Bergsteiger im Sonnenaufgang auf Skitour am Berg

Auf ins Leben – der Blick zweier Generationen auf die Berge

Urgestein Alexander Huber und Youngster Philipp Reiter stehen für zwei Generationen und eine Passion: Die beiden nehmen uns mit hinaus und zeigen uns ihre Perspektive auf die Faszination der Berge.

 

Alexander Huber wurde im Duo mit seinem Bruder Thomas als die »Huberbuam« weltberühmt. Heute ist Alexander 55 Jahre alt und blickt auf ein Bergsteigerleben zurück, das Millionen von Menschen inspiriert hat. Philipp Reiter ist mit seinen 32 Jahren ein beachteter Newcomer, mehrfacher Deutscher Meister im Skibergsteigen und erfolgreicher Trailläufer. Hoch hinaus ging’s für die beiden schon früh.

 

Philipp, wie bist du zum Bergliebhaber geworden?

Als Kinder haben wir mit meinen Eltern im Freien übernachtet, am Lagerfeuer gesessen, waren mit dem Mountainbike oder auf Klettersteigen unterwegs. Die Liebe zum Abenteuer wurde früh in mir geweckt. Heute sehe ich von der Terrasse auf meinen Hausberg, den Hochstaufen. Ich war da schon an die 300 Mal oben. Die Weite der Berge zieht mich einfach an.

Was suchst du da oben?

Ich will raus aus der Komfortzone und rein ins Unbekannte. In der Natur komme ich mir selbst viel näher, fühle mich authentischer als in einer künstlichen Umgebung.

Skibergsteiger, Trailrunner, Kletterer … wie bezeichnest du dich selbst?

Begonnen hat es mit dem Skibergsteigen. Wir hatten eine super Trainingsgruppe, waren immer aktiv. Mit Anton Palzer, der heute als Radprofi für BORA-hansgrohe fährt, bin ich meine ersten 100 Kilometer geradelt, habe meine erste Watzmann-Überschreitung gemacht. Wettkämpfe bestritt ich vor allem, um die Welt zu entdecken. Ich bin ein 6-Tage-Rennen durch den Dschungel von Costa Rica gelaufen, in Südafrika über Stacheldrahtzäune gesprungen, in Tibet bis auf 4000 Meter hochgerannt. Der Sport hat mir diese Reisen ermöglicht. Deshalb hatte ich immer genug Motivation zu trainieren. Und heute würde ich mich wohl als einen Outdoor-Enthusiasten bezeichnen.

Alexander, warum hast du dein Leben den Bergen gewidmet?

Mein Vater war in der Welt der Berge zuhause, und so war es auch ich. Die 4000er der Westalpen waren die ersten Berge, die mich fasziniert haben. Es war immer die Suche nach dem Abenteuer, das ich in den großen Bergen und der senkrechten Welt des Kletterns gesehen habe.

Hast du gefunden, was du gesucht hast?

Ja, sonst hätte ich es nicht weiterverfolgt. Bei mir war es wirklich ganz einfach: Ich liebe es, dort draußen zu sein. Gerne auch dort, wo es nicht die Massen hinzieht, sondern dort, wo ich mich alleine mit dem Berg auseinandersetzen kann.

Ist Bergsteigen dein Sport oder deine Lebensphilosophie?

Beides. Sport, weil wir uns fordern und an unsere physischen Grenzen gehen. Lebensphilosophie, weil beim Bergsteigen das Abenteuer essentiell ist. Wir setzen uns bewusst der wilden Natur aus, um uns in den damit verbundenen Gefahren zu bewähren.

Alexander Huber war der erste Mensch, der eine Route mit dem Schwierigkeitsgrad 11+ kletterte, er realisierte einige der schwersten Free Solos (ohne Sicherung) und machte auch im Extremalpinismus auf sich aufmerksam, z. B. mit der Erstbegehung der Westwand am Latok II (7108 Meter) in Pakistan. Philipp Reiter überquerte die Alpen per Skitour von Wien nach Nizza in 36 Tagen. Für das Projekt „5 Tage, 7 Summits“ bestieg er die höchsten Gipfel der sieben Alpenländer, eine Tour mit knapp 17 000 Höhenmeter. Worum geht’s dabei? Um Rekorde? Oder „nur“ ums pure Leben?

 

Philipp, sind Rekordtouren für einen selbst? Oder für die Aufmerksamkeit?

Ich habe schon solche Sachen gemacht, da gab es noch nicht einmal Facebook. Und ich mache es heute nicht anders, als früher. Nur kann ich es größer spielen. Ein Smartphone ist ja ein Broadcast-Studio. Im Kern der Sache hat sich aber nichts verändert. Und das ist mir wichtig: Wir hatten immer unseren eigenen Antrieb. Als Teenies sind wir barfuß den Grünstein hochgelaufen. Keine Ahnung, warum! Dann wollten wir wissen, wie oft wir aufs Hocheck laufen können. Wir legten ein Lebensmitteldepot an und sind da an einem Tag dreimal hochmarschiert, mehr als 6000 Höhenmeter. Meine Eltern haben uns abends abgeholt, beim Essengehen bin ich mit dem Gesicht in der Pizza eingeschlafen, weil ich so fertig war.

