ER ZÄHLT ZUR WELT-ELITE DER ULTRALÄUFER. UND ZEIGT MIT SEINER STILPRÄGENDEN ERSCHEINUNG, DASS LAUFEN DEUTLICH COOLER IST ALS VIELE VIELLEICHT DENKEN.

 

Florian, es ist ziemlich kalt, kein optimales Laufwetter. Warst du trotzdem schon unterwegs?

Nein … noch nicht. An solchen Tagen lasse ich mich nicht hetzen. Aber die Lust aufs Laufen wird später schon noch kommen!

Du lässt dich also auch von Frost nicht aufhalten?

Bis minus 5 Grad gehe ich raus. Wenn es kälter ist, weiche ich schon mal aufs Laufband im Fitness-Studio aus.

Und was steht heute auf dem Programm?

Irgendwas zwischen 15 und 20 Kilometer entspannter Dauerlauf. Gestern Abend war ich für eine schnellere Einheit in der Halle, deshalb habe ich Muskelkater und will nur locker traben.

Welchen Schnitt bedeutet „locker traben“ für dich?

Schön entspannt sind 4:20 Minuten pro Kilometer. Das normale Dauerlauftempo für längere Strecken liegt bei 4:00 Minuten. Kurze Dauerläufe mache ich mit 3:45 Minuten pro Kilometer.

Es heißt, du trainierst kaum nach Plan. Stimmt das?

Mein nächstes Highlight ist der „Wings for Life Run“ im Mai. Bis dahin stehen einige längere Einheiten auf dem Zettel. Aber wenn ich keine Lust habe, lasse ich auch mal was ausfallen. Manchmal merke ich erst vor der Haustür wie kalt es ist. Dann lege ich mich in voller Montur ins Bett und penne nochmal weiter. Es kann aber auch sein, dass ich 20 Kilometer laufen will und dann erst nach einem Marathon nach Hause komme.

Weil’s einfach läuft?

Genau. Ich bleibe immer im Flow.

Wie sieht’s mit der Ernährung aus?

Natürlich esse ich gesunde Sachen wie Gemüse. Aber ich mag auch Pizza oder brate mir abends ein paar Schweinenackensteaks und trinke ein Bier dazu.

»Laufen ist die natürlichste Sportart überhaupt. Jeder läuft. Deshalb hat dieser Sport viel mehr Style verdient.«

Flo Neuschwander

Könntest du schneller und erfolgreicher sein, wenn du strikter trainieren würdest?

Müsste ich einen Plan durchziehen, würde mir mit Sicherheit die Lust am täglichen Laufen vergehen. Ich will Spaß haben. Und wenn ich eine harte Einheit geplant habe, mich aber nicht danach fühle … naja, dann lass ich es eben sein.

Du hast mal gesagt, du würdest gerne mit einem VW Bus um die Welt fahren, um die Menschen für das Laufen zu begeistern. Warum möchtest du das tun?

Laufen ist die natürlichste Sportart überhaupt. Jeder läuft. Für mich ist Laufen eine wundervolle Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Ich mache immer wieder über Facebook oder Instragram öffentliche Treffpunkte aus. Dann kommt eine Gruppe wildfremder Läufer zusammen, die allesamt die gleiche Begeisterung teilen. Das ist großartig! Und ich laufe dann auch gerne mal einen 6er Schnitt.

Bist du auf so einer Art Mission, den Ruf des Ausdauersports zu verändern und für etwas mehr Lässigkeit unter den Läufern zu sorgen?

Kann man so sagen. Laufen könnte schon ein wenig cooler werden. Dieser Sport hat viel mehr Style verdient. Wirklich reich wirst du auch als Profiläufer nicht. Deshalb ist es nur naheliegend, den Spaß in den Vordergrund zu stellen und immer schön locker zu bleiben.

Auf deinem Oberarm sieht man ein Tattoo des verstorbenen Läufers Steve Prefontaine. Ist er dein Vorbild? Du trägst den gleichen schicken Oberlippenbart …

Steve hat in den 70er Jahren viel für den Sport getan und tausende anderer Menschen für das Laufen begeistert. Er hat sich gegen starre Wettkampfregeln eingesetzt, war immer anders und hat zu seiner Zeit trotzdem alle US-Rekorde gehalten. Mit 24 Jahren ist er dann bei einem Autounfall ums Leben gekommen, das hat ihn zu einer Art Legende gemacht. Mich hat Steves Leben wirklich inspiriert.

Du versuchst wie er, auffallend anders zu sein und bist sehr präsent in den sozialen Netzwerken. Ist das auch eine Trotzreaktion – weil man gegen die schnellen Afrikaner einfach keine Chance hat?

