ARIANNA TRICOMI FUHR ALPINSKI-RENNEN UND STARTETE IM SLOPESTYLE-WELTCUP, UM SCHLIESSLICH ABSEITS DER PISTE ZU LANDEN UND 3x FREERIDE-WELTMEISTERIN ZU WERDEN.

 

Arianna, du bist in Corvara in Badia aufgewachsen, standest mit drei Jahren auf Skiern. Welche Erinnerungen hast du an deine frühe Kindheit?

Keine ausgeprägten Erinnerungen, es sind eher Flashbacks. Mit meiner Mama und einem befreundeten Bergführer war ich als Mädel mit Fellen und Pieps unterwegs. Das waren reine, pure Momente. Ein kindliches Gefühl von Freiheit, in der Weite der Dolomiten. Ich weiß noch, dass ich mir sehr, sehr klein vorgekommen bin.

Deine Mutter ist selbst Weltcup gefahren, hat 1980 in der Abfahrt an den Spielen von Lake Placid teilgenommen. Wie sehr hat sie dich geprägt?

Meine Mama ist eine wunderbare, verrückte Frau. Sie hat mir alle Facetten des Skifahrens gezeigt. Wir waren schon früh beim Powdern, außerdem bin ich schon als Kind Telemark gefahren. Das ist eine Leidenschaft, die ich bis heute mega schätze.

Warum Telemark?

Für mich ist es wie ein Tanz, so friedlich und geschmeidig. Der Schnee sollte weich sein, auf harten Pisten macht das nicht viel Sinn, auch nicht im Tiefschnee. Aber wenn es im Frühjahr so einen Slush oder Firn hat, dann ist Telemark das Schönste, was man fühlen kann. Ich kann nur jedem empfehlen, es auszuprobieren.

Mit sechs Jahren hast du begonnen, Alpinski-Rennen zu fahren. Es wurde aber nie zur großen Liebe. Warum nicht?

Naja, am Anfang war ich eh ziemlich schlecht darin. Ich wollte lieber Surf-Profi werden. Mit elf hat es dann aber irgendwie „klick“ gemacht und auf einmal war ich gut …

… was war geschehen?

Keine Ahnung! Diese Klicks gab es immer wieder. Auch beim Wellenreiten. Was genau das ist, kann ich nicht sagen. Ich finde es schön, dass man es nicht genau herleiten kann. Du hast etwas verstanden, es klickt und plötzlich machst du einen großen Schritt nach vorne. Man muss es zulassen können. Es genießen, ohne es erklären zu wollen. Dann kommt man auch voran.

»Zu viele Regeln nehmen dir den Spaß und die Freiheit.«

Arianna Tricomi

Wie ging’s nach dem Klick beim Skifahren weiter?

Als Teenager war ich erfolgreich. Aber ich wollte im Sommer gar nicht zum Trainieren auf den Gletscher. Und im Winter war ich lieber beim Powdern. Einmal waren wir im Trainingslager, mit Fahrerinnen wie Sofia Goggia, die heute im Weltcup unterwegs ist. Statt Tore zu fahren, bin ich lieber im Wald oder im Snowpark verschwunden. Als ich 16 war wurde mir dann relativ deutlich gesagt: Entweder du machst mit. Oder du kannst es auch lassen.

Also hast du es einfach gelassen?

Richtig Auslöser war allerdings der Tod zweier Freunde. Sie sind in einer Lawine ums Leben gekommen. Plötzlich wurde ich damit konfrontiert, wie schnell alles vorbei sein kann. Ich entschied, genau das zu tun, was ich tun möchte. Also habe ich mich in den Park geschmissen und bin hupfen gegangen.

Warum hast du auch das wieder aufgehört?

Anfangs hat es mir brutal getaugt. Wir konnten uns ausprobieren, kreativ sein. Die Stimmung war großartig. Ein Jahr bin ich im Weltcup gestartet. Dann wurde Slopestyle olympisch. Die FIS kam, und mit ihr die Disziplin. Viel zu viele Regeln, genau das, was mir am Alpinski nicht gefallen hatte. Es nimmt dir den Spaß und die Freiheit.

Die Freiheit hast du schließlich beim Freeride gefunden. Wann war dir klar, dass du dich dieser Sportart widmen möchtest?

Nach dem Slopestyle war ich ein wenig verloren. Ich habe als Skilehrerin gejobbt und bin nach Innsbruck, um Physiotherapie zu studieren. Zum Freeriden hat ein Contest in Rumänien den Ausschlag gegeben. Es war eine lustige Reise, mit einem Freund, ohne Navi, ohne Plan. Wir haben im Auto geschlafen, mit dem Gaskocher gekocht, komplett ohne Budget. Es war genial! Gar nicht wie Rennen fahren, eher wie eine Party. Dann bin ich mehrere Qualifier gefahren, nach zwei Jahren habe ich die European Tour gewonnen und kam auf die World Tour.

Heute bist du dreifache Freeride-Weltmeisterin. War deine Lockerheit das Erfolgsgeheimnis?