»Es gefällt mir, wenn eine Aktivität eine Botschaft hat.«

Philipp Reiter

700 Kilometer durch die Pyrenäen

 

Wie wählst du deine Projekte heute aus?

Auch bei mir gibt es eine Art Evolution. Den Watzmann hochrennen, das müsste ich derzeit nicht. In Rennen orientiert man sich häufig an gesteckten Fahnen und schaltet das Hirn aus. Inzwischen gefällt es mir, wenn eine Aktivität eine Botschaft hat. 2020 liefen wir entlang der historischen Linien des Ersten Weltkriegs in den Alpen, in einer Staffel mit Italienern, Österreichern und Deutschen. Es gab Zeiten, zu denen wir nicht gemeinsam im Camper gelegen und Bier getrunken hätten. Das war ein schönes Erlebnis. Und blieb mir stärker in Erinnerung als ein rein sportlicher Wettkampf.

Ihr habt mehrfach versucht, auf Ski die Pyrenäen vom Mittelmeer zum Atlantik zu überqueren. Leider war zu wenig Schnee. Wie erlebst du den Klimawandel?

Extrem. Wir haben die 700 Kilometer durch die Pyrenäen am Ende mit dem Bike absolviert, nur einige ausgewählte Gipfel mit Ski bestiegen. Vielleicht ist diese Tour nie wieder komplett mit Ski zu laufen, so wie es schon vor 60 Jahren gemacht wurde. Es war eine faszinierende Reise, von der auch gerade ein Film geschnitten wird. Wir haben Menschen getroffen, die sehr besorgt waren. Sie erzählten uns, dass in den Pyrenäen inzwischen Bedingungen herrschen, wie sie für das marokkanische Atlasgebirge typisch sind.

 

Von Großer Zinne bis Karakorum

 

Alexander, welches Projekt steht gerade an?

Das ist glücklicherweise gar nicht mehr so wichtig. Wichtig ist, dass ich dort draußen Freude habe. In meinem Alter brauchst du nicht glauben, dass du noch irgendetwas sportlich Relevantes reißen kannst. Ich habe früher viele Highlights erlebt. Das Niveau habe ich heute nicht mehr.

Kommen dir die Leistungen von damals surreal vor?

Nein, das ist alles noch sehr nah, sehr real und absolut nachvollziehbar. Bei einigen Sachen hätte ich auch noch nachtarocken können. Aber ich habe die Entscheidung getroffen, das nicht zu tun. Ich konnte schöne Projekte für mich realisieren und dafür bin ich dankbar.

Welche Touren waren die einprägsamsten?

Für mich ist es die Summe der Begehungen, ein Ranking möchte ich gar nicht abgeben. Aber es gibt eine Sammlung von Eckpfeilern. Beim Sportklettern sind das die Routen Weiße Rose und Open Air, das Erobern eines neuen Horizonts, des oberen elften Grads. Die Free Solos am Grand Capucin oder an der Direttissima der Großen Zinne. Der obere zehnte Grad Free Solo mit der Route Kommunist. Expeditionsmäßig wohl der Latok II, die gewaltige Westwand bis auf über 7000 Meter rauf, das war eine neue Dimension. Auch die Begehung Eternal Flame im Karakorum mit Kletterpassagen bis in den zehnten Grad auf 6000 Meter Höhe war einmalig. Und nicht zu vergessen: Die Huberbuam halten nach wie vor den Speedrekord an der Zodiac am El Capitan.

»Es war in der Zeit richtig, es zu machen. Heute würde ich es nicht mehr tun.«

Alexander Huber

 

Rekorde und Risiko

 

Sind Rekorde in der heutigen Welt wichtiger als früher?

Ich denke, man hat immer versucht, das Maximum herauszuholen. Der Sport lebt von der Jagd nach Rekorden. Du musst der Schnellste oder der Erste sein. Nachdem Reinhold Messner und Peter Habeler ohne Flaschensauerstoff auf den Mount Everest gestiegen sind, waren sie weltberühmt. Der nächste Bergsteiger, der das gemacht hat, war Hans Engel. Kennst du den Hans Engel?

Nein.

Siehst du …

Und wenn’s kein Rekord ist? Was macht das Bergsteigen für dich zum Erfolg?

Einen Berg über eine gewisse Linie hinaufzusteigen, hat für mich etwas von einem schöpferischen Akt. Man hat den Berg nicht verändert. Aber man hat für sich das Bild des Bergs verändert.

Was würdest du nicht mehr tun?

Die Latok II Westwand. Die hat Gefahren in sich getragen, die nicht vollends kontrollierbar waren. Ich denke, es war in der Zeit richtig, es zu machen. Aber heute würde ich es nicht mehr tun.

Weil?

Ich es schon gemacht habe. Das Risiko muss ich nicht mehr eingehen. Bei meinen Free Solos war‘s das Gleiche: Ich habe einige Highlights gesetzt. Und dann damit aufgehört.

 

Wenn Alexander Huber und Philipp Reiter dort oben stehen, genießen Sie den Blick. Und machen sich ihre Gedanken. Über das, was war – und das, was noch kommen wird.