Natürlich würde ich gerne mal ein großes Rennen gewinnen … aber an den guten Kenianern oder Äthiopiern kommst du wirklich nicht vorbei. Die haben einen anderen Körperbau, sind von Kindheit an ans Laufen gewöhnt. Allerdings bin ich mir sicher, dass neun von zehn Kenianern dabei keinen echten Spaß haben. Für die ist das knallhartes Business. Da laufe ich dann doch lieber für mich, weil es mein Lifestyle ist.

 

 

Du läufst alles zwischen 800 Meter und 100 Kilometer. Ist Vielseitigkeit der Schlüssel für besonders viel Spaß am Laufen?

Laufen bedeutet für mich die Freiheit – zu tun, was ich will. Deshalb möchte ich mich auch auf keine bestimmte Strecke festlegen. Ich denke, dass ich über die zehn Kilometer vielleicht nochmal an die deutsche Spitze anschließen könnte, aber ganz ehrlich … ob ich jetzt eine Minute schneller oder langsamer bin, ist mir eigentlich total egal.

Hast du bei aller Vielseitigkeit trotzdem eine Lieblingsdistanz?

Momentan gefallen mir Marathonstrecken mit viel Abwechslung, ein bisschen Straße, leicht profiliert durch den Wald oder ein wenig Trail. In London laufe ich gerne von Park zu Park, einfach quer durch die Stadt.

Ich liebe diese Flexibilität! Du kannst so lange laufen wie du möchtest. Dort, wo du möchtest. Man braucht Schuhe, ein paar Klamotten und los geht’s. Ich finde das einfach lässig …

Trotz aller Lässigkeit konntest du beachtliche Erfolge erlaufen. Im August 2015 hast du den legendären Trans Rockies Run gewonnen – ein Sechs-Tage-Rennen über 193 Kilometer und 6.000 Höhenmeter. Warst du da selbst überrascht von dir? 

Das war mein erstes Etappenrennen überhaupt, den Startplatz hatte ich bei einer Outdoor-Messe gewonnen. Es ging hoch bis auf 3.800 Meter, in so dünner Luft war ich nie zuvor gelaufen. Dass ich da ohne extra Vorbereitung gewinnen konnte, war schon erstaunlich. Aber ich hatte einfach Bock, durch diese tolle Landschaft zu rennen.

»Der Ultra-Trail du Mont-Blanc wäre ein genialer Höhepunkt. Das sind 168 Kilometer mit 9.000 Höhenmetern.«

Flo Neuschwander

Was war bis heute der Lauf deines Lebens?

Ich denke, das war mein erster Lauf über 100 Kilometer. Weil mein Lauf-Blog die Marke von 100.000 Besuchern überschritten hatte, bin ich spontan 100 Kilometer gelaufen, von meinem Wohnort Trier zu meiner Mama ins Saarland. Um acht Uhr morgens ging’s los, über insgesamt 3.000 Höhenmeter. Am Nachmittag bin ich nach 7:59 Stunden angekommen. Mama war sprachlos.

Und die Fans deines Lauf-Blogs?

Die haben sich auch gefreut. Weil ich die Route veröffentlicht hatte, waren sogar einige von ihnen an der Strecke und sind ein paar Abschnitte mit mir gelaufen. So war’s nicht so langweilig.

Welche Läufe sollen noch kommen? Wo ist dein ganz persönliches Ziel?

Oh … ich habe noch einiges vor. Der Comrades Marathon in Südafrika über 89 Kilometer, mit fast 20.000 Teilnehmern der größte Ultra-Marathon der Welt. Der Leadville 100 Run in Colorado über 160 KiIometer würde mich reizen, ebenso der Western States Endurance Run in Kalifornien. Und wenn ich dann noch laufen kann, wäre der Ultra-Trail du Mont-Blanc ein genialer Höhepunkt. Das sind 168 Kilometer mit 9.000 Höhenmetern.

Kann man bei so einer Tortur noch lässig bleiben?

Ich werd’s versuchen …

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 1/2016

 

FLORIAN NEUSCHWANDER WURDE AM 1. JUNI 1981 IN NEUNKIRCHEN (DEUTSCHLAND) GEBOREN. ER WURDE IM JAHR 2008 DEUTSCHER MEISTER MIT DER MANNSCHAFT IM HALBMARATHON UND MARATHON. IM AUGUST 2015 SIEGTE ER MIT EINER KNAPPEN HALBEN STUNDE VORSPRUNG BEIM LEGENDÄREN TRANS ROCKIES RUN IN COLORADO ÜBER 193 KILOMETER. EINEN MONAT SPÄTER WURDE ER WM-NEUNTER BEI SEINEM DEBÜT ÜBER DIE ULTRA-MARATHON-DISTANZ (100 KM).

WWW.RUN-WITH-THE-FLOW.COM

 

Photos: Flo Neuschwander; Ydwer van der Heide, Armin Walcher / Red Bull Content Pool