ER WAR FÜR SEINEN RISIKOFREUDIGEN SPRUNGSTIL BEKANNT. UND AVANCIERTE ZU EINEM DER ERFOLGREICHSTEN SKISPRINGER ALLER ZEITEN. IM INTERVIEW ERZÄHLT THOMAS MORGENSTERN VON MOMENTEN ZWISCHEN FLUGGEFÜHL UND TUNNELBLICK.

 

Thomas, woher kommt die Lust am Fliegen?

Ich komme aus einer sportlichen Familie. Mein Onkel war als alpiner Skirennläufer bei den Olympischen Spielen in Innsbruck am Start. Ich stand früh auf den Skiern, war aber meistens mit Schanzenbauen beschäftigt. Irgendwann hat mich mein Vater zur ersten echten Skisprung-Schanze gefahren. Dann wurden die Schanzen Stück für Stück größer.

Ihr persönlicher Weitenrekord liegt bei 225,5 Metern. Wie lange ist man bei so einem Sprung in der Luft?

Ehrlich gesagt, habe ich nie mitgestoppt. Aber das sind wohl sechs bis acht Sekunden Flugzeit.

Und die gefühlte Flugzeit?

Ist man mental im Flow-Zustand, kann sich so ein Sprung beinahe ewig anfühlen. Man fliegt, man steuert in der Luft, das ist der Traum vieler Menschen. Es ist schon unglaublich, dass man nur mit einem Paar Skier an den Füßen über 200 Meter weit springen kann.

»Mich hat’s schon mal überschlagen. Das merkt man sich.«

Thomas Morgenstern

ÖSV-Sportdirektor Toni Innauer hat Sie mal als „reinrassiges Rennpferd“ bezeichnet. Nun sind Rennpferde nicht für ihre Flugfähigkeiten bekannt. Wissen Sie, wie er das gemeint hat?

Ich bin einer, der sich immer voll reinhängt. Ich suche den Vergleich und den Sieg. Ich will immer gewinnen. Und das nicht nur beim Skispringen. Auch beim Tischfußball oder beim Darts-Spielen. Das macht es im Umgang mit anderen Menschen manchmal ein wenig schwerer. Aber mich macht es stark.

Sie sagen auch, Sie würden den Landehang eher zu Fuß runter laufen, als einen Sicherheitssprung anzusetzen.

Meine Kollegen bezeichnen mich oft als „Mister Selbstvertrauen“. Wenn ich da oben stehe, will ich ganz vorne sein. Selbst dann, wenn ich nicht in Form bin. Mit einem Sicherheits-Sprung wird man nichts gewinnen.

Als Skispringer habe ich einen vorgegebenen Anlauf, ich fahre in der Spur nach unten und springe ab: Wo baue ich da die Sicherheit ein?

Bei einem Risiko-Sprung geht man einfach aufs Ganze. Faktoren wie der Wind werden ausgeblendet. Wenn man bei Aufwind voll nach vorne raus springt, kann das riskant sein. Mich hat’s schon mal überschlagen. Das merkt man sich. Seitdem habe ich auch mehr Respekt vor den äußeren Verhältnissen.

Es ist immer vom „Fluggefühl“ die Rede. Was genau ist das?

Fluggefühl hat grundsätzlich jeder Athlet, der vorne mit springt. Faktoren wie Körperbau oder Materialien sind wichtig. Aber vor allem, wie man die Luft spürt und damit umgeht. Der eine dreht die Hand und erhöht damit den Luftwiderstand, der andere kantet den Ski auf und erhöht damit die Angriffsfläche. Jeder macht es ein wenig anders. Manche können gut fliegen, dann gibt es wieder Athleten, die eine bessere Technik am Schanzentisch haben und höher rausspringen. Es ist nicht leicht nachzuvollziehen, weil die wenigsten diese Sportart jemals ausprobiert haben.

Man kann beobachten, wie die Springer mit kleinsten Armbewegungen ihre Haltung korrigieren. Spüre ich die Luft wirklich so deutlich? Ist Luft nicht nur Luft?

Beim Skispringen wird die Luft zu starkem Wind. Man kann es ganz leicht ausprobieren. Man muss nur im Auto bei 100 km/h die Hand aus dem Fenster halten. Das ist unsere Anfahrtsgeschwindigkeit. Die Luft wird jetzt zur Strömung. Halte ich die Hand flach in den Wind, wird der Widerstand, der Auftrieb größer. Spreize ich die Finger, wird die Angriffsfläche noch größer, weil durch die Zwischenräume keine Luft strömt. Das kann jeder ausprobieren. Nur, dass wir mit dem kompletten Körper in der Luft liegen.

Und die Luft selbst? Ist die überall gleich? Oder ist sie in Finnland anders als in Japan?

Es ist ein Unterschied, ob man auf Meereshöhe oder auf 2.000 Metern springt. Oben ist die Luft dünner und hat weniger Auftrieb. Auch die Temperatur ist ausschlaggebend. Ich springe lieber im Winter, da sind die Verhältnisse meist konstanter, weil weniger Thermik entsteht.