 

Philipp, was denkst du dir, wenn du von oben auf die Welt blickst?

Viele Menschen nehmen sich und ihr Leben sehr wichtig. Wenn man rauszoomt, sieht man die wahren Dimensionen, die Kräfteverhältnisse, wie klein der Mensch ist. Das erlebt man in verschiedenen Disziplinen. Wenn du bei minus 20 Grad in einem Schneesturm steckst. Oder bei brutalem Gegenwind auch mit dem besten Karbonrad nicht mehr vorankommst. In einer Welt, in der wir vermeintlich alles managen können, sind wir massiven Grenzen ausgesetzt. Wir können uns im T-Shirt nach draußen setzen. Unsere Wohlfühltemperatur umfasst aber nicht mehr als ein paar Grad, sonst ist es schon wieder zu kalt oder zu warm. Wo wir überhaupt wie leben können, ist extrem limitiert. Das Rauszoomen ist eine dankbare Möglichkeit, die Dinge besser einzuordnen.

Warum zieht es die Menschen mehr denn je nach draußen?

Vielleicht, weil sie mehr denn je drinnen sind? Ich würde nicht sagen, dass die Leute naturbewusster geworden sind. Es ist eine Art Lifestyle, sportlich zu sein. Vor 15 Jahren bin ich bei einer Skitour auf dem Gipfel angekommen und die Leute haben geklatscht! Weil ein junger Kerl diese lange Tour auf sich genommen hat! Das würde dir heute nicht mehr passieren. Körperliche Anstrengung ist angesagt, gerade in der jungen Zielgruppe. Und die zeigt das gerne über Social Media.

Sollen noch mehr Menschen in die Berge kommen?

Tja, das ist ein Paradoxon. Man macht es salonfähig, obwohl man die Berge lieber für sich hat. Wer möchte schon auf einem überfüllten Gipfel stehen? Oder unten keinen Parkplatz mehr kriegen? Ich lebe im Berchtesgadener Land, das ist wunderschön. Im Nationalpark am Königsee hast du aber gleichzeitig eine der beliebtesten Touristenmeilen Deutschlands. Vielleicht sollte man den Tourismus konzentrieren, wo es eh schon Lifte oder ein Downhillpark gibt. Weniger belebte Regionen könnte man belassen, wie sie sind. Wer sich dafür interessiert, der wird sie finden.

»Am Ende geht es ums Abenteuer. Mal mit anderen, mal alleine.«

— Philipp Reiter

Laufen durch einen mystischen Wald

 

Wie verändern neue Technologien das Entdecken?

Abenteuer heißt, dass ich nicht genau weiß, was mich erwartet. Der Bergsport sollte eine Entdeckungsreise bleiben. Es ärgert mich, wenn ich in einem Blogeintrag die GPX-Daten einer 45 Grad steilen Abfahrt finde, die ich über die andere, flachere Bergseite erreichen kann. Das ist gefährlich! Wenn die Rinne eisig ist, machst du den Abgang. Deshalb sollte man den Hang von unten hochsteigen, um zu spüren, ob man umdrehen muss. Wir leben in einer Instant-Gesellschaft, man kann sich fast alles kaufen. Im achten Grad zu klettern, kann man sich aber auch für 10 Millionen nicht kaufen. Das ist das Schöne am Bergsteigen: Ich kann die Dinge nicht einfach überspringen. Dabei sollte es nach Möglichkeit auch bleiben.

Wirst du durch das Bergsteigen in 20 Jahren ein anderer Mensch sein?

Ich hoffe, dass mein Erfahrungsschatz wächst. Ansonsten werde ich wohl der bleiben, der ich bin.

Und worum geht’s am Ende?

Um das Abenteuer. Mal mit anderen, mal alleine. Mal mit Botschaft, manchmal nicht. Wir haben die Möglichkeit, so viel zu erleben. Geschieht es zu schnell, hat man das Gefühl, gar nicht mehr zu wissen, was genau passiert ist. Wie früher bei einer Diskette, die wurde überschrieben, wenn sie voll war. Ich denke, in unserer beschleunigten Welt ist es wichtig, sich Zeit nehmen. Und sei es nur für einen lockeren Lauf bei Regen durch einen mystischen Wald, in dem die Nebelfetzen hängen.

Matterhorn, Watzmann, Latok

 

Alexander, wie würdest du deinen Blick auf die Welt beschreiben?

Man kann sich Gedanken über die ganze Welt machen, was wir auf diesem Planeten hier insgesamt so veranstalten. Aber ich selbst kann das nicht grundlegend ändern. In deiner eigenen kleinen Welt kannst du Dinge entscheiden. Darauf konzentriere ich mich.

Sind die Berge überlaufen?

Berge wie der Mount Everest mit Sicherheit. Wer den besteigen möchte, soll das tun. Ich muss das nicht. Ich kann nachvollziehen, dass die Sherpas von den Bergen ihrer Heimat leben wollen. Die Berge werden verkauft, so wie wir es auch in den Alpen tun. Ich persönlich suche Berge, die keiner kennt. Die Latoks im Karakorum sind kaum präsent. Das liegt daran, dass keiner erzählt, wie geil es da oben ist. Weil nämlich kaum einer rauf kommt.

