ZWEI JAHRZEHNTE LANG ZÄHLTE IVICA KOSTELIĆ ZU DEN ERFOLGREICHSTEN FAHRERN IM SKIWELTCUP. HEUTE IST ER ALS COACH UND SEGLER AKTIV. IM INTERVIEW ERZÄHLT ER VOM KAMPFGEIST DES ATHLETEN, VOM ADRENALIN IM STURM – UND VON DEN VERSCHIEDENEN WELTEN, DIE WIR ALS SPORTLER BEREISEN KÖNNEN.

 

Ivica, nach 20 Jahren im Skiweltcup hast du 2017 deine Karriere beendet. Was kommt dir in den Sinn, wenn du zurückblickst?

Ich sehe harte Arbeit. Und den konstanten Kampf, Tag für Tag besser zu werden. Das ist mein erstes Gefühl, wenn ich an mein Leben als Skirennfahrer denke.

Fühlst du dich seit dem Ende deiner Karriere befreit?

Einerseits schon. Ich kann meine Energie in neue Projekte fließen lassen, und ich hatte schon immer genug Ideen, was ich tun möchte. Aber ich werde auch nostalgisch, wenn ich zurückdenke. Die Erinnerungen sind besonders, es waren viele intensive Momente.

Was fehlt dir?

Ich vermisse die Hingabe. Als Profi lebst du für ein klares Ziel, dem du alles unterordnest. Das macht das Leben extrem strukturiert und auf bestimmte Weise einfach.

Empfindest du dein heutiges Leben als komplizierter?

Ja, denn ich muss viel mehr Entscheidungen treffen, was ich tue oder auch nicht. Es geht um banale Dinge. Einkaufengehen, ein Konto eröffnen, den Müll rausbringen. Manchmal sitze ich auf dem Boden, spiele mit den Kindern … und plötzlich denke ich an extreme Situationen, habe Bilder vom Hahnenkammrennen vor Augen. Beides ist schön. Aber es fühlt sich so unterschiedlich an. Ich spüre deutlich, dass ich den Skirennsport noch im Blut habe. Das kannst du nicht einfach ablegen.

»Um erfolgreich zu sein, musst du zum Kämpfer werden.«

Ivica Kostelić

Du bist als Trainer im Weltcup unterwegs. Vereinfacht das die Entwöhnung?

Oh Mann, keine Ahnung! Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Es ist einfach cool, die eigene Erfahrung weitergeben zu können. Ich muss wie ein Rennfahrer denken, also ist wenigstens die Software am Start. Aber meiner Hardware bleibt am Ende doch nur das Zusehen.

Du coacht Filip Zubčić. Wie genau kannst du ihm helfen?

Wir besichtigen die Strecke, und ich teile ihm mit, was ich denke. Im Skiweltcup werden die Rennen zwar immer wieder neu gesteckt. Aber die Pisten bleiben die gleichen. Es gibt Stellen, an denen man Zeit verlieren oder gutmachen kann. Und auf manchen Hängen gibt es auch den ein oder anderen Geheimtipp, wo sich ein Rennen entscheiden lässt.

Was kannst du jungen Athleten darüber hinaus mitgeben?

Was ich von einem Skirennfahrer erwarte, ist, dass er in jeder Situation 100 Prozent gibt. Egal, wie er sich fühlt. Unabhängig von seinem Umfeld. Und das ist kein bloßes Wollen. Es ist eine Grundsatzentscheidung. Um erfolgreich zu sein, musst du zum Kämpfer werden. Selbst wenn du nicht in bester physischer Verfassung bist, kannst du mit der richtigen Mentalität viel erreichen. Gewinnen ist eine komplexe Angelegenheit. Um ganz oben zu stehen, muss viel zusammenkommen. Der mentale Faktor ist dabei der wichtigste. Er betrifft alles, was du tust.

 

 

Kann ich meinen Kampfgeist trainieren?

Das ist der entscheidende Punkt: Du kannst nicht zu einem Rennen anreisen und einfach mal alles geben. So läuft das nicht. Das ist kein Hebel, den du umlegen kannst. Das Training ist dazu da, zu jedem Zeitpunkt voll anzugreifen. Nur dann kannst du diesen Kampfgeist im Rennen abrufen. Das ist auch der Grund, warum wir bei jedem Schnee und jedem Wetter trainieren. Wir wollen härter werden. Und das nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf.

Ist Sport gleichermaßen mentale wie körperliche Aktivität?

Wir leben ja generell in zwei Welten. Es gibt die Welt dort draußen, die alle Menschen miteinander teilen. Und es gibt die Welt in uns. Wenn du ferne Länder bereist, dann prägt das deine Persönlichkeit. Weil du andere Kulturen kennenlernst und neue Zusammenhänge begreifst. Wenn du Sport treibst, begibst du dich ebenso auf eine Reise. Du bist körperlich aktiv. Gleichzeitig entdeckst du neue Orte in dir selbst. Du findest Grenzen, testest sie aus und lernst, sie zu verschieben. So gewinnst du das Selbstvertrauen, auch in anderen Bereichen deines Lebens an Grenzen zu stoßen, ohne Angst vor ihnen zu haben.

