AUF DEM RAD IST KAUM EIN TRIATHLET SCHNELLER ALS ER: WAS DARAUF HINAUSLÄUFT, DASS MICHI WEISS GEGEN ENDE EINES IRONMAN IMMER WIEDER „UM SEIN LEBEN“ RENNT.

 

Michi, du bist viel unterwegs dort draußen in der Natur. Was bedeutet Natur für dich?

Natur ist für mich Ruhe. Ganz alleine sein zu können. Weg vom Alltagsstress. In der Natur werden mir Dinge bewusst, weil ich Zeit zum Nachdenken habe.

Worüber denkst du nach?

Mich beschäftigt die Schnelllebigkeit. Ich bin einer von denen, die sich gerne ablenken lassen. Von technischen Geräten, von all diesen neuen Medien. Dazu kommt das ständige Herumfliegen, einchecken und wieder auschecken. Ich bin so viel unterwegs und lasse mich dann auch schnell von meiner Umwelt stressen. Deshalb ist die Entschleunigung ein ganz wichtiges Stichwort für mich.

»Ich bin froh, dass ich kein Schwimmer bin.«

Michi Weiss

Du nimmst also sportliches Tempo auf, um Ruhe zu finden?

So ungefähr. Der Sport ist ein wichtiger Gegenpol für mich. Ich bin froh, wenn ich in der Natur bin und nicht vor dem Computer hängen muss. Das ist ein großes Glück. Deshalb suche ich auch nach Trainingsbedingungen, unter denen ich absolute Ruhe finde. Ich war mal auf dem österreichischen Olympiastützpunkt schwimmen. Da hat so eine Hektik geherrscht, das hat mich beinahe verstört. In so einem Becken fühle ich mich einfach nicht wohl. Dort fehlt mir der Bezug zur Natur. Ich bin froh, dass ich kein Schwimmer bin.

Aber beim Triathlon musst du schwimmen …

Wenigstens schwimme ich da im Freien. Aber ich bin im Wasser immer am Kämpfen. Das ist Stress und macht mir keinen Spaß. Ich denke dann ans Radfahren.

Du denkst beim Schwimmen ans Radfahren?

Ja. Ich freue mich darauf, aufs Rad zu steigen und stelle mir das schon im Wasser genau vor. Das gibt mir Auftrieb. Vor allem, weil ich nach dem Schwimmen meistens relativ weit hinten aus dem Wasser komme und dann auf dem Rad permanent Leute überhole. So habe ich immer ein Ziel vor Augen. Einer nach dem anderen taucht auf der Radstrecke wieder vor mir auf.

 

Beim Laufen sitzen dir die anderen dann im Genick. Schon wieder Stress?

Absolut. Ich habe beim Laufen in erster Linie Angst, eingeholt zu werden. Manchmal kommt es mir fast schon so vor, als würde ich um mein Leben rennen. Ich bin vollkommen high von einer Mischung aus Adrenalin und Endorphinen. Stressig. Aber gleichzeitig ein geniales Gefühl.

Die Angst vor einer Niederlage treibt dich an. Das ist echter Siegeswille. Wie wichtig ist der psychologische Faktor?

Grundlegend. Geist und Körper können nur gemeinsam funktionieren. Deshalb setze ich mir nicht nur langfristige, sondern auch kurzfristige Ziele. Solche Ziele dürfen aber nicht belasten. Geistige Lockerheit ist genauso wichtig wie muskuläre Anspannung. Früher war ich viel zu verkrampft, habe mir Gedanken über mögliche Pannen oder die Konkurrenten gemacht und mich viel zu wenig auf meine Performance konzentriert. Du musst Freude daran haben. Heute drücke ich am Start auf einen imaginären Reset-Knopf. Ich sehe jeden Wettkampf als Neugeburt. Von da an gibt es nur noch die Zukunft.

»Ich kenne keinen extremeren Triathlon.«

Michi Weiss

 

In der Vergangenheit warst du viel auf dem Mountainbike unterwegs, hast in Colorado gelebt. Fehlt dir das heute?

Alles zu seiner Zeit! Aber klar, drüben in Colorado war ich immer wieder stundenlang beim Freeriden. Das war schon fantastisch. So ein weites Land, kaum Zivilisation, das ist Natur pur! Da kann es auch mal vorkommen, dass du einen Berglöwen siehst und gleich nochmal ein bisschen fester in die Pedale trittst.

Trotz aller Liebe hast du vom Mountainbiken in den Triathlon gewechselt, bist Weltmeister im X-Terra geworden. Woher wusstest du, dass du das Richtige tust?

Keine Ahnung, ich habe einfach etwas Neues gebraucht. Für den Kopf und für den Körper. X-Terra ist eine wunderbare Disziplin. Es nehmen viele Freizeitsportler teil, das ist echter Spirit. Außerdem sind es grandiose Wettkämpfe Bei der WM auf Maui fährst du im Nationalpark am Fuße eines Vulkans. Und ein Teil der Laufstrecke führt über einen Sandstrand. Das ist zwar ziemlich anstrengend, aber du spürst die Natur mit jedem Schritt.

Hawaii ist dein Sehnsuchtsort geblieben, inzwischen bist du hier allerdings auf der Triathlon-Langdistanz unterwegs. Was macht die Magie der Ironman WM in Kona aus?

Die Magie dieses legendären Wettkampfes liegt in der Energie der Insel. Ich kenne keinen extremeren Triathlon. Das Schwimmen im Meer mit seinen Strömungen und Wellen, das Radfahren auf einer windigen Strecke, der Lauf über Lavafelder: Du spürst die Elemente hautnah. Sie lassen dich mit Demut ins Rennen gehen. Sie kosten dich extrem viel Kraft, schenken dir aber gleichzeitig eine ganz besondere Stärke.

Es bleibt aber dabei, dass du dich an Land wohler als im Wasser fühlst?

Definitiv. Mein liebstes Element ist die Erde.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 2/2009 + Sportmagazin 9/2018

 

MICHAEL („MICHI“) WEISS WURDE AM 17. JANUAR 1981 IN WIEN GEBOREN. 2003 WURDE ER U23-MTB-EUROPAMEISTER IM CROSS COUNTRY. NACH DER OLYMPIATEILNAHME IN ATHEN (2004) WECHSELTE ER ZUM CROSS-TRIATHLON, WURDE VIZE-WELTMEISTER (2008) UND WELTMEISTER (2011). INZWISCHEN ZÄHLT MICHI ZUR WELT-ELITE DER LANGDISTANZ-TRIATHLETEN. ER GEWANN BIS HEUTE 8 IRONMAN-RENNEN, DARUNTER DIE SÜDAMERIKA-MEISTERSCHAFT (2018). EBENSO 2018 KAM ER ERSTMALS UNTER DIE TOP10 BEI DER IRONMAN WM, WO ER MIT 4:11:28 H DIE ZWEITSCHNELLSTE JEMALS IN HAWAII GEFAHRENE RADZEIT AUF DEN ASPHALT LEGTE.

WWW.MICHAELWEISS.CC

 

Photos: Michael Weiss