MARCEL HIRSCHER IST EINER JENER SPORTLER, DIE MAN ALS JAHRHUNDERT-ATHLET BEZEICHNEN KANN. UM SO ERFOLGREICH ZU WERDEN, MUSS NATÜRLICH VIEL ZUSAMMENKOMMEN. VOR ALLEM ABER BENÖTIGT MAN EINS: DEN GNADENLOSEN WILLEN, DER BESTE ALLER ZEITEN ZU WERDEN.

 

Als ich im Dezember 2013 ein Interview mit Marcel Hirscher führte, war er zweifacher Sieger des Gesamt-Weltcups und zweifacher Weltmeister. Inzwischen hat er seine Karriere beendet, nachdem er acht Jahre in Folge den Gesamt-Weltcup gewann, zweimal olympisches Gold holte und siebenmal Weltmeister wurde. Wie kann ein Skifahrer über einen so langen Zeitraum derart überlegen sein?

Bei Hirscher ist zweifellos eine Menge begünstigender Faktoren zusammengekommen, die seine Entwicklung gefördert und ihn zum überragenden Skifahrer seiner Zeit gemacht haben.

Auf einer Alm bei Annaberg im Salzburger Land aufgewachsen, verbrachte der junge Marcel viel Zeit im Freien, ritt auf dem Rücken seines Lieblingskalbs und balancierte stundenlang auf einem vom Vater gespannten Stahlseil.

„Einige Sportwissenschaftler sind der Ansicht, das habe meinen Gleichgewichtssinn besonders geschult“, sagte mir Marcel Hirscher. „Hinzu kommt, dass ich kaum einen Schritt auf ebenem Terrain gemacht habe. Ich bin auf Berghängen groß geworden und habe dabei ein spezielles Körpergefühl entwickelt. Das hilft mir heute sehr.“

»Man braucht den Willen, es bis ganz nach oben zu schaffen.«

Marcel Hirscher

Aus einer Extraportion Balance wird aber noch kein Jahrhundert-Skiläufer. Was ist noch von Bedeutung?

„Man braucht eine schnellkräftige Muskulatur. Die kann bis zu einem gewissen Grad antrainiert werden, aber die Grundausstattung sollte vorhanden sein. Man braucht koordinative Fähigkeiten. Und dann natürlich den Willen, es bis ganz nach oben zu schaffen.“

Hier kommen wir zum entscheidenden Punkt: Es ist der Wille, der den Unterschied macht. Der Wille, besser zu werden. Sich seinen Traum zu erfüllen. Großes zu erreichen. Was auch immer das Motiv ist, nur mit voller Willenskraft geht es bis ganz nach oben. Klingt lapidar. Erscheint aber in einem anderen Kontext, wenn man bedenkt, dass ein angehender Jungprofi am Freitagabend schön brav ins Bett geht, während seine Kameraden gerade in die Partynacht starten.

Um auf so hohem Niveau so erfolgreich zu sein, müsse man eben „ein paar Jahre lang den Preis zahlen“, sagt Hirscher. Die vielen Fahrten ins Training und zu den Rennen störten ihn durchaus, man verbringe sehr viel Zeit im Auto.

Außerdem betreibe man einen immens hohen logistischen Aufwand, regelmäßig seien zehn Paar Ski auf den Berg zu schleppen, was übrigens ein Punkt sei, der in der Öffentlichkeit nicht immer korrekt wahrgenommen werde, wie Marcel meinte: „Das sind keine Ersatzski, sondern andere Ski. Die Kanten sind in unterschiedlichen Graden präpariert. Auf jede Schneebeschaffenheit, auf jede Lufttemperatur müssen wir die perfekte Antwort finden. Bei der Balance des Setups geht es um Zehntelmillimeter, Rennen werden durch Bruchteile einer Sekunde entschieden. Deshalb ist der Servicemann auch so wichtig für den Erfolg des Fahrers.“

»Ich darf einfädeln. Ich darf einen Fehler machen. Das ist doch nur menschlich.«

Marcel Hirscher

Es ist kein Geheimnis, dass sich Hirschers Betreuer so manche Nacht um die Ohren schlagen durften, weil der Rekordweltmeister noch Potenzial am Setup seines Materials sah.

Und dann? Wenn alles getan ist? Steht der Topfavorit voll austrainiert, perfekt eingestellt und einmal mehr auf Sieg programmiert am Start.

Besteht da nicht die Gefahr, vor lauter Wollen zu verkrampfen und die nötige Lockerheit zu verlieren?

„Es gibt natürlich Situationen mit einer extrem hohen Belastung. Wichtig ist, sich immer vor Augen zu führen: Ich darf einfädeln. Ich darf einen Fehler machen. Das ist doch nur menschlich. Diese Einstellung ist extrem wichtig, nur so kann ich den Druck von mir nehmen. Ich komme an einen Punkt, an dem ich mir die Frage stelle, was ich jetzt machen soll. Wenn ich schneller fahre, als ich es kontrollieren kann, liege ich draußen. Wenn ich nicht mein Maximum raushole, bin ich zu langsam. Also versuche ich, mit meinem Können eine gute Platzierung zu erreichen. Wenn es dann nicht für den Sieg reicht, weil ein anderer schneller war, dann kann ich das akzeptieren.“

Er konnte das akzeptieren. Musste er aber nicht allzu häufig. Meistens pushte sich Marcel Hirscher mit seiner Willenskraft zum nächsten Sieg, hatte wieder am meisten trainiert, wieder am aufmerksamsten die Strecke besichtigt, wärmte sich wieder am intensivsten vor dem zweiten Durchgang auf, kam wieder am besten mit den Bedingungen klar, zeigte wieder die meiste Präzision in seinen Schwüngen.

 

Das Geheimnis des Erfolgs? Es unbedingt zu wollen. Über sich selbst sagt Hirscher in einer ihm gewidmeten Spezialausgabe des Magazins Red Bulletin: „Ich habe immer für alles gekämpft in meinem Leben. Ich war nie der Größte, nie der Stärkste, nie der Schlauste, nie der Sportlichste. Es ist mein Ehrgeiz, der mich erfolgreich gemacht hat.“

 

MARCEL HIRSCHER WURDE AM 2. MÄRZ 1989 IN HALLEIN (ÖSTERREICH) GEBOREN. ER ENTSCHIED ALS ERSTER SKIRENNLÄUFER DEN GESAMTWELTCUP ACHTMAL IN FOLGE FÜR SICH. IN PYEONGCHANG 2018 WURDE ER DOPPEL-OLYMPIASIEGER, ZUDEM GEWANN HIRSCHER IM LAUFE SEINER KARRIERE SIEBEN WM-TITEL UND HOLTE 67 EINZEL-WELTCUPSIEGE.

@MARCEL_HIRSCHER

 

Photos: Markus Berger / Wings for Life World Run; GEPA Pictures, Sebastian Marko, Philip Platzer, Erich Spiess / Red Bull Content Pool