Und in den heimischen Bergen?

Gilt das ebenso. Wenn ich am Normalweg von Matterhorn, Mont Blanc oder Watzmann unterwegs bin, werde ich von Touristen überrannt. Für mich kein Problem, ich gehe da nicht hin. Ich muss aber auch nicht immer alleine sein. Ich bin gerne mit einer Gruppe von Freunden in den Bergen.

»Ich bin ein Momentensammler.«

— Alexander Huber

Mal eine besonders skurrile Situation dort draußen erlebt?

2022 bezogen wir am Shivling unser Basislager zum Meru. Wir trafen auf eine bunte Truppe an Leuten, die ihre Expedition über eine Agentur gebucht hatten. Alle total gipfelferngesteuert. Mir wurde zugetragen, dass der indische Camp-Manager Probleme habe. Es war mehr als das: Der Mann lag im Endstadium von Hirn- und Lungenödem schwer somnolent in seinem Zelt. Ich habe ihn akut behandelt, Fortecortin gespritzt und Nifedipin gegeben. Dann haben wir ihn runtergebracht, von 4300 auf etwa 3600 Meter, um das Überleben zu sichern, bis tatsächlich ein Hubschrauber kam. Oben im Basislager wurde das Schicksal des Mannes nicht weiter thematisiert. Schweizer, Holländer, Deutsche, Norweger … weiß der Kuckuck, woher die alle kamen. Sie zeigten sich in keiner Weise berührt. Das Leben eines Inders, der vor Ort engagiert wurde, war offensichtlich nicht viel wert. Diesen Bergsteigern muss ich leider sagen: Ihr habt da eine ganze Menge falsch verstanden.

 

Ewige Momente in den Bergen

 

Haben dich die Berge verändert?

Man verändert sich mit jedem Berg und mit jedem Tag am Berg. Manche hinterlassen große, andere kleinere Spuren. Jedes Erlebnis hinterlässt einen Eintrag in dir, aber das originäre Erlebnis beim ersten Mal ist immer das eindrücklichste. Deshalb strebe ich nicht danach, Dinge zu kopieren. Weil ich glaube, dass es die Strahlkraft des Originals verschleiern kann.

Worum geht’s am Ende?

Ich bin Momentensammler. Wenn ich voll engagiert am Berg unterwegs bin, denke ich nicht an das Gestern oder an das Morgen, sondern lebe im Jetzt. Du gehst vollkommen im Moment auf, und das schafft eindrucksvolle Erinnerungen. Das sind dann die bunten Seiten im Buch meiner Erinnerungen, und dieses Buch ist der wahre Wert, den wir vom Berg mit nach Hause bringen. Die Berge können wir nicht mitnehmen. Wir bezwingen keinen Berg, denn der Berg lässt sich nicht besiegen. Es ist dem Berg ja völlig egal, ob wir da raufsteigen oder nicht. Aber am Ende des Tages können wir mit einem schönen Erlebnis zurückkehren. Das ist es, warum wir dort draußen sind.

Interviews by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 12/2024

 

@ALEXANDER_HUBERBUAM

@PHILIPPREITER007

 

Photos: @the.adventure.bakery; Arcteryx; Alexander Huber; Jan Vincent Kleine; Philipp Reiter

Bergsteiger Alexander Huber in vertikaler Felswand vor strahlend blauem Himmel

Der US-amerikanische Surfer Garrett McNamarra surft Big Wave in Nazaré

Rekordbrecher – die Szene der Big-Wave-Surfer in Nazaré

Die Szene der Big-Wave-Surfer trifft sich im portugiesischen Nazaré, um auf der höchsten Welle aller Zeiten zu surfen. Letzte Wasserstandsmeldung (Stand 2016) in Sachen Rekordbrecher: 24,38 Meter.

 

Es beginnt vor Grönland oder vor der Ostküste der USA: Ein Sturmtief schaukelt jene Wellen auf, die sich auf die Reise über den Atlantik machen, um vor Portugal in einem 230 Kilometer langen, bis zu fünf Kilometer tiefen Canyon zu münden. Der Graben endet erst 300 Meter vor der Küste nahe dem Örtchen Nazaré. Hier prallt die Dünung gegen eine Unterwasserwand, baut gigantischen Druck auf und türmt Brecher von 30 Meter Höhe auf. Es ist ein magischer Ort, der einen in Anbetracht dieser Naturgewalt erschauern lässt – und aufgrund seiner einzigartigen Topografie jene Surfer anzieht, die es auf den Rekord der höchsten jemals gesurften Welle abgesehen haben.

 

Nazaré-Pionier Garrett McNamara

Im November 2011 bezwang der US­-Amerikaner Garrett McNamara hier eine Welle, deren Höhe auf knapp 24 Meter berechnet wurde. Es war ein Video, das um die Welt ging, auch deshalb, weil Nazaré bis dahin kaum jemand auf dem Zettel gehabt hatte. Seitdem ist das portugiesische Fischerörtchen, das in Sachen Wellenhöhe und Naturgewalt auch die legendären Sets von Jaws (Hawaii) oder Mavericks (Kalifornien) in den Schatten stellt, das neue Mekka der Rekordbrecher.