Ich habe schon auf einiges in meinem Leben verzichtet. Aber klar, ich bin mit einer gewissen Leichtigkeit an die Sache rangegangen. Ich genieße die Reisen und die Abwechslung. Dass mir jemand umsonst einen Skipass und ein Bett gibt, und ich dafür nur Skifahren muss … also bitte, warum sollte ich mich stressen? Ich freue mich einfach, dass ich das so leben kann.

Noch immer trauen sich mehr Jungs so zu leben. Was empfiehlst du den Mädels?

In einer männlich dominierten Welt ist das gar nicht so einfach. Wichtig ist, dass deine Eltern an dich als Mädel glauben. Außerdem denke ich, dass sich Mädels manchmal in Sachen reinpushen, die ihnen gar keinen Spaß machen. Sie machen schlechte Erfahrungen und verlieren den Mut. Ich sage allen Mädels: Geht skifahren und habt Spaß. Wenn ihr Spaß habt, werdet ihr besser, ohne dass ihr es merkt. Und was andere über euch denken, das muss euch egal sein.

Wenn du oben am Berg stehst, bereit für eine Line: Wie genau weißt du, was du tun wirst?

Sehr genau. Man sollte unterwegs nicht überrascht werden. Ich habe immer eine Lieblingslinie, die ich fahren möchte. Aber es macht Sinn, einige Alternativen einzustudieren. Es kann ein Schneebrett wegrutschen. Eine Landung schon zu sehr zerbombt sein. Oder du bist zu schnell und verpasst ein Cliff. Früher stand ich am Start und hatte teilweise keine Ahnung, wo ich lang fahren soll, alles war einfach nur weiß. Aber jetzt habe ich meistens einen exakten Plan.

Wie erstellst du diesen Plan?

Natürlich schaust du dir vorher alles mit dem Fernglas an. Sprichst mit anderen. Ansonsten folge ich meinem Motto: Keep it simple. Das passt im Leben. Und das passt bei meiner Linienwahl. Ich suche mir keine komplizierten Sachen aus, fahre lieber verspielt und flowig.

»Es war ein langer Prozess – aber ich habe gelernt, auf mich zu hören. Und wurde durch wunderbare Erlebnisse darin bestätigt.«

Arianna Tricomi

Was geschieht in deinem Kopf, wenn du unterwegs bist?

Nicht sehr viel. Vor einem Cliff in Verbier habe ich mal an einen großen Kicker im Park gedacht, um mich zu pushen. Solche Szenen können ablaufen. Ansonsten bist du so im Moment, dass du gar nicht denkst. Du fühlst, du handelst und du lebst. Ganz natürlich und sehr intensiv. Genau das ist das Besondere am Freeriden.

Hast du manchmal das Gefühl mit Ski und Stecken verschmolzen zu sein?

Mit den Stecken nicht, ich fahre auch gerne ohne. Aber die Ski auf jeden Fall, die sind beim Fahren ein Teil von mir. Wenn du im Flow bist, dann ist das alles eins.

Lebst du den Flow auch im realen Leben?

Das Treibenlassen ist schon sehr präsent. Ich habe keinen Trainingsplan, folge dem, was ich fühle, tue das, von dem ich denke, dass es gut für mich ist. Es war ein langer Prozess, aber ich habe gelernt, auf mich zu hören. Glücklicherweise wurde ich durch wunderbare Erlebnisse darin bestätigt.

Welche besonderen Erlebnisse kommen dir spontan in den Sinn?

Wir waren für ein Filmprojekt in Norwegen. Es wurde einfach nicht dunkel, und wir sind von morgens acht bis abends um zehn Uhr skigefahren. Das war unvergesslich. Außerdem erinnere ich mich an den vergangenen Winter, als es tagelang durchgeschneit hat. Wir sind im Zillertal im Powder versunken. Es war ein Tag, der eine ganze Woche gedauert hat. Wie ein Traum! Als ob es nie passiert wäre.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 6/2019

 

ARIANNA TRICOMI WURDE AM 1. AUGUST 1992 IN BOZEN GEBOREN. AUFGEWACHSEN IN DEN DOLOMITEN RUND UM ALTA BADIA, FUHR SIE ZUNÄCHST ALPINSKI-RENNEN. NACH EINEM JAHR IM SLOPESTYLE-WELTCUP WECHSELTE SIE ZUM FREERIDEN. 2015 GEWANN SIE DIE EUROPEAN TOUR, 2016 UND 2017 WURDE SIE JEWEILS DRITTE AUF DER FREERIDE WORLD TOUR. 2018 GEWANN SIE DREI VON FÜNF FWT-CONTESTS UND WURDE SOMIT WELTMEISTERIN. 2019 & 2020 WIEDERHOLTE SIE DIESEN ERFOLG. ARIANNA IST LEDIG UND LEBT IN INNSBRUCK.

@ARI_TRICOMI

 

Photos: Tobias Zlu Haller; Brett Wilhelm / Red Bull Content Pool