzen sich. Für mich ist Konstanz der wichtigste Faktor. Wir fragen uns, was das benötigte Minimum ist, um besser zu werden. Und nicht, was das Maximum wäre, das sich in den Tag quetschen ließe. Zudem trainieren wir für jeden Wettkampf spezifisch.
Das heißt?
Für einen Marathon in Berlin oder London ist das Training nahezu identisch. Bei uns ist das anders. Für den Western States brauchst du eine starke Maschine. Für den UTMB eine Toolbox, um mit allem umzugehen, was die Berge bringen. Die Schlüsselsessions sind verschieden, nur die lockeren Läufe ähneln sich. Mit meinem Training für den Western States wäre ich beim UTMB ohne Siegchance. Und umgekehrt.
Wie sieht ein guter Ruhetag aus?
Regeneration ist ein 360-Grad-Thema. Ich bleibe aktiv, ein Spaziergang mit den Hunden, vielleicht eine kurze Ausfahrt mit dem Gravel oder Mountainbike, etwas Mobility. Der Tagesrhythmus soll sich anders anfühlen als ein Trainingstag, das hält mich mental frisch. Ich ernähre mich gut, aber anders. Es gibt vielleicht Pancakes und Eier statt Porridge.
»Der Schmerz geht, die Härte bleibt.«
Tom Evans
Dein Motto lautet: „Ich gebe 100 Prozent. Kriege ich nicht 100 Prozent zurück, gebe ich lieber gar nichts.“ Woher weißt du, was du zurückkriegen wirst?
Das ist die Schönheit des Sports! Um zu erfahren, was möglich ist, musst du alles geben. Mein Motto bezieht sich dabei auf die Beziehungen mit meinem Team. Ich gebe meine 100 Prozent und erwarte das Gleiche zurück: volle Hingabe. Der Sport wird immer kompetitiver. Mit 80 Prozent brauchst du bei einem großen Rennen nicht antreten. Ich will in den Spiegel blicken und wissen, dass wir alles versucht haben.
Wenn du in der „Pain Cave“ bist – was hilft dir, alles zu geben?
Ich fühle mich privilegiert, beruflich hier draußen zu sein! Ich liebe es, mich an meine Grenzen zu bringen. Wenn ich leide, mache ich mir genau das bewusst. Und denke an das Vorbild, das ich meiner Tochter sein will: Wir geben nicht leicht auf, sind aber klug genug zu stoppen, wenn etwas nicht stimmt. Brichst du ein Training oder ein Rennen ab, bist du der Einzige, der dazu stehen muss.
Der beste Schuh, den ich je getragen habe
Welches Scheitern hat dich stärker gemacht?
Fast jedes! Aber besonders der UTMB 2024. Ich war topfit, hatte enorm viel Zeit in den Aufbau gesteckt … und rannte schlecht. Ich ging zu hart an, ließ mich mitreißen, bekam Probleme. Das zwang mich, unser Training und unsere Rennstrategie zu überdenken.
Um was zu ändern?
Wieder mehr Freude in den Prozess zu bringen. Das hat zu meiner besten Performance geführt: dem UTMB-Sieg 2025. Für mich auch deshalb der größte Erfolg, weil er nicht leicht zu holen war. Durch Schmerz und vermeintliches Scheitern habe ich so viel gelernt, dass ich das UTMB-Puzzle zusammensetzen konnte. So war es auch kein Scheitern, sondern Teil meines Weges ans Ziel.
Ist es die Freude am Laufen, die dich besser macht als die Besten der Welt?
Es ist eines der wichtigsten Puzzle-Stücke, in jeder noch so harten Einheit ein Lächeln im Gesicht zu haben. Und im Rennen zu wissen, dass es meine freie Entscheidung ist, hier zu sein. Der Schmerz geht. Aber die Härte in dir bleibt. Dieses Bewusstsein ist für mich die pure Energie.
Vor dem UTMB-Sieg 2025 sollst du deinem Team gesagt haben, der Schuh sei der beste, den du je getragen hast. Welcher Schuh war das?
Es war ein Prototyp, der diesen Sommer als ASICS Meta Fuji 2 auf den Markt kommen wird. Viele Performance-Schuhe werden unbequem, wenn man zu sehr pusht. Nicht ideal für ein Rennen über 20 Stunden. Du ziehst den Schuh an und fühlst dich sofort zuhause: weich, aber nicht zu weich, federnd, aber nicht zu federnd. Für mich der beste Rennschuh, den ich je getragen habe. Auch wenn er nicht für jeden der perfekte Schuh sein wird.

Inzwischen bist du verheiratet und Vater einer Tochter. Wie hat dich das als Läufer verändert?
Als Athlet musst du egoistisch sein, Entscheidungen im Sinne der Performance treffen. Wenn du eine Familie hast, bist du nicht mehr die wichtigste Person in deinem Leben. Ich bin Tom, der Ultraläufer. Und dann wieder Tom, der Vater. Früher dachte ich, Laufen sei vor allem physisch, und es wäre egal, ob du glücklich bist … solange du trainierst. Dank Frau und Tochter bin ich glücklicher, und so laufe ich am besten. Je besser ich als Vater bin, desto besser werde ich als Läufer. Und umgekehrt.
Welcher Tom möchtest du eines Tages sein?
Ich will, dass man in mir jemanden sieht, der keinen Stein auf dem anderen gelassen hat, um so gut wie möglich zu werden. Der keine Angst vor Fehlern hatte und andere inspirieren konnte, mutig zu sein. Es geht nicht darum 100 oder zehn Meilen zu laufen. Es geht darum, hin und wieder alles zu geben. Das macht uns am Ende zu besseren Menschen.
Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 4/2026
Tom Evans (Jg. 1992), ehemaliger Captain der British Army, lief 2016 bei seinem Debüt aufs Podium des Marathon des Sables. Er gewann u. a. den CCC (2018), den Western States Endurance Run (2023) und den Ultra-Trail du Mont Blanc (2025).
Photos: Albin Durand for ASICS; Philip Platzer, Mark Roe for Red Bull Content Pool
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