»In der Realität gibt es keine Angst, sie existiert ausschließlich in deinem Kopf. Ob du Angst hast oder nicht – ist ganz alleine deine Entscheidung.«

Garrett McNamara

Die Monsterwogen sind zu schnell, um sie mit bloßer Muskelkraft anzupaddeln. Die Surfer lassen sich von 400-PS-Jetski in die Wasserberge ziehen. „Diese Wellen haben eine rohe Energie“, sagt Big­Wave­Ikone McNamara. „Du bist so klein und dennoch eng mit ihnen verbunden. Diese Nähe zur Natur hat etwas Magisches.“

Wird dieses Gefühl der Nähe nicht von einem noch viel stärkeren Gefühl der Angst um das eigene Leben überspült? – „Andere Menschen reiten auf einem wilden Stier. Das würde ich nicht tun, das wäre mir zu riskant. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich fühle mich in großen Wellen einfach wohl, nirgendwo sonst fühle ich mich so lebendig. Außerdem verspüre ich im Wasser keine Angst. Ich konzentriere mich auf den Moment und denke nicht darüber nach, was passieren könnte. In der Realität gibt es keine Angst, sie existiert ausschließlich in deinem Kopf. Ob du Angst hast oder nicht – ist ganz alleine deine Entscheidung.“

 

BUCHTIPP

"Starke Worte von noch stärkeren Persönlichkeiten. Inspirierend!"

Men's Health 01/22

"Eine faszinierende Reise durch die Welt des Sports ..."

SPORTaktiv 10/21

"Interessant und spannend!"

Runner's World 11/21

Jetzt kaufen

 

Auf einer der Wellen von Nazaré fühle es sich an, als fahre man auf einem Snowboard mit 80 km/h über vereiste Buckel – mit dem Unterschied, dass sich der Hang bewegt und schließlich auseinander­ bricht. Rund 500.000 Tonnen Wasser explodieren in weißer Gischt. Wer jetzt stürzt, der kämpft um sein Leben. „Es schleudert dich wie ein Sandkorn durchs Wasser“, beschreibt es McNamara: „Innerhalb einer Zehntelsekunde drückt es dich auf zehn oder fünfzehn Meter Tiefe. Das Trommelfell kann platzen. Dir ist schwindlig, du weißt nicht mehr, wo oben oder unten ist.“

Wichtigster Ratgeber: cool bleiben. Irgendwann lässt einen die Welle los. Dann heißt es Orientierung und den Weg nach oben suchen. Profis wie McNamara reduzieren ihre Schwimmbewegungen auf Armzüge, weil die Beine in der Relation zum Vortrieb zu viel Sauerstoff verbrauchen.

„Deine Lippen durchbrechen die Wasseroberfläche, du nimmst einen Atemzug, versuchst zu erkennen, ob eine weitere Welle anrollt und ob dein Partner auf dem Jetski in der Nähe ist, um dich aus der Gefahrenzone zu bringen. Wenn du in Sicherheit bist, hast du die Gnade des Ozeans gespürt – und fühlst dich lebendiger als je zuvor.“

 

Totale Euphorie nach dem Ride

Um so etwas zu erleben und zu überleben, bedarf es einer akribischen Vorbereitung. Mit Apnoe­-Kursen rüsten sich Big Wave Surfer für unerwünschte Aufenthalte unter Wasser, die meisten können wenigstens vier Minuten lang die Luft anhalten. Sie tragen eine Sauerstoffpatrone am Mann und eine Kevlar­-Schutzweste mit Airbag, der sich im Notfall aufbläst, um den Körper zurück an die Oberfläche zu bringen.

„Bei solchen Bedingungen zu surfen ist nicht immer nur Spaß“, sagt der Deutsche Sebastian Steudtner, der im Jahr 2010 als erster Europäer den „Billabong XXL Award“ für die größte gerittene Welle des Jahres gewann. 2015 wurde Steudtner sogar ein zweites Mal mit diesem „Oscar“ des Surfsports ausgezeichnet. „Du fokussierst dich voll auf deine Linie“, beschreibt er den Ritt auf einem 20-Meter-Ungetüm: „Wenn du die Fahrt unter Kontrolle hast, spürst du schubweise ein intensives Glücksgefühl, nach dem Ride entlädt sich dann die totale Euphorie.“

Auf der gleichen Erfolgswelle reitet das Örtchen Nazaré, verzeichnet immer wieder mehr monatliche Suchanfragen bei Google als die portugiesische Hauptstadt Lissabon. Zwischenzeitlich war sogar eine Werbeagentur damit beauftragt worden, einen eigenen Namen für die Welle zu finden und zu kommunizieren, denn das hatten die berühmten Wellen von Jaws (Schlund), Mavericks (Einzelgänger) oder Dungeons (Kerker) dem noch jungen, neuen Branchenprimus voraus.

Aber ein neuer Name ist gar nicht mehr nötig. Waren es vor Jahren noch diese und andere Spots wie Teahupoo oder Shipstern Bluff, die sich die Aufmerksamkeit teilten, konzentriert sich die breite mediale Öffentlichkeit inzwischen auf die Aktivitäten am Praia do Norte von Nazaré, wo der rote Leuchtturm zum Wahrzeichen des Wasser gewordenen Größenwahns avanciert ist.

