EXTREM NAH AM LEBEN: DIE BEIDEN ÖSTERREICHER HANNES ARCH UND FELIX BAUMGARTNER ERZÄHLEN VOM RISIKO – UND VON DER MAGIE WAHRER SELBSTBESTIMMUNG.

 

Felix Baumgartner wurde durch spektakuläre Objektsprünge bekannt, die er in der Regel ohne Genehmigung durchführte. Im April 1999 sprang er vom 88. Stockwerk der Petronas-Towers in Kuala Lumpur. Er hatte sich als Geschäftsmann ausgegeben und seinen Fallschirm in einem Aktenkoffer in das Gebäude geschmuggelt. Im Dezember des gleichen Jahres wagte er einen riskanten Sprung vom rechten Arm der Christus-Statue in Rio de Janeiro. Am 31. Juli 2003 überquerte er als erster Mensch im freien Fall den Ärmelkanal von Dover nach Calais. Ausgestattet mit einer Sauerstoffmaske und einem Karbonflügel startete er seinen Flug in einer Höhe von 9.800 Metern und überwand die 36 Kilometer lange Strecke mit einer Geschwindigkeit von bis zu 360 km/h.

Am Ende schien das aber alles nur Vorgeplänkel für eine Aktion, der die ganze Welt beiwohnte: Am 14. Oktober 2012 stieg der Österreicher im Rahmen einer live im TV übertragenen PR-Aktion mit einem Heliumballon in die Stratosphäre auf, sprang dort aus einer Druckkapsel, erreichte eine Geschwindigkeit von 1.357,6 km/h und landete wohlbehalten in der Wüste New Mexicos.

Warum macht der das?

Baumgartner ist wichtig zu betonen, dass es ihm bei seinen waghalsigen Aktionen nicht um den Kick gehe; auch wenn der ein wichtiger Teil des Spiels sei. „Natürlich schüttet der Körper in solchen Situationen reichlich Adrenalin aus – und das ist auch gut so, weil es meine Konzentration und meine Leistungsfähigkeit erhöht. Aber mir geht es nicht um Todesängste. Ich will eine Herausforderung annehmen und erfolgreich bewältigen. Wenn du gewisse Situationen nur aufgrund deiner besonderen Fähigkeiten und Fertigkeiten überstehst, wirst du bewusster und intensiver leben.“

»Ein kalkuliertes Risiko kann ich nur empfehlen. Vielleicht einen Bungee-Sprung, eine Raftingtour oder einen Ride mit dem Mountainbike.«

Felix Baumgartner

Felix Baumgartner entscheidet sich gezielt dafür, ein Risiko auf sich zu nehmen. Nicht etwa, weil er lebensmüde wäre; sondern weil er das Leben aus nächster Nähe erleben möchte.

„Wir gehen heute ja schon ein Risiko ein, wenn wir mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen. Auch die Teilnahme am Straßenverkehr ist riskant. Ein kalkuliertes Risiko kann ich aber nur empfehlen. Vielleicht einen Bungee-Sprung, eine Raftingtour oder einen Ride mit dem Mountainbike. Man kann erleben, wie man in solchen Situationen reagiert und wie man sie übersteht. Das steigert das Selbstvertrauen und überträgt sich positiv auf das ganze Leben.“

Was Felix Baumgartner nicht gefällt: die Tatsache, dass es dem modernen Menschen immer schwerer gemacht werde, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Er sagt: „Wir leben doch in einer zu Tode geregelten Gesellschaft! In Österreich wurde festgelegt, dass Jugendlichen die Nutzung von Solarien untersagt ist. Das ist völlig überzogen, da übernimmt der Staat das Denken. Und die Menschen rebellieren nicht einmal dagegen. Ich bin ein Gegner solcher Reglementierungen. Vor einigen Jahren bin ich von einem Felsen in Alaska gesprungen und habe im Rahmen der Vorbereitungen einen Monat gemeinsam mit einigen einheimischen Inuit verbracht. Wir waren fernab jeglicher Zivilisation. Eines Tages hat ein Vater seine beiden Söhne zurück ins Lager geschickt. Die waren gerade mal zehn und zwölf Jahre alt und sind zwei Tage mit dem Schneeschlitten alleine durch die Wildnis gefahren. Alles, was sie dabei hatten, waren eine Thermoskanne mit Suppe und ein Gewehr, falls ein Eisbär kommt.“

Es sei wichtig, dass Kinder ihre Grenzen kennen lernen. Weil nur der ein selbstbestimmtes Leben führen wird, der gelernt hat, die Konsequenzen seines Tuns auch verlässlich einzuschätzen.

Felix Baumgartner reduziert seine Projekte auf einen einfachen Nenner, der uns verdeutlicht, worauf es in einem selbstbestimmten Leben ankommt. Und dabei spielt es keine Rolle, ob wir aus der Stratosphäre springen oder zum ersten Mal am Stück fünf Kilometer walken: „Manches mag kompliziert erscheinen. Aber du gehst es an – und eines Tages hast du es in die Tat umgesetzt. Das macht einen zufriedenen Menschen aus dir.“

Leben ist – was wir wirklich wollen

Ähnliches erfahren wir vom österreichischen Air Race Piloten und B.A.S.E. Jumper Hannes Arch: „Mein Antrieb ist ein extrem bejahender Zugang zum Leben. Ich möchte mich immer weiterentwickeln. Ich will spüren, wozu ich in der Lage bin. Wenn du dieses Vorhaben Jahr für Jahr vorantreibst, dann landest du irgendwann ganz automatisch bei riskanten Aktivitäten. Aber ich beschäftige mich so intensiv mit dem Risiko, dass ich am Ende kaum noch eines eingehe. Sonst würde ich nicht springen. Ich suche das Risiko, bin aber keinesfalls risikofreudig. Ich reduziere das Risiko so weit wie möglich und lerne dabei, was ich mit meinem Körper und meinem Geist erreichen kann. Kolumbus hat seine Erfüllung in Amerika gefunden. Ein Maler findet seine Erfüllung in der Kunst. Ich finde meine beim B.A.S.E. Jumping oder Air Race.“

Bei bestimmten Manövern während der spektakulären Flugrennen wirken Kräfte auf den Körper, die dem Zehnfachen des eigenen Gewichtes entsprechen. Wie erlebt Hannes diese Belastung?

