Daniela Ryf und Jan Frodeno dominierten über Jahre die IRONMAN® Weltelite. Weil sie niemals aufhörten, nach Perfektion zu streben …
Wer bei den großen Triathlonrennen über die Halb- und Langdistanz gewinnen möchte, der muss vor allem eines schaffen: schneller als Daniela Ryf und Jan Frodeno zu sein. Die Schweizerin hat von 2015 bis 2018 viermal in Folge beim Ironman auf Hawaii triumphiert, wurde Weltmeisterin über die legendäre Distanz von 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42 km Laufen. Auf der sogenannten Halbdistanz (oder auch Ironman 70.3) gewann sie seit 2014 sogar fünfmal den WM-Titel.
Bei den Männern wiederum ist der Deutsche Jan Frodeno das Maß der Dinge, als dreifacher Ironman-Weltmeister, zweifacher Ironman-70.3-Weltmeister und Inhaber der Weltbestzeit über die Langdistanz. Warum sind die beiden so gut? Und vor allem: Warum sind sie so oft besser als der Rest der Weltelite?
„Triathlon ist eine Fleißsportart“, sagt Daniela im Interview: „Dank meinem Team kann ich das Beste aus mir herausholen. Und ich arbeite wirklich hart an mir. Es gibt Zeiten, in denen ich praktisch nur trainiere, schlafe und esse.“
Für Daniela geht es im Leben darum, herauszufinden, worin man wirklich gut ist. Und genau das scheint ihr gelungen zu sein: „Ich hätte weder Schwimmerin werden können, noch Radfahrerin oder Läuferin. Nur in der Kombination des Triathlons war ich richtig gut. Ich glaube, meine große Stärke ist, dass ich das harte Training mag und auch vertrage. Mein Körper ist relativ stark und kann ein hohes Volumen aushalten.“
»Ich arbeite wirklich hart an mir. Es gibt Zeiten, in denen ich praktisch nur trainiere, schlafe und esse.«
Daniela Ryf
Jan Frodeno ist dafür bekannt, seine Konkurrenz von den ersten Metern des Schwimmens an über alle drei Disziplinen zu zermürben, ein Rennen von der ersten Minute an zu dominieren. Er sagt: „Das Gefühl, im Training zu fliegen oder im Wettkampf als Erster ins Ziel zu kommen, ist überwältigend schön. Ich fixiere mich aber nicht allzu sehr auf meine Konkurrenten. Sondern vor allem auf mich selbst. Auf meine eigene Leistungsfähigkeit. Deshalb kommen solche Fragen gar nicht erst in mir hoch. Das könnte meinen Erfolg auch leicht gefährden. Wenn das Siegen zum Selbstläufer wird, fühlt man sich zu sicher, arbeitet nicht mehr hart genug, verliert an Zielstrebigkeit und mentaler Stärke. Das hätte im Triathlon fatale Folgen, dann wäre ich mit Sicherheit nicht mehr der Schnellste.“
Ein schneller Körper ist Kopfsache
Wer acht Stunden am Stück am Leistungslimit agiert, der muss kontinuierlich an seine Stärke glauben. Und darf sich dabei nicht allzu sehr davon beeinflussen lassen, was einem der gestresste Körper mitteilt. „Die mentale Komponente ist auf der Langdistanz von entscheidender Bedeutung“, sagt Frodeno. „Schmerzen haben alle Athleten. Es ist dein Kopf, der dich dazu bringt, weiterzumachen oder sogar noch einmal zu beschleunigen. In uns allen steckt mehr als wir denken. Deshalb brauchst du absolute Zielstrebigkeit und einen starken Willen, um deine Leistung auch wirklich auf den Asphalt zu bringen.“
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Wenn’s auf der Laufstrecke endgültig ans Limit geht: Ist das dann eine physische oder eher psychische Barriere? Frodeno: „Ich denke, es gibt beide Barrieren. Der körperliche Schmerz, den du mit deiner Leidenschaft und deinem Siegeswillen überwinden kannst. Und die mentale Barriere, die definitiv die größere und schwerer zu nehmende Hürde darstellt. Man könnte ja einfach stehenbleiben. Es wäre sofort vorbei. Von einem Schritt auf den nächsten! Dagegen musst du mit all deiner mentalen Kraft ankämpfen. Ich versuche dann, in Etappen zu denken und mir immer wieder Zwischenziele zu setzen: bis zur nächsten Kurve, zum nächsten Wendepunkt oder bis zur nächsten Verpflegungsstation. Führt man sich während des Laufens die komplette Marathonstrecke vor Augen, ist das keine gute Idee. Selbst als Profi kommt dir diese Distanz an manchen Tagen beinahe unüberwindbar vor.“
»In uns allen steckt mehr als wir denken.«
— Jan Frodeno
Selbstvertrauen am Limit
