IM TRAINING VON BEAVER CREEK STÜRZTE ER SCHWER. EIN JAHR SPÄTER KAM AKSEL SVINDAL ZURÜCK UND GEWANN AN GLEICHER STELLE SENSATIONELL ABFAHRT UND SUPER-G. WENIGE TAGE ZUVOR FÜHRTEN WIR DIESES INTERVIEW.

 

Aksel, was macht die Gesundheit?

Mir geht’s sehr gut, danke! Mein Körper fühlt sich gut an und ich fühle mich zu hundert Prozent genesen. Das ist die eine Sache. Aber auch meine sportliche Form ist ziemlich vielversprechend. Ich stehe gut auf dem Ski, es könnte ein guter Winter werden.

Vor einem Jahr bist du im Training in Beaver Creek gestürzt und hast schwere Verletzungen erlitten. Hast du ein langes oder ein kurzes Jahr hinter dir?

Sowohl als auch. Am Anfang ging es schon sehr langsam. Es ist nicht schön, wenn man im Krankenhaus liegt. Das dauert so lange und die Fortschritte sind minimal. Aber je mehr ich trainieren und an meinem Comeback arbeiten konnte, desto rasanter vergingen die Monate. Während der letzten Wochen ist die Zeit wirklich verflogen.

Und jetzt bist du wieder voll da? So wie früher?

Ich denke schon! Ich möchte mich mit ersten guten Ergebnissen zurückmelden und so bald wie möglich unter die Top Drei fahren. Ich werde mir nicht erlauben, von vorne anzufangen. Zwischenzeitlich hatte ich 15 Kilo verloren, aber mittlerweile sind meine physischen Werte genauso gut wie vergangene Saison, vielleicht sogar ein bisschen besser. Ich möchte dort anschließen, wo ich gewesen bin und noch schneller werden.

»Blutspenden sind eine tolle Sache, um zu überleben. Aber um Leistung zu bringen, taugt fremdes Blut nicht viel.«

Aksel Lund Svindal

Dieser Unfall war ein massiver Rückschlag in deiner Karriere. Wie hast du dich die ganze Zeit über motiviert?

In den ersten Wochen hatte das nicht viel mit Motivation zu tun. Das war ein anderer Level, ich wollte einfach nur gesund werden. Ich war ja schon froh, dass ich wieder gehen konnte. Dann folgte das Training mit leichten Gewichten. Aber mir fehlte vollkommen die Energie, an richtige Einheiten war gar nicht zu denken.

Du hattest viel Blut verloren und hast Transfusionen bekommen…

Blutspenden sind eine tolle Sache, um zu überleben, und ich bin auch sehr dankbar dafür. Aber um Leistung zu bringen, taugt fremdes Blut nicht viel. Du spürst, dass es nicht dein eigenes Blut ist. Du bist sofort erschöpft und musst erst einmal zusehen, dass du deinen Körper wirklich regenerierst.

Die Ärzte haben gesagt, deine Genesung wäre außergewöhnlich schnell vorangeschritten. Gab es da ein Geheimrezept?

Ich denke, es war richtig, dass ich mich niemals unter Druck gesetzt habe. Es gab keinen Termin, kein Datum, wann ich wieder fit sein wollte. Die psychische Belastung ist hoch genug, man sollte sich keinen zusätzlichen Stress machen. Ich habe keinen Schritt ausgelassen und mich Stück für Stück rehabilitiert. Der Körper muss sich daran erinnern, wie stark er einmal war. Dafür braucht er Zeit.

Also kein Stress und auf den Körper hören?

Richtig. Der weiß ganz genau, was er braucht, und das teilt er dir auch mit. Normalerweise esse ich zum Beispiel gerne Salat und viel Gemüse. Und in den vergangenen Monaten? Habe ich mich wochenlang nur von Pasta und Fleisch ernährt. Mir haben 15 Kilo gefehlt, ich habe Kraft gebraucht und einfach nur gegessen, worauf ich Lust hatte.

Jetzt bist du wieder fit und auf Wettkampfgewicht. Kannst du deiner Verletzungspause im Nachhinein auch etwas Positives abgewinnen?

Ich hätte wirklich gerne darauf verzichtet. Aber kaum ein Skifahrer wird seine gesamte Karriere ohne Rückschlag absolvieren. Also hoffe ich, dass ich es nun hinter mir habe.

Hatte die Pause noch etwas Gutes?

Am Ende lernst du aus jeder Erfahrung, egal ob gut oder schlecht. Wenn du im Weltcup involviert bist, dann ist alles so intensiv. Du kommst kaum dazu, dich mal zurückzulehnen und in aller Ruhe zu reflektieren, was um dich herum geschieht, was du da eigentlich den ganzen Tag machst und was wirklich wichtig ist.

Was ist wichtig?