„Wenn ich den Knüppel scharf ziehe, stellen sich mein Kopf und meine Muskulatur bereits darauf ein. Dann folgt ein Schlag auf den ganzen Körper. Eine untrainierte Person würde dabei augenblicklich ohnmächtig. Du kämpfst dagegen an, mit deiner Rumpfmuskulatur, aber auch mental. Bei diesen Kräften schränkt sich dein Gesichtsfeld ein, die Umgebung wird unscharf. Das Bild kann sogar schwarzweiß werden. Es ist wichtig, eine gewisse Aggressivität mitzubringen. Wenn du in den Flieger steigst, musst du zu hundert Prozent auf Angriff programmiert sein. Nur so kannst du diese Situation ertragen.“

Hannes Arch trainiert gezielt seine mentale Stärke. Mit einem Coach erarbeitet er Bilder, die er abrufen kann, um sich in bestimmte Stimmungen zu versetzen, um auf Nervosität oder Abgeschlagenheit reagieren zu können. „Das ist kein Hokuspokus“, sagt er: „Es sind Hausaufgaben, die du erledigen musst, um zum perfekten Zeitpunkt voll angreifen zu können.“

Die Grundlage für mentale Stärke sei aber nicht die Auswahl emotional relevanter Bilder, sagte mir Hannes, vielmehr müssten wir uns erst einmal darüber im Klaren sein, was uns überhaupt bewegt: „Du musst wissen, wo du zuhause bist. Was dir die Sicherheit gibt, dieses Spiel hier zu rechtfertigen. Du kannst deine Seele nicht überlisten, du musst wirklich bei dir sein. Nur so wirst du zu hundert Prozent hinter dem stehen, was du tust – und keine Fragen mehr stellen.“

Aber wie finde ich heraus, was ich wirklich will?

»Ich habe herausfinden dürfen, was wirklich wichtig für mich ist. Wenn du das getan hast, gibt es keine Alternative mehr.«

Hannes Arch

„Um runterzukommen, muss ich raus in die Natur. Du bewegst deinen Körper, bist alleine und ganz nahe bei dir. Jetzt spürst du, was dich aufwühlt. Du fühlst, was dir wirklich wichtig ist. Wenn das geschehen ist, kannst du wieder ins Leben eintauchen, wo du die ganze Zeit von vorne und von hinten, von links und von rechts herumgestoßen wirst. Dann bist du stark genug, um das Spiel des Lebens auf deine Weise mitzuspielen. Das System verleitet dich, das Leben auf eine bestimmte Weise zu leben. Du gehst in die Schule und studierst, und wenn du einen Anzug anhast, brav die Kohle nach Hause bringst, fünf Kinder und ein Haus hast, vielleicht auch schon die Enkelkinder unterwegs sind, dann ist es das perfekte Leben. So wird es jedenfalls vorgelebt, und so versuchen viele Menschen es auch nachzuleben. Ausbrechen ist unangenehm. Die Leute zeigen mit dem Finger auf dich, sie stellen sich gegen dich. Deshalb musst du mutig sein, du brauchst Vertrauen in dich selbst. Aber das fehlt vielen Menschen. Stattdessen haben sie eine Riesenangst zu versagen. Obwohl sie nach Spielregeln spielen, die sie gar nicht aufgestellt haben. Ich sage mir immer: So lange ich niemandem damit schade, kann ich machen, was ich will. So erlebe ich meine Erfüllung. Und die direkte Rechtfertigung dafür, dass ich das Richtige tue. Was auch immer das ist.“

Natürlich könne man mit 1.000 Leuten über einen Zebrastreifen gehen, ohne nach links oder rechts zu schauen. Das sei ja auch wunderbar komfortabel, sagte mir Hannes. Sein Leben, so wie er es für sich bestimmen möchte, sei das aber nicht.

„Ich habe herausfinden dürfen, was wirklich wichtig für mich ist. Wenn du das getan hast, gibt es keine Alternative mehr. Jedenfalls nicht, wenn du konsequent bist – und ehrlich zu dir selbst.“

Interviews by Axel Rabenstein, published in TOPTIMES 3/2010; SPORTaktiv 6/2014

 


Am 8. September 2016 verunglückte Hannes Arch tödlich bei einem Hubschrauberabsturz auf dem Rückflug von einer Berghütte in der Nähe des Großglockners: Sein Helikopter des Typs Robinson R66 prallte bei schlechter Sicht mit knapp 100 km/h Fluggeschwindigkeit in 2.343 Meter Höhe gegen eine Felswand. Tröstlich ist die Tatsache, wie intensiv und aufrichtig Hannes Arch sein Leben gelebt hat. Das Gespräch mit ihm hat mich tief bewegt und dauerhaft inspiriert. Er war einer der lebendigsten Menschen, denen ich begegnet bin.

 

 

Photos: Samo Vidic, Joerg Mitter, Balasz Gardi, Luke Aikins / Red Bull Content Pool