Macht uns der Sport zu besseren Menschen?

Davon bin ich überzeugt. Der Inhaber eines esoterischen Buchladens drückte meinem Vater mal ein Buch in die Hand und sagte ihm, dieses Buch werde ihm den Geist öffnen. Mein Vater antwortete, er habe bereits das perfekte Rezept, seinen Geist zu öffnen: Er laufe eine Stunde. Und wenn er danach noch immer ein Problem habe, dann laufe er noch eine Stunde. Wer Sport treibt, nimmt sich Zeit für sich selbst. Es ist die einfachste Möglichkeit, mentale Blockaden zu lösen. Ich denke, das ist auch der Punkt, der alle Menschen, die gerne Sport treiben, verbindet. Nach dem Sport fühlt sich jeder besser. Wirklich jeder.

 

 

Als wir vor zehn Jahren ein Interview führten, sagtest du, dass du dich danach sehnst, im Winter das Meer zu erleben. Jetzt hast du endlich die Zeit dazu: Wie ist das Meer im Winter?

Verdammt kalt! Die feuchte Kälte am Meer ist wirklich unangenehm, und wenn die Temperaturen unter null sinken, wird’s sogar schrecklich. Aber ich genieße es trotzdem, weil es mich an meine Grenzen bringt.

Du bist derzeit viel am Segeln. Was zieht dich aufs Wasser?

Mit Ende meiner Karriere habe ich mir das nächste Ziel gesetzt: eine „Class40“-Regatta zu bestreiten. Das sind 40 Fuß lange Boote für Regatten auf dem Meer. Segeln hat mich immer fasziniert. Weil es nicht nur ein Wettkampf ist, sondern gleichzeitig ein Abenteuer. Wasser ist die größte Kraft auf diesem Planeten, in diesem Element bewegst dich mit Hilfe des Windes. Das hat etwas Magisches. Mehrere Tage auf dem offenen Meer zu segeln, ist bereits eine Herausforderung. Wenn du aber in einem Sturm unter schwierigsten Bedingungen auch noch schnell sein möchtest, dann ist das eine unglaublich intensive Erfahrung.

Endlich wieder das Adrenalin aus dem Skirennsport?

So ähnlich. Ich bin zweifellos auf der Suche nach Adrenalin. Nach einer Abfahrt kommst du aber schnell wieder runter. Der Adrenalinkick in einem Sturm kann tagelang anhalten.

Was ist so schön daran?

Objektiv betrachtet, bist du in Gefahr. Aber du agierst rational, genießt es sogar, weil du dich an die Bedingungen gewöhnt hast. Sich in einer extremen Situation komfortabel zu fühlen, hat etwas Erhabenes. Ich segle auch, weil ich Angst haben und diese überwinden möchte.

 

 

Es gibt Pläne für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Paris 2024. Stimmt das?

Ja, das wäre im „Mixed Offshore“ möglich, einem mehrtägigen Hochseerennen. Noch ist aber nicht entschieden, ob das IOC die Disziplin ins Programm aufnehmen wird.

Und wenn das nicht klappt?

Kein Problem, ich habe genug Pläne. Mein Boot liegt in der Normandie. Im November gehe ich bei der Regatta „Jacques Vabre“ an den Start, mein erstes Transatlantikrennen, wir segeln von Le Havre über die Kapverden in die Karibik. Mein langfristiges Ziel ist die „Route du Rhum“ von Frankreich nach Guadeloupe, die größte Regatta für Solo-Segler über den Atlantik.

Um eines Tages bei der legendären Vendée Globe zu starten?

Das hat wohl jeder Solo-Segler irgendwo im Hinterkopf. Aber es ist weit entfernt. Noch dazu sehr teuer. Nennen wir es einen heimlichen Traum. Es muss aber nicht diese Regatta sein. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, an seine Grenzen zu gehen und dabei Neues zu entdecken.

 

IVICA KOSTELIĆ WURDE AM 23. NOVEMBER 1979 IN ZAGREB (KROATIEN) GEBOREN. 2003 WURDE ER SLALOM-WELTMEISTER IN ST. MORITZ, IN DEN FOLGENDEN JAHREN ETABLIERTE ER SICH ALS EINER DER VIELSEITIGSTEN SKIRENNLÄUFER ALLER ZEITEN. ER SIEGTE IN ALLEN DISZIPLINEN, STAND 60-MAL AUF EINEM WELTCUP-PODIUM, GEWANN 2011 ÜBERLEGEN DEN GESAMTWELTCUP UND HOLTE BEI DREI OLYMPISCHEN SPIELEN 4x SILBER.

@IVICAKOSTELIC

 

Photos: Ivica Kostelić