Auch Daniela Ryf ist während eines harten Rennens damit beschäftigt, ihrem Körper mit mentaler Stärke gegenüberzutreten. Sie sagt: „Ich gehe lieber ein und habe versucht, das Maximum herauszuholen, als dass ich mich schone und am Schluss etwas bereue. Ich will an meine Grenzen stoßen. Und erstaunlicherweise rette ich mich häufig ins Ziel, auch wenn ich meine Grenzen überschritten habe. Du musst mutig sein und auf deinen Körper hören, dann improvisieren, cool bleiben und immer weiter daran glauben, dass du es schaffen kannst. Der Körper ist zu Sachen fähig, die wir als unmöglich ansehen, bis es jemand getan hat. Vermutlich ist es eine Art Schutz, dass wir so denken. Aber wenn man ohne Limit denkt, ist sehr viel mehr möglich.“
Immer wieder erlebe sie dabei einen „ominösen Punkt“, wenn der Körper in eine Art Trance gerate, an dem man die Schmerzen und das Unbehagen nur noch verfremdet wahrnimmt. „Plötzlich geht alles von alleine, Körper und Geist scheinen zu harmonieren“, beschreibt es Daniela. „Vielleicht kann man es mit einem lustigen Abend in der Disco vergleichen, wenn die High Heels nicht mehr wehtun, weil man einfach viel zu viel Spaß beim Tanzen hat. Diesen Zustand versuche ich im Rennen zu erreichen. Wenn ich es schaffe, kann ich mein Maximum herausholen. Aber man kann es nicht erzwingen. Wenn ich einen Beat oder eine Melodie im Kopf habe, dann hilft es mir allerdings dabei.“
»Ich will an meine Grenzen stoßen.«
— Daniela Ryf
Das beste Gefühl, das es gibt
Schon mit Anfang 30 ist Daniela Ryf die erfolgreichste Triathletin aller Zeiten. Dennoch hat sie noch lange nicht genug: „Ich brenne dafür, ein Rennen über acht Stunden vom Start bis ins Ziel mit Vollgas durchziehen zu können. Dafür musst du dein Limit immer wieder verschieben. Natürlich im Wettkampf, aber auch im Training. Du absolvierst bestimmte Trainings schneller als beim letzten Mal. So wird man fitter und die Grenze, die mal das Limit war, ist nicht mehr das Limit. Du läufst über eine bestimmte Zeit eine Pace, die du noch nie gelaufen bist. Für mich übrigens eines der besten Gefühle, die es gibt.“
Kann die eigene Grenze wirklich wieder und wieder verschoben werden? „Es wird nicht ewig möglich sein, besser zu werden“, sagt Daniela. „Deshalb ist es gut, dass wir nicht wissen, ob und wann wir das Maximum erreicht haben. Aber wer aufhört besser werden zu wollen, der wird schon schlechter.“
»Du bist ganz nah bei dir, spürst dich auf besondere Weise. Es fühlt sich echt an, für mich ist es das pure Leben.«
Jan Frodeno
Und so geht es weiter in Richtung Perfektion. Auch Frodeno, der eigenen Angaben zufolge rund 70 Paar Laufschuhe im Jahr verschleißt, gibt das Herantasten an das ultimative Limit als eines seiner wichtigsten Motive an. „Ich habe immer nach Perfektion gestrebt. Meine eigenen Fähigkeiten fortlaufend zu optimieren, zu spüren, wie ich meine Leistungsgrenze verschieben kann, das gibt mir sehr viel.“
Es mache ihm einfach Spaß, an seine Grenzen zu gehen, sagt er – und beschreibt, was für ihn die Magie des Triathlon ausmacht: „Du bist ganz nah bei dir, spürst dich auf besondere Weise. Es fühlt sich echt an, für mich ist es das pure Leben.“
Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 5/2016; SPORTaktiv 5/2018

Jan Frodeno wurde am 18. August 1981 in Köln geboren und wuchs in Südafrika auf. Von den TV-bildern der Spiele in Sydney 2000 inspiriert, begann er mit dem Triathlon. 2008 holte er bei den Plympischen Spielen in Peking Triathlon-Gold. 2015 wurde er IRONMAN 70.3 Weltmeister in Zell am See, IRONMAN Europameister in Frankfurt a. M. und IRONMAN Weltmeister auf Hawaii. 2016 stellte er in Roth (deutschland) mit 7:35:39 h eine neue Weltbestzeit über die Langdistanz auf und gewann erneut auf Hawaii. Nach einem Ermüdungsbruch im Jahr 2018 krönte er sich 2019 in Kona zum dritten Mal zum IRONMAN Weltmeister.

Daniela Ryf wurde am 29. Mai 1987 in Solothurn Sschweiz) geboren. Im Jahr 2008 wurde sie U23-Weltmeisterin auf der Triathlon-Kurzdistanz. Nach zwei WM-Titeln in der Mixed-Staffel wechselte sie auf die Mittel- und Langdistanz. Hier dominieret über Jahre die Weltelite, gewann zwischen 2014 und 2015 fünfmal die IRONMAN 70.3 WM sowie viermal in Folge (2015-2018) den IRONMAN auf Hawaii.
Photos: James Mitchell, Jesper Gronnemark, Graeme Murray / Red Bull Content Pool; Ryf; Frodeno
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