»Es gibt Tage, an denen du weißt: Du machst das Richtige. Du bist der Beste. Keiner hat eine Chance gegen dich.«

Thomas Morgenstern

 

Welche Rolle spielt der Wind?

Wind von vorne gibt Auftrieb. Rückenwind drückt von hinten und saugt einen förmlich runter auf den Boden. Das hat gravierende Auswirkungen auf die Weite.

So wie das Gewicht?

Natürlich. Ein Blatt Papier ist länger in der Luft als ein Stein. Mit der Einführung eines verpflichtenden Body Mass Index von 20 inklusive Wettkampfkleidung wurde die vielleicht beste aller Regeländerungen getroffen. Das Gewicht ist reglementiert …

… und das Hungern endlich vorbei?

Der Sprunganzug und die Schuhe wiegen etwa 3,5 Kilo. Das entspricht dann einem realen BMI von 18,5. Das ist immer noch sehr wenig, aber endlich gibt es ein Limit. Es ist keine gesundheitliche Gefährdung mehr, man kann vernünftig trainieren und athletisch sein. Mir kommt es entgegen, weil ich nie der Hungertyp war. Jetzt hat man ein Ziel vor Augen, ein konkretes Gewicht. Und früher hat man sich eben runter gehungert, manche haben das bis zur Magersucht getan.

Der Sport ist ausgeglichener geworden. Trotzdem kommt es zu extremen Leistungsschwankungen. Springer wie Sven Hannawald oder Adam Malysz waren ein oder zwei Jahre nahezu unschlagbar. Und auf einmal geht gar nichts mehr. Woran liegt das?

Das ist oft Kopfsache. Ich habe mal sieben von den ersten acht Weltcupspringen in einer Saison gewonnen. Da war ich in einem besonderen Zustand. Da stehst du oben und weißt: Du machst das Richtige und bist der Beste. Keiner hat eine Chance gegen dich. Und dann springt einer im Training plötzlich weiter als du. Du beginnst zu denken. Habe ich einen Fehler gemacht? Dann greift man vielleicht in ein System ein, das gar keinen Fehler hat.

Weil die Anderen auch nicht schlafen und besser werden?

Natürlich. Alle Athleten entwickeln sich. Es sind viele kleine Faktoren. Dieser Sport ist sehr sensibel.

Wie viel kann ein Fahnenmeer in einem vollen Stadion bewirken?

Das macht schon was aus. Wenn man auf den Balken geht, hört man die Leute und den Stadionsprecher. Sobald man in der Spur ist, hört man allerdings gar nichts mehr.

Volle Konzentration?

Der totale Tunnelblick. Da kommt man nahe an sein Unterbewusstsein. Manchmal fahre ich die Anlaufspur runter und wundere mich über ein sinnloses Detail. Ein Auto auf dem Parkplatz, das dort vorher noch nicht stand. Gedanken, die man zu diesem Zeitpunkt gar nicht braucht. Aber das sind oft die besten Sprünge, weil sich die erlernten und mit der Zeit perfektionierten Bewegungsabläufe automatisieren. Einmal bin ich auf den Tisch zugefahren und habe mich auf einmal gefragt, was das eigentlich soll. Warum bin ich hier? Was tue ich da? Und dann habe ich einen absoluten Supersprung rausgelassen.

Sieht man im Flug die jubelnde Menge?

Nein. Du siehst nur nach unten. Der Blick haftet zwischen K-Punkt und Hill-Size.

Der Bereich zwischen dem Konstruktions-Punkt, an dem der Landehang bereits flacher wird, und der kritischen Weite, bei der die Jury über eine Anlaufverkürzung berät.

Genau. Da musst du hin. Und dann versucht man einfach, den Sprung so weit wie möglich zu ziehen.

Ab wann ist klar, dass es ein guter Sprung wird?

Das spürt man in der Sprungübergangsphase auf dem Schanzentisch. Da weißt du schon, wie weit der Sprung ungefähr gehen wird. Dann musst du es optimal nach unten bringen … und sicher wieder landen.

Interview by Axel Rabenstein, published in TopTimes 1/2010

 

THOMAS MORGENSTERN WURDE AM 30. OKTOBER 1986 IN SPITTAL AN DER DRAU (ÖSTERREICH) GEBOREN. ER ZÄHLT ZU DEN ERFOLGREICHSTEN SKI-SPRINGERN ALLER ZEITEN. DREIMAL WURDE ER OLYMPIASIEGER, ZUDEM GEWANN ER ELF WM-TITEL SOWIE ZWEIMAL DEN GESAMT-WELTCUP. IM JAHR 2011 SIEGTE ER BEI DER VIERSCHANZENTOURNEE. NACH EINEM SCHWEREN STURZ IM JANUAR 2014 ERKLÄRTE ER IM SEPTEMBER DES GLEICHEN JAHRES IM ALTER VON 27 JAHREN DEN RÜCKZUG VOM SKISPRINGEN.

WWW.THOMASMORGENSTERN.COM

 

Photos: Markus Berger, GEPA Pictures, Matthias Heschl, Kurt Pinter, alle Red Bull Content Pool; Fischer Sports