 

XXL-Award für Andre Cotton

Zweifellos werden hier die höchsten Wellen gesurft. Deren exakte Höhe lässt sich allerdings nur schwer berechnen. Das Wasser bewegt sich, Perspektiven müssen miteinander abgeglichen werden, zudem schaffen es die Surfer in Nazaré meistens gar nicht bis ins Wellental, womit die Bemessungsgrundlage fehlt. Manch einer kritisiert sogar, es würde sich um gar keine „echten“ Wellen handeln, weil die Wassermassen nicht sauber brächen, sondern unter ihrer eigenen Last zusammensackten.

Im Jahr 2013 surfte der Brasilianer Carlos Burle hier auf einer Welle, die an die 30 Meter hoch war. 2014 ritt der Brite Andrew Cotton auf einem ähnlich hohen Brecher. Im November 2017 wurde er dann so vehement von einer Welle geschleudert, dass er sich einen Lendenwirbel brach. Immerhin: Der Sturz wurde als massivster Wipe-out des Jahres mit einem XXL-Award ausgezeichnet. Inzwischen steht Cotton aber wieder; natürlich auf dem Board, und in den Brechern von Nazaré.

 

 

Es sind Bilder, die ein heroisches Image transportieren: Furchtlose Männer stechen wie Drachentöter ins Meer, um aus der Tiefe kommende Monster zu bezwingen. Für Sponsoren ein gefundenes Fressen, von Red Bull über Mercedes-Benz bis Nivea haben die Unternehmen dem Big-Wave-Surfen ihren Stempel aufgedrückt.

Das Ziel ist klar: die größte jemals gesurfte Welle für sich zu reklamieren. Jahr für Jahr stehen die Surfer bereit, um den Rekord ein weiteres Mal nach oben zu schrauben. Zuletzt war es der Brasilianer Rodrigo Koxa, dem eine Rekordwellenhöhe von 24,38 Metern zugesprochen wurde.

Derzeit steht also er ganz oben. Aber die Szene dürstet nach dem nächsten Rekordbrecher. Schickt die Natur eine geeignete Dünung nach Portugal, soll dann endlich die Marke von 25 Metern fallen. Und da der Klimawandel die Stürme im Nordatlantik immer heftiger werden lässt, wird der nächste Rekordbrecher nicht lange auf sich warten lassen.

Interviews by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 3/2014; SPORTMAGAZIN 9/2016 

 

www.garrettmcnamara.com

www.sebastiansteudtner.com

www.andrewcotton.co.uk

 

10 Surfspots mit den größten und gefährlichsten Wellen der Welt

Banzai Pipeline (Hawaii) Am Northshore von Hawaii gelegen, bricht diese knallharte Welle auf ein furchteinflößendes Riff, das von Löchern und kleinen Höhlen durchzogen ist. Neben dem Riff stellt auch das Line-Up eine Gefahr dar: Einige Locals verteidigen „ihren“ Spot extrem aggressiv.

Belharra (Frankreich) Diese Welle im Baskenland ist nur bei extrem hoher Dünung surfbar, in manchen Jahren bricht sie gar nicht. Erreicht bis zu 20 Meter Höhe und schiebt sich wie eine Lawine aus Wasser in Richtung Küste.

Cortes Bank (Kalifornien) Bricht an einer Untiefe auf offener See, ca. 160 Kilometer westlich von San Diego. Der US-Surfer Mike Parsons ritt hier 2008 eine auf 77 Fuß (23,5 Meter) geschätzte Welle.

Dungeons (Südafrika) In der Hout Bay bei Kapstadt entstehen an mehreren Riffen Wellen von 15 Meter Höhe. Der Spot ist berüchtigt, die bekannt hohe Population an Weißen Haien im eiskalten Wasser gerät hier zur Nebensache.

Jaws/Peahi (Hawaii) Lange Zeit der Hot Spot unter den Big Waves. Hier etablierte Surf-Legende Laird Hamilton das Tow-in- Surfen unter Zuhilfenahme eines Jetskis. Die Wellen sind bis zu 50 km/h schnell und erreichen 20 Meter Höhe.

Mavericks (Kalifornien) Südlich von San Francisco türmen sich die Wellen auf bis zu 25 Meter Höhe und brechen mit enormer Wucht. Im Jahr 1994 ertrank hier der Hawaiianer Mark Foo, 2011 verstarb der US-Profi Sion Milosky.

Nazaré (Portugal) Entsteht durch einen Unterwassercanyon und baut sich an der Küste zu Brechern von 30 Meter Höhe auf. Der Brasilianer Rodrigo Koxa hat hier den Weltrekord aufgestellt, auf einer Welle mit nachträglich berechneten 24,38 Metern.

Puerto Escondido (Mexiko) Besonders schnell brechende Welle an der Playa Zicatela, die zwar „nur“ rund 10 Meter Höhe erreicht, aber eine surfbare Pipeline bildet, die schließlich hohl und hart auf den fest gepressten Sandboden kracht.

