JAROSLAV KULHAVÝ IST EINER DER ERFOLGREICHSTEN MOUNTAINBIKER UNSERER ZEIT: NACH EINEM RENNEN WIE DEM CAPE EPIC MUSS ABER AUCH ER MAL DIE BEINE HOCHLEGEN.

 

Jaroslav, nach deinem Sieg beim Cape Epic liegen acht Tage Rennen über 739 Kilometer mit mehr als 16.000 Höhenmeter hinter dir. Schwere Beine?

Heute morgen war ich eine Stunde auf der Rolle. Die Beine sind ganz okay. Aber ich bin schon ziemlich platt. Bei so einer Dauerbelastung rebelliert irgendwann der Körper.

Wie äußert sich das?

Du spürst, dass dein Körper im Stress ist. Acht Tage lang bin ich jeden Tag um fünf Uhr morgens aufgestanden. Zu dieser Zeit habe ich einfach keinen Hunger – muss aber unbedingt essen. Tagsüber versorge ich mich mit Riegeln und Gels. Das sind wichtige Kohlenhydrate. Aber auf Dauer schlägt das schon auf den Magen.

Und die Muskulatur? Wie steckt die so ein Rennen weg?

Die ersten drei Tage sind kein Problem. Dann möchte der Körper irgendwann pausieren, muss aber weiterhin arbeiten. Jeden Tag vier bis fünf Stunden. Umso wichtiger ist eine effiziente Erholung.

Wie sieht die bei dir aus? Was geschieht nach der Etappe?

Jeden Tag genau das gleiche. Zieleinlauf und Siegerehrung, dann zur Dopingkontrolle und Pressekonferenz. Anschließend werde ich im Teamwagen massiert. An heißen Tagen steigen wir auch mal in eine Eistonne, die wirkt Wunder. Danach geht es zum Mittagessen. Dann ausruhen. Und Abendessen.

Was gibt’s abends?

Kohlenhydrate. Pasta, Reis oder Kartoffeln. Davon lieber zu viel als zu wenig.

Und dann?

Schlafen.

Bis um fünf wieder der Wecker klingelt und das Frühstück wartet.

Ohja … das Frühstück. Wie gesagt, ich kriege kaum was runter. Ich versuche es mit Haferbrei, etwas Nutella oder Honig, einer Banane. Jeden Tag dasselbe Spielchen.

»Ein Nickerchen nach dem Training ist sehr zu empfehlen.«

Jaroslav Kulhavý

Gibt es bei einem Acht-Tage-Rennen auch mal Abwechslung bei den Erholungsmaßnahmen?

Am vierten oder fünften Tag hat sich ein Chiropraktiker um meinen Rücken gekümmert, der auf Dauer stark beansprucht wird. Das hat gut getan, am nächsten Tag konnte ich wieder viel lockerer an den Start gehen.

Auch Hobby-Radler absolvieren hin und wieder längere Touren. Was rätst du Sportlern, die kein Team an Masseuren und Betreuern an der Seite haben?

Wichtig ist das Zusammenspiel der Erholungsmaßnahmen. Gleich nach der Anstrengung Kohlenhydrate auffüllen und Proteine für die Muskulatur bereitstellen. Immer genug trinken. Stretching nicht vergessen. Und natürlich ausreichend schlafen.

Nach einer mehrtägigen Anstrengung sollte auch eine längere Erholung einsetzen. Unterschätzen das viele Amateure?

Ich denke schon. Natürlich ist es wichtig, im Training neue Reize zu setzen und immer wieder ans Limit und auch darüber hinaus zu gehen. Aber nur während ausreichender Erholung kann sich der Körper den Anforderungen anpassen und seine Leistungsfähigkeit wirklich erhöhen. Das darf man nicht vergessen. Je härter das Training, desto intensiver muss die direkte Erholung sein. Als Faustregel gelten 50 Prozent Training gegenüber 50 Prozent Erholung.

Wie sieht deine Erholung in der kommenden Woche aus?

Ich fliege zurück nach Tschechien und habe einige entspannte Tage. Ich gehe Schwimmen, auch mal in die Sauna oder in den Whirlpool. Dazu kommen Massagen und leichte Dehnübungen. Und schlafen natürlich, mindestens zehn Stunden am Tag. Ein Nickerchen nach dem Training ist auch sehr zu empfehlen.

Verwendest du Kompressionskleidung?