Skifahren! Ich weiß jetzt zu hundert Prozent, wie wichtig mir das Skifahren ist. Das habe ich in den vergangenen Monaten gespürt. Es hat mir so sehr gefehlt! Jetzt kann ich mir wirklich sicher sein, dass jede Minute gut investiert ist. Und auch in Zukunft werde ich versuchen, Rückschläge wegzustecken und alles für meine Karriere zu geben. Gleichzeitig habe ich aber auch verstanden, wie nebensächlich Skifahren sein kann, wenn du es mal aus der Distanz betrachtest und die Geschwindigkeit aus den Ereignissen nimmst. Es gibt wirklich wichtigeres! Du musst gesund sein. Und wenn du nicht skifährst? Dann machst du eben was anderes.

Die Gesundheit ist beim Skifahren doch gefährdet. Mit Matthias Lanzinger und Scott McCartney haben sich vergangene Saison zwei Fahrer lebensgefährlich verletzt. Sind die Rennen zu riskant geworden?

Die Athleten werden immer leistungsfähiger und das Material wurde intensiv weiter entwickelt. Wir betreiben eine Risikosportart, und da kommt es auch mal zu schweren Stürzen. Bei Geschwindigkeiten von 140 km/h ist das nicht zu vermeiden. Der Skirennsport ist wahnsinnig spannend und aufregend für alle Beteiligten. Aber wenn ein Sportler nach einem Sturz sein früheres Leben nicht mehr weiterführen kann, dann kann das natürlich nicht ganz richtig sein.

Müsste mehr für die Sicherheit getan werden?

Es wird schon viel getan, aber vielleicht könnte man noch mehr Zeit und Geld in die Forschung investieren. Beim Moto GP zum Beispiel rutschen die Fahrer nach einem Sturz bei Höchstgeschwindigkeiten über ein Kiesbett, ohne sich dabei zu verletzen. Wir haben kein Kiesbett und rauschen schon mal ungebremst mit 120 km/h in einen Fangzaun. Hier könnte man ansetzen, vielleicht mit neuartigen Fangvorrichtungen. Aber Entwicklung braucht Zeit.

Nun bist du zurück, der Weltcup hat begonnen und zum Saisonauftakt gab es trotz hervorragender Trainingsleistungen nur einen 13. Platz. War der Druck zu hoch?

Schon möglich, ich habe mich auch selbst unter Druck gesetzt. Ich weiß, dass ich ganz vorne mitfahren kann. Das möchte ich nun unter Wettkampfbedingungen beweisen.

»Stürze passieren nur, wenn du einen Fehler machst.«

Aksel Lund Svindal

Die Rennen in Übersee stehen an, es geht zurück nach Beaver Creek. Bist du nervös?

Im Gegenteil! Ich mag die US-Rennen, da ist immer eine fantastische Atmosphäre. Und ich freue mich darauf, die Menschen im Krankenhaus zu besuchen, die mich vor einem Jahr gesund gepflegt haben. Die waren echt super.

Und wenn es auf die Strecke geht?

Dann werde ich mich voll und ganz auf meine Technik konzentrieren. Stürze passieren nur, wenn du einen Fehler machst.

Also wirst du den »Golden Eagle Jump« mit Vollspeed nehmen?

Im Training werde ich versuchen, an dieser Stelle ein gutes Gefühl zu kriegen. Und dann werde ich einfach cool bleiben und mein Bestes geben.

Du machst ohnehin einen sehr entspannten Eindruck.

Stimmt schon. Aber das ist eine Charakterfrage. Man kann es im Fernsehen gut verfolgen. Es gibt Fahrer, die sich am Start richtig heiß machen und vor dem Rennen auch mal laut werden. Die brauchen das. Bei mir ist es anderes, ich versuche meine innere Ruhe zu finden. Das sind verschiedene Annäherungsversuche, die alle das gleiche Ziel haben.

Nämlich?

Schnell zu sein.

Interview by Axel Rabenstein, published in SPORTaktiv 6/2008

 

AKSEL LUND SVINDAL WURDE AM 26.12.1982 IN LOERENSKOG (NORWEGEN) GEBOREN. MIT 19 JAHREN DEBÜTIERTE ER IM SKI-WELTCUP, DREI JAHRE SPÄTER FEIERTE DER AUSNAHME-ATHLET (190 CM, 100 KILO) SEINEN ERSTEN SIEG IN EINEM WELTCUP-RENNEN. ES WAR DER START IN EINE GROSSE KARRIERE: BIS ZUM RÜCKTRITT IM JAHR 2019 WURDE ER 2X OLYMPIASIEGER, 5X WELTMEISTER UND STAND 80X AUF EINEM WELTCUP-PODIUM.

WWW.AKSELLUNDSVINDAL.COM

 

Photos: Manuel Seeger, Erich Spiess / Red Bull Content Pool