Shipstern Bluff (Tasmanien) Am Ende der Welt und verantwortlich für einige der spektakulärsten Rides überhaupt. Wer hier surft, muss während der Fahrt über einen oder mehrere Steps springen, die sich in der Welle bilden.

Teahupoo (Tahiti) Die vielleicht schönste Welle der Welt. Bricht auf ein zum Teil nur 50 Zentimeter unter der Wasseroberfläche liegendes Korallenriff. Entwickelt eine extreme Hydraulik und bestraft selbst kleinste Fehler mit einem schweren Wipe-out.

 

Photos: Garrett McNamara; Sebastian Steudtner; Hugo Silva / Red Bull Content Pool

Der US-amerikanische Big Wave Surfer in einem legendären Barrel in Peahi (Jaws) vor Maui.

Shaun White seen at the Red Bull Bowl Rippers in Marseille, France on September 1, 2018 // Fred Mortagne/Red Bull Content Pool //

Superstar Shaun White über die Kunst, unter Druck zu bestehen

Halfpipe? Shaun White. Der US-Amerikaner hat 3x Olympisches Gold auf dem Snowboard gewonnen. Und zeigte auch auf dem Skateboard, dass er mit einem „Vertical Limit“ nicht viel anfangen kann.

 

„In der Halfpipe habe ich ein überwältigendes Vertrauen in mich selbst“. – So sagt es Shaun White, Superstar auf Snowboard und Skateboard, König der Halfpipe.

Ich traf den US-Amerikaner am Rande der Dew Tour Finals in Las Vegas im Oktober 2010, wo die Veranstalter eine mächtige Skateboard-Halfpipe in einem Swimmingpool des Hard Rock Hotels platziert hatten.

Es war spannend, Shaun White zu beobachten, als er sich auf den Wettkampf vorbereitete. Mehrere Fahrer standen oben auf dem Table, um abwechselnd in die Halfpipe zu droppen. Man stimmte sich ab, ließ sich gegenseitig den Vortritt. Nur einer drängelte sich immer wieder dazwischen, konnte es nicht erwarten, ein weiteres Mal zu fahren: White hatte zweifellos die wenigsten Freunde auf dieser Halfpipe und sorgte für wiederholtes Kopfschütteln unter seinen Konkurrenten. Dafür verbrachte er mit Abstand die meiste Zeit auf dem Skateboard. Den Wettkampf gewann er.

»Ich glaube an meine Fähigkeiten. An sich zu zweifeln macht die Dinge nur schwieriger.«

Shaun White

Beim Interview in einem Konferenzraum des Hotels zeigte sich der außerordentliche Stellenwert des Sportlers. Alle waren sie da, von ESPN über LA Times bis Bravo. Für jedes Medium standen fünf Minuten handgestoppter Gesprächszeit zur Verfügung. Als Europäer musste ich mir meine Zeit mit zwei weiteren Journalisten teilen.

Was mich besonders interessierte, war die Tatsache, dass die Funsportarten Skateboarden und Snowboarden bei Shaun White so früh zum knallharten Business wurden. Dank Sponsorenverträgen ist er seit seinem 14. Lebensjahr Millionär, mit 24 Jahren bereits zweimaliger Olympiasieger. Baut das bei allem Spaß nicht einen ziemlichen Druck auf?

„Das kann man so sagen. Die Leute erwarten nicht nur Siege, sondern vor allem immer wieder neue spektakuläre Sprünge und Manöver. Aber der Druck hilft mir dabei, mich zu konzentrieren, zu pushen und meine beste Leistung abzurufen. Ich springe und lande deutlich besser, wenn ich muss.“

Shaun White – am besten unter Druck

Dass er unter Druck am besten ist, hat er immer wieder auf beeindruckende Weise unter Beweis gestellt. Bei den X-Games gewann er mit Snowboard und Skateboard insgesamt fünfzehnmal Gold. Was macht Shaun White so erfolgreich?

„Ich glaube an meine Fähigkeiten. An sich zu zweifeln macht die Dinge nur schwieriger. Außerdem versuche ich im Training, meine Tricks so weit wie möglich zu perfektionieren. Das gibt mir Sicherheit. Ich möchte sehen, was möglich ist. Und zeigen, was getan werden kann. Inzwischen habe ich schon viele Tricks gestanden, die wir früher gar nicht für technisch möglich gehalten haben.“

Ein Trick, der 2010 für Aufsehen in der Snowboard-Szene sorgte, war der Double McTwist 1260. Dabei werden ein Vorwärtssalto und ein Rückwärtssalto mit dreieinhalb Schrauben kombiniert.

„Das Problem an diesem Sprung sind die ersten Versuche. Sie flößen dir eine verdammte Angst ein. Du gehst vom Frontflip direkt in den Backflip über. Deshalb kannst du fast nicht sehen, wo du dich in der Luft befindest. In dem Augenblick, der dir einen kurzen Überblick verschafft, änderst du schon wieder die Richtung und fliegst blind durch die Luft.“

Shaun White verpasste dem Sprung den Spitznamen „Tomahawk“. Dies geht auf eine Begebenheit in einem Restaurant zurück, als er seinen Tischgenossen die Komplexität des Tricks verdeutlichte, indem er mit einem zuvor servierten Tomahawk-Steak hantierte.