Für die ersten ein oder zwei Stunden nach dem Training trage ich gerne Kompressionssocken oder Bandagen. Das tut auf jeden Fall gut.

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Nachdem du tagelang alles gegeben hast, steht schon die nächste Herausforderung an. Wie schaffst du es, nicht nur körperlich – sondern auch mental immer wieder leistungsbereit zu sein?

Während des Rennens bin ich vollkommen konzentriert. Ich denke nur an Taktik, an den nächsten Tag. Aber einige Wochen im Jahr muss man in der Tat mal loslassen und sich von der eigenen Selbstdisziplin erholen. Abschalten und den Kopf frei kriegen. Ich gehe dann schon mal mit Freunden aus, trinke ein paar Bier, mache mir keine Gedanken über den nächsten Tag. Aber das geht natürlich nur außerhalb der Saison, nicht eine Woche vor einem Weltcuprennen. Du kannst nicht immer nur dein Bestes geben. Du musst hin und wieder deinen mentalen Akku mit Spaß am normalen Leben aufladen. Auch das ist Teil der Erholung.

 

Mit 18 Jahren wurdest du Junioren-Weltmeister im Cross Country, zwölf Jahre später bist du mehrfacher Europameister, Weltmeister und Olympiasieger. Hast du trotz deiner Erfolge nicht langsam die Nase voll von Trainingsehrgeiz und Disziplin?

Klar … an manchen Tagen sitze ich bei miesem Wetter für fünf Stunden im Sattel. Da kommen einem schon mal die Gedanken, dass man es auch bequemer haben könnte. Aber dann trete ich in die Pedale, spüre meine Fitness, genieße die Tatsache, dass ich dort draußen bin. Und im gleichen Augenblick bin ich mir sicher, dass ich es genauso haben und nichts daran ändern möchte.

Gibt es einen Schlüssel, um ein Jahrzehnt ohne Pause so fokussiert zu bleiben?

Generell ist es mit Sicherheit eine Charakterfrage, so wie in jedem Job. Schließlich gibt es auch Leute, die jahrelang alle Energie in ihre Karriere, in ihre Firma stecken. Und bei mir ist es eben die Liebe zum Fahrradfahren, die zu meinem Lebensinhalt geworden ist.

Gibt es bestimmte Trails, die du gerne mal ohne professionellen Hintergrund fahren würdest? Befreit von jeglichem Trainingsdruck?

Klar, da sind so einige. Die Zeiten, in denen ich nur zum Spaß unterwegs war, sind lange vorbei. Generell versuche ich aber auch während eines harten Trainings, die Umgebung aktiv wahrzunehmen und die Natur zu genießen. Ich liebe die Region rund um den Gardasee. Die Landschaft ist traumhaft, die Trails sind großartig – dort habe ich immer wieder wundervolle Momente. Außerdem esse ich gerne italienisch. Das lässt sich perfekt mit dem Training kombinieren.

Dein Partner Christoph Sauser hat nach dem Cape Epic das Ende seiner Karriere verkündet. Wenn das hier dein letztes Rennen gewesen wäre. Was würdest du morgen machen?

Erst einmal würde ich eine große Party feiern. Dann für ein paar Tage zu meiner Familie fahren. Und mir in Ruhe überlegen, wie es weitergeht. Aber ganz ehrlich: Das ist weit weg. Ich habe in diesem Sport noch eine ganze Menge vor …

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 2/2015

 

JAROSLAV KULHAVÝ WURDE AM 8. JANUAR 1985 IN ÚSTÍ NAD ORLICÍ (TSCHECHIEN) GEBOREN. 2010 UND 2011 WURDE ER ZWEIMAL EUROPAMEISTER SOWIE EINMAL WELTMEISTER IM CROSS COUNTRY. IM FOLGENDEN JAHR GEWANN ER GOLD BEI DEN OLYMPISCHEN SPIELEN IN LONDON, 2013 SIEGTE ER BEIM CAPE EPIC IN SÜDAFRIKA. IM JAHR 2014 FOLGTE DER GEWINN DER MARATHON-WELTMEISTERSCHAFT. IM MÄRZ 2015 WIEDERHOLTE DER TSCHECHE IM TEAM MIT DEM SCHWEIZER CHRISTOPH SAUSER SEINEN TRIUMPH BEIM CAPE EPIC, 2018 SIEGTE ER HIER (MIT HOWARD GROTTS) ZUM DRITTEN MAL.

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