DER KOLUMBIANER ORLANDO DUQUE IST DER ERFOLGREICHSTE KLIPPENSPRINGER ALLER ZEITEN. IM INTERVIEW SPRICHT DER „DUKE“ ÜBER DIE ANGST VOR DEM SPRUNG AUS 30 METER HÖHE.

 

Orlando, bist du verrückt?

Ein bisschen verrückt mit Sicherheit! Für das Klippenspringen brauchst du verschiedene Fähigkeiten. Aber es gibt diesen einen Moment – in dem du die Entscheidung triffst, abzuspringen. Und in diesem Augenblick ist ein gewisses Maß an Verrücktheit auf jeden Fall hilfreich.

Weil der Kopf einem sonst sagt: Tu’s nicht?

Ganz genau, dein Gehirn teilt dir klar und deutlich mit, dass du nicht springen solltest, weil du dich dabei umbringen könntest. Dein Abwehrsystem löst Alarm aus, weil du dich in Lebensgefahr befindest. Du bist sehr hoch und wirst viel zu tief fallen. Du nimmst das zur Kenntnis, setzt dich aber über diese Warnung hinweg … und tust es einfach.

Hast du trotzdem Angst, wenn du vor einem Sprung in knapp 30 Meter Höhe stehst?

Ja, da ist Angst. Ich weiß nicht, wie es bei anderen Klippenspringern ist, aber ich habe Angst. Schließlich weiß ich, wie knallhart der Aufprall sein wird. Also habe ich Angst, dass ich einen Fehler mache. Dass etwas schief läuft. Aber gleichzeitig bin ich überzeugt davon, gut genug trainiert zu haben und vorbereitet zu sein. Deshalb hindert mich die Angst nicht daran, zu springen. Sie paralysiert mich nicht. Sie schickt mich noch einmal drei Schritte im Kopf zurück. Sie hilft mir dabei, an mein Können zu glauben, mich zu fokussieren und den Sprung schließlich mit höchster Konzentration auszuführen.

»Aus einer Höhe von 28 Meter erreicht der Körper eine Geschwindigkeit von rund 85 km/h.«

Orlando Duque

Was sind die wichtigsten Faktoren, um während der Flugphase jederzeit die Kontrolle zu behalten?

Du musst Muskelspannung aufbauen und während des kompletten Sprunges halten. Entscheidend dabei ist, dass dein Körper unter Spannung steht … dein Kopf aber gleichzeitig so relaxed wie möglich bleibt.

Es geht also um das perfekte Zusammenspiel aus körperlicher Spannung und mentaler Entspannung?

So kann man sich das vorstellen. Die Muskulatur vollführt die Bewegungen der einzelnen Sprungelemente. Der Kopf muss währenddessen hellwach sein, um innerhalb von Sekundenbruchteilen reagieren zu können und Korrekturen einzuleiten – sollte etwas nicht planmäßig verlaufen. Sonst steht dir eine schlechte Landung bevor, die schwerste Folgen haben kann.

Welche Muskelgruppen sind besonders wichtig?

Was dich in der Luft drehen lässt, ist deine Kraft aus dem Rumpf … aus dem Bauch, dem Gesäß, dem Rücken. Wichtig ist außerdem die Beinmuskulatur. Die Kampfrichter wollen einen kräftigen Absprung sehen. Und dann sind die Beine natürlich der Teil des Körpers, der die Wucht des Aufpralls absorbieren muss. Diese Wucht ist gewaltig, aus einer Höhe von 28 Meter erreicht der Körper eine Geschwindigkeit von rund 85 km/h.

Wie sieht dein Trainingsprogramm aus?

Im Krafttraining vor der Saison versuchen wir, meinen Körper so stark wie möglich zu machen – ohne dabei Masse aufzubauen. Je schwerer und größer du bist, desto komplizierter werden die Drehungen. Deshalb arbeiten wir vor allem an der Schnellkraft, versuchen mit hohen Gewichten und wenigen Wiederholungen die Explosivität zu steigern. Außerdem sind es komplexe Koordinationsübungen für den Rumpf, bei denen ich eine Vielzahl an Muskeln gleichzeitig beanspruche, neben den Bauchmuskeln auch die Abduktoren, den unteren Rücken, Teile der Schultern.

 

Was tust du für deinen Kopf?

Ich arbeite viel mit Visualisierungen. Vor der Saison sehe ich meinen Körper von weit außerhalb und beobachte ihn beim Sprung. Je näher die Wettkämpfe kommen, desto näher muss ich bei mir sein. Dann gehe ich in mich und sehe mir dabei zu, wie ich den Sprung von innen heraus durchführe.

Du spielst also zwei Arten von Filmen ab: Orlando von außen – und Orlando von innen?

Richtig. Ich kann alle Elemente eines Sprunges innerhalb von ein oder zwei Sekunden in meinem Kopf ablaufen lassen. Immer wieder. Dabei trainiere ich auch die Geschwindigkeit meines Gehirns. Wenn du es brauchst, musst du dir schließlich sicher sein, dass es auch antwortet. Und zwar schnell.

Was tust du gegen ein Übermaß an Anspannung, wenn du nervös bist?

Hierfür gibt es spezielle Atemübungen. Um den Herzschlag zu reduzieren und vor einem Sprung zur Ruhe zu kommen. So kannst du dich entspannen, obwohl du vielleicht aufgeregt bist.

Hast du in den Sekunden vor dem Sprung eine Art Ritual? Oder zögerst du auch mal?

Ich warte ein wenig, bis ich mich wohlfühle. Die Zeit, die ich mir dafür nehme, kann variieren. Sobald ich nach vorne an die Kante trete, gibt es allerdings kein zurück. Dann springe ich. Es sei denn, es kommt zu einem externen Hinderungsgrund wie einer Windböe.

Plötzlich bist du in der Luft. Was ändert sich in diesem Moment?

Jetzt läuft ein Programm mit allen einstudierten Bewegungen ab. Der Sprung dauert rund drei Sekunden, aber es fühlt sich viel länger an. Das liegt wohl daran, dass das Hirn so schnell arbeitet. Irgendwann siehst du das Wasser, machst dich bereit zum Eintauchen … fertig.

»Ich falle. Und zwar sehr schnell. Es ist ein bisschen wie Motorradfahren ohne Helm.«

Orlando Duque

 

Fliegst du oder fällst du?

Ich falle. Und zwar sehr schnell. Du fühlst die Beschleunigung, du fühlst den Wind im Gesicht, er pfeift in den Ohren. Es ist ein bisschen wie Motorradfahren ohne Helm.

Wie fühlt sich das an, wenn etwas schief geht?

Nicht gut. Mir ist es einige wenige Male passiert, dass ich in der Luft die Orientierung verloren habe. Plötzlich weißt du nicht mehr, wo oben und unten, links oder rechts ist. Du fällst einfach, machst dich so kompakt wie möglich, um den Aufprall irgendwie wegzustecken. Auch eine minimale Überdrehung kann zu einem großen Problem werden, weil du nicht optimal eintauchst, und das Wasser dich wirklich hart trifft.

Was war dein höchster Sprung überhaupt?

Das war im Rahmen des Filmprojektes „9 Dives“ von einer Brücke an der Küste von Amalfi, aus 34 Meter Höhe ins Mittelmeer. Das sind Sprünge, bei denen nichts schiefgehen sollte.

Der Weltrekord liegt bei 54 Meter. Könnte das noch eines deiner Ziele sein?

Für solche Aktionen brauchst du die perfekte Kontrolle. Sonst wird es gefährlich. Für mich wäre es notwendig, kräftiger zu werden und mehr Muskulatur aufzubauen. Ich könnte mir schon vorstellen, noch einige höhere Sprünge in Angriff zu nehmen. Momentan konzentriere ich mich allerdings voll und ganz auf meine Wettkämpfe. Das Klippenspringen ist meine Leidenschaft. Diesen Sport als meinen Beruf ausüben zu können, ist ein großes Glück und erfüllt mich mit tiefer Zufriedenheit.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 4/2015

 

ORLANDO DUQUE WURDE AM 11. SEPTEMBER 1974 IN CALI (KOLUMBIEN) GEBOREN. IM ALTER VON ZEHN JAHREN BEGANN ER MIT DEM KUNST- UND TURMSPRINGEN. 1992 QUALIFIZIERTE ER SICH FÜR DIE OLYMPISCHEN SPIELE IN BARCELONA, MUSSTE AUFGRUND FEHLENDER FINANZIELLER MITTEL SEINES VERBANDES ALLERDINGS AUF DIE TEILNAHME VERZICHTEN. NACH EINEM ENGAGEMENT ALS STUNTMAN IN EINEM SAFARI-PARK WANDTE ER SICH DEM KLIPPENSPRINGEN ZU. BIS HEUTE GEWANN ER 11 MAL DEN WM-TITEL. IN DEN JAHREN 2013 UND 2014 HOLTE ER ZUDEM GOLD BEIM FINA-KLIPPENSPRINGEN IM RAHMEN DER SCHWIMM-WELTMEISTERSCHAFTEN.

 

Photos: Dean Treml, Romina Amato / Red Bull Content Pool