„Tomahwak“ am absoluten Limit

Der Superstar präsentierte den spektakulären Sprung erstmals bei einem Grand Prix in Park City. Eine Woche später wollte er den Trick, den er zu dieser Zeit als einziger Athlet weltweit beherrschte, bei den Winter X-Games zeigen. Das kostete ihn beinahe Kopf und Kragen.

„Es war ein Trainingslauf, der immer wieder verschoben wurde, weil ESPN die Verlängerung eines Basketballspiels zeigen musste. Ich habe die Konzentration verloren, beim Absprung war ich dann viel zu locker. Diesen Sprung springst du nicht einfach so aus der Hüfte raus. Diese Lektion musste ich auf schmerzhafte Weise lernen. Ich hätte mir das Genick brechen können. Ich habe die Kante auf mich zukommen sehen und noch versucht, die Hände schützend vors Gesicht zu reißen.“

Dafür war es aber schon zu spät. Die Wucht des Aufpralls riss ihm den Helm vom Kopf. Und was machte Shaun White? Er schüttelte sich und studierte in der Pause bis zum Wettkampf minutenlang in Zeitlupe die Szene, in der sein Schädel auf den eisharten Rand der Halfpipe kracht.

Im Finale packt er den Sprung dann direkt wieder aus. Diesmal steht er den Tomahawk. Höchstwertung. Und das nächste Gold bei den X-Games.

»Es ist, als würde ich beim Einfahren in die Halfpipe bereits wissen, dass ich meine Tricks landen werde. Als ob ich es schon getan hätte. Nur, dass ich es noch tun muss.«

Shaun White

 

BUCHTIPP

"Starke Worte von noch stärkeren Persönlichkeiten. Inspirierend!"

Men's Health 01/22

"Eine faszinierende Reise durch die Welt des Sports ..."

SPORTaktiv 10/21

"Interessant und spannend!"

Runner's World 11/21

Jetzt kaufen

 

Wie nahe Crash und Triumph zusammen liegen, zeigt sich ein weiteres Mal, als Shaun White im Oktober 2017 beim Training in Neuseeland auf dem Rand der Halfpipe aufschlägt. Der Meister kniet blutend im Schnee. Sein Gesicht muss mit 62 Stichen genäht werden.

Im Februar 2018 steht er im Finale der Olympischen Spiele von Pyeongchang als letzter Läufer oben an der Halfpipe. Das japanische Wunderkind Ayumu Hirano hat mit einer perfekt inszenierten Double-Cork-1440-Kombo vorgelegt. Mehr geht derzeit nicht. Shaun White muss nachlegen. Mit einem Sprungelement, das Wochen zuvor fast das Ende seiner Karriere bedeutet hätte. Zum ersten Mal zeigt er ebendiese Kombination aus zwei aufeinanderfolgenden Doppelsaltos mit jeweils vier Schrauben. In einem der spektakulärsten Runs aller Zeiten. Und wird zum dritten Mal Olympiasieger.

Wieder kniet der Meister im Schnee. Diesmal hat er Freudentränen in den Augen.

„Gedanken an eine Verletzung dürfen dich nicht belasten. Sie können dazu führen, dass am Ende wirklich etwas schief geht. Wir steigen auch in ein Auto. Es ist gefährlich, das wissen wir. Und trotzdem tun wir es jeden Tag wieder. Ich kann einen extremen Run in der Halfpipe hinlegen, danach passe ich nicht auf und falle die Treppe runter.“

Verletzungen abzuhaken, ist die eine Sache. Cool zu bleiben die andere. Aber wie fühlt es sich an, ein derart unerschütterliches Vertrauen in die eigene Stärke zu haben? Was geht da vor sich, im Kopf des Shaun White? – „Es ist, als würde ich beim Einfahren in die Halfpipe bereits wissen, dass ich alle meine Tricks landen werde. Als ob ich es schon getan hätte. Nur, dass ich es noch tun muss.“

Interview by Axel Rabenstein, published in DIE WELT 19.10.10; Berliner Morgenpost 19.10.10; TOPTIMES 1/2011

 

Shaun White wurde am 3. September 1986 in Carlsbad (Kalifornien) geboren. Der US-Amerikaner war bereits mit 16 Jahren Weltranglistenerster im Snowboard-Slopestyle, in der Saison 2005/2006 gewann er jeden Wettbewerb, an dem er teilnahm. Bei den Olympischen Spielen in Turin (2006), Vancouver (2010) und Pyeongchang (2018) holte er jeweils Gold in der Snowboard-Halfpipe. Shaun White ist 15-facher Goldmedaillen-Gewinner bei den X-Games, er hat zahlreiche neue Sprünge und Kombinationen als erster Rider in Wettkämpfen gezeigt – sowohl auf Snowboard als auch Skateboard.

@shaunwhite

 

Photos: DEW Tour Las Vegas 2010; Adam Moran, Fred Mortagne / Red Bull Content Pool

For Shaun White, Red Bull Project X had immediately paid dividends // Adam Moran/Red Bull Content Pool //

Privacy Preference Center