STEFAN GLOWACZ IST WOHL DAS, WAS MAN EINEN ABENTEURER NENNT: ER GREIFT NACH DEM UNBEKANNTEN, BEREIST DIE ENTLEGENSTEN GEBIETE DER ERDE – UND FINDET DABEI IMMER WIEDER VERBORGENE PLÄTZE IN SICH SELBST.

 

Stefan, woher kommt die Sehnsucht aufzubrechen und das Bekannte hinter sich zu lassen?

Ich denke, es ist die Neugier. Neues zu erleben, aber auch neue Facetten an mir selbst kennen zu lernen. Es ist ein bewusst provozierter Gang an die körperlichen und mentalen Leistungsgrenzen. Dabei entdecke ich immer wieder neue Seiten an mir.

Welche Seiten sind das?

Wir leben in einer hochtechnisierten Welt, die uns den Alltag einfach und bequem macht. Wir durchleiden keine Kälteperioden, müssen kaum kämpfen. Wenn man sich aber in einer bedrohlichen Situation befindet und die Nerven blank liegen, dann erkennt man plötzlich seine wahre Leistungsfähigkeit. Und das ist wirklich faszinierend.

Wann hast du begonnen, solche Grenzsituationen zu suchen?

Meine Eltern waren extrem bergbegeistert, haben mich und meine Schwester schon früh auf ihre Touren mitgenommen. Dabei ist ein besonderes Verhältnis zur Natur entstanden. Das Bergsteigen und später das Klettern waren ein hervorragender Mechanismus, das soziale Korsett abzulegen und meine Freiheitsliebe in die Realität umzusetzen.

Im Jahr 1990 kam allerdings ein Rückschlag, als ein Unfall beinahe deine Karriere beendete …

Ich war 25 Jahre alt, bin aus zehn Metern Höhe abgestürzt und habe mir das Fersenbein zerschmettert, außerdem das Handgelenk gebrochen. Es war ein Einschnitt auf allen Ebenen. Ich musste zwei Jahre hart arbeiten, um mein früheres Leistungsniveau zu erreichen. Und dann war es eine wichtige Erkenntnis, dass man sterblich ist. Das hatte ich bis dahin teilweise etwas anders interpretiert. Ich war der Ansicht, dass immer nur den anderen etwas passiert. Seitdem plane ich meine Unternehmungen noch umsichtiger. Es war wohl ein Denkzettel zur richtigen Zeit, um vom damaligen Höhenflug zurück auf den Boden der Tatsachen zu kommen.

Nach dem Sturz wurdest du 1993 Vize-Weltmeister. Dann hast du dich auf Expeditionen und Erstbegehungen konzentriert. Wie kam es zum Sinneswandel?

Ich hätte noch zwei oder drei Jahre auf höchstem Niveau klettern können. Aber es gab kaum noch einen Wettkampf, der den Tiger in mir geweckt hat. Und der wäre nötig gewesen, um mich gegen die aufstrebende Jugend zur Wehr zu setzen. Man muss zu hundert Prozent von dem überzeugt sein, was man tut. Ich war schon immer der große Abenteurer, das Bergsteigen war meine Metapher, nun zog es mich in die Wildnis unbekannter Gebiete.

Dabei hast du fortan den Begriff ‚by fair means’ geprägt. Was bedeutet das?

Wir wollten einen neuen Stil kreieren. Mit dem Helikopter bis zum Berg zu fliegen, hat für mich keinen Reiz. Deshalb verzichten wir ab dem Punkt der letzten Zivilisation auf technische Hilfsmittel bei der Fortbewegung – so beginnt das Abenteuer schon früher.

»Die Erstbegehung ist eine Reise ins Neue, man wird zum Christoph Kolumbus in seiner eigenen vertikalen Welt.«

Stefan Glowacz

Deine Expeditionen bestehen vor allem aus Erstbegehungen. Warum ist es so schön, eine Wand vor allen anderen zu durchsteigen?

Die Erstbegehung ist eine Reise ins Neue, man wird zum Christoph Kolumbus in seiner eigenen vertikalen Welt. Man beobachtet die Wand mit dem Fernglas, wählt anhand seiner Erfahrung die beste Aufstiegsroute. Dann muss man hochkonzentriert sein, um jede Sekunde und jeden Zentimeter die richtige Entscheidung zu treffen. Hinzu kommt das Wissen, dass kein Mensch diesen Wandabschnitt zuvor berührt hat. Das ist ein erhabenes Gefühl.

Viele deiner Erstbegehungen tragen malerische Namen – ‚Place of Happiness’ oder ‚Vom Winde verweht’. Darf man die Routen selbst benennen?

Man darf sogar ganze Berge selbst benennen, wenn man der Erste ist. Dieses Glück hatten wir auf Baffin Island in Kanada, wo ein ganzes Bergmassiv bislang nur Registriernummern trug. Bei der Expedition ‚Vom Winde verweht’ in Patagonien hielten uns Stürme mehr als drei Jahre lang von einer erfolgreichen Erstbegehung ab. Und bei ‚Hart am Wind’ näherten wir uns dem Berg mit dem Segelboot durch die Drake-Passage.

Und ‚Behind the Rainbow’?

Das war in Venezuela. Aufgrund starker Regenfälle und Gewitter kletterten wir fast immer unter einem Regenbogen. Außerdem ist mein langjähriger Freund und Kletterpartner Kurt Albert zwischen beiden Expeditionen tödlich verunglückt. Beim ersten Mal war er noch dabei, wir schafften es aber erst beim zweiten Versuch – ohne Kurt. ‚Behind the Rainbow’ ist auch eine Hommage an sein Leben. Es war so bunt und schillernd wie ein Regenbogen.

Du hast mal gesagt, man müsse das Verborgene hinter dem Horizont entdecken, um den eigenen zu erweitern. Wann ist dir das besonders gut gelungen?

Man bricht auf und kommt nie als der gleiche Mensch zurück. Bei meiner allerersten Expedition 1994 saß ich auf einer Sandbank in Kanada und hatte plötzlich das Gefühl angekommen zu sein. Ich war wie vom Blitz getroffen. Auf einmal war ich ganz bei mir, ich war dort, wohin ich mich seit jeher gesehnt hatte. Die Umgebung war mir unglaublich vertraut. Ein solches Gefühl versucht man immer wiederzufinden. Eine Expedition ist nicht nur eine Reise in entlegene Gebiete dieser Erde, sondern auch eine Reise zu den verborgenen Plätzen in einem selbst.

Wo auf dieser Erde hast du den entlegensten, den wildesten Ort gefunden?

Mich faszinieren besonders die kalten und kargen Regionen, so wie Baffin Island oder die Antarktis. Dort ist alles so fremd. Diese Härte, das Gnadenlose der Natur. In unserer lieblichen Umgebung mit Tälern, Wäldern und Flüssen fühlen wir uns geborgen, in einer Schneewüste wie ausgesetzt.

Ist das erstrebenswert?

Durchaus! In solchen Situationen merkt man, wie wenig es braucht, um zufrieden zu sein. Es reichen ein sicherer Lagerplatz, eine warme Mahlzeit, ein trockener Schlafsack. Schon hat man den glücklichsten Menschen der Welt. Das sind Erkenntnisse, die sich nur durch eine gewisse Zeit des Leidens gewinnen lassen.

Du triffst bei Expeditionen in der Arktis beinahe täglich auf Eisbären, ist das richtig?

Eisbären benötigen das zugefrorene Meer, um an den Luftlöchern Robben zu jagen. In den Sommermonaten ist das nicht möglich, die Bären hungern und verlieren jegliche Scheu vor dem Menschen. Es kann faszinierend sein, diese majestätischen Geschöpfe in freier Wildbahn zu erleben. Sie sehen possierlich und vertrauenswürdig aus, können aber innerhalb von Sekundenbruchteilen angreifen. Um sie auf Distanz zu halten, schießen wir Signalraketen ab. Und nachts biwakieren wir in der Felswand, das ist der einzige sichere Platz.

»Städte sind künstliche Welten, in denen sich Menschen auf unnatürliche Gegebenheiten einstellen müssen.«

Stefan Glowacz

Im Biwak oder auf tagelangen Märschen verbringst du Stunde um Stunde mit dir selbst. Was denkst du die ganze Zeit?

Nicht viel. Man fasst kaum klare Gedanken, bei denen man sich länger aufhält. Man ist konzentriert auf den Weg, der vor einem liegt. Auch ein mehrstündiger Marsch durch eine Eiswüste erfolgt unter höchster Anspannung, weil man das lebensfeindliche Umfeld nicht gewohnt ist. Man ordnet seine Gedanken intuitiv, hat manchmal intensive Gefühle, kommt dabei aber nicht zur großen Erleuchtung.

Dort draußen fühlt man sich ausgesetzt. Manche fühlen sich auch im ‚Großstadt-Dschungel’ verloren. Sind unsere Städte die Wildnis der Moderne?

Wildnis ist wohl eher ein schiefes Bild. Städte sind künstliche Welten, in denen sich Menschen auf unnatürliche Gegebenheiten einstellen müssen. Gerade deshalb ist es auch wichtig, den jungen Menschen die Natur nahe zu bringen. Man kann nur das schützen und wertschätzen, was man selbst betreten, erspüren und erleben darf.

Bist du auch deshalb mit deinen Drillingen Tim, Ben und Nadine auf eine Flussreise in British Columbia gegangen? Um ihnen zu zeigen, worauf es im Leben ankommt?

Ich weiß nicht, ob wir Erwachsenen so vermessen sein dürfen, zu definieren, worauf es im Leben ankommt. Das ist unsere Wahrnehmung, und jeder Mensch muss das für sich selbst entdecken. Für die einen ist die technisierte Welt das höchste der Gefühle, andere distanzieren sich von Auto und Computer. Ich wollte meinen Kindern das Pendant zu Fernsehen und Facebook zeigen, das natürliche und echte Leben. Dieser Gegenpol ist von Bedeutung, damit sie einschätzen können, was ihnen wirklich wichtig ist.

Und wie haben sich die Kinder auf dem Fluss verhalten?

Wir waren 330 Kilometer auf dem Turnagain River unterwegs. Sie waren sehr beeindruckt, mal eine Woche lang keine Straße, keinen anderen Menschen zu sehen. Die drei waren wir junge Hunde: Wenn sie nichts zu tun hatten, lagen sie faul in der Gegend rum. Aber wenn’s zur Sache ging, waren sie hundertprozentig da. Das war interessant zu beobachten, fast wie ein natürlicher Instinkt.

Wo können wir denn mit unseren Kindern die Wildnis entdecken, ohne ans Ende der Welt reisen zu müssen?

Wie wär’s mit Norwegen? Oder den Dolomiten? Man muss nicht um die halbe Welt fliegen, um ein Abenteuer zu erleben. Man muss nur kreativ sein. Dann kann man sich auch bei uns auf den direkten Weg in die Wildnis machen.

Und du? Wirst du mal genug von deinen Abenteuern haben?

Ich habe mein Leben immer gelebt, wie ich wollte. Vielleicht will ich irgendwann nur noch mit einem Bier in der Hand auf der Bank vor dem Haus sitzen. Wenn es so kommt, werde ich es akzeptieren. Aber ganz ehrlich: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich so enden werde.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 3/2012

 

STEFAN GLOWACZ WURDE AM 22. MÄRZ 1965 IN GARMISCH-PARTENKIRCHEN (BAYERN) GEBOREN. IN DEN JAHREN 1987, 1988 UND 1992 GEWANN ER DEN ALS INOFFIZIELLE WELTMEISTERSCHAFT ANGESEHENEN ROCK MASTER IN ARCO (ITALIEN). BEI DEN OLYMPISCHEN SPIELEN IN ALBERTVILLE 1992 WAR ER SIEGER DES DEMONSTRATIONSWETTKAMPFES, 1993 WURDE ER VIZE-WELTMEISTER IN INNSBRUCK. SEIT 1994 ABSOLVIERTE ER ZAHLREICHE WELTWEIT BEACHTETE ERSTBEGEHUNGEN. 2013 WAR ER ALS EINER DER PROTAGONISTEN DES KLETTERFILMS „JÄGER DES AUGENBLICKS“ AUCH IM KINO ZU SEHEN.

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Photos: Klaus Fengler / Red